Carmen Goby im Interview: "Kräfte bündeln!"

Die Marketingexpertin ist seit dem Vorjahr Vizepräsidentin der Wirtschaftskammer Kärnten und hat sich hohe Ziele gesteckt: Sie will das südlichste Bundesland, seine Unternehmer und die Arbeitswelt fit für die Zukunft machen.

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Die gebürtige Deutsche und zweifache Mutter Carmen Goby eröffnete 2014 ihre Marketingagentur und hat sich auf ganzheitliches Marketing spezialisiert Foto: Anja Koppitsch

Weekend: Sie sind seit knapp zehn Monaten WK-Vizepräsidentin. Ist die Position so, wie sie es sich vorgestellt haben?
Carmen Goby: Ich hatte mir gar nicht viel vorgestellt. Ich war in der Vergangenheit extrem skeptisch und wollte nie in den politischen Bereich gehen. Aber wie das Leben die Geschichten halt so spielt, kam es anders. Ich habe mir angesehen, wie es in der Vergangenheit war und habe mich von dem aber nicht abhalten lassen, was Eigenes zu machen. Ich habe aus der Führungsetage die Offenheit bekommen, das zu tun was ich für das Beste halte. Und es funktioniert extrem gut.

Weekend: Welches konkrete Ziel konnten Sie bereits umsetzen?
Carmen Goby: Ich habe ja nicht nur die Funktion der WK-Vizepräsidentin, sondern bin gleichzeitig auch Landesvorsitzende von Frau in der Wirtschaft. Daher war es mir ein großes Anliegen, dass die Frau in der Wirtschaft nicht so als separate Einheit in der Wirtschaftskammer läuft, sondern dass sie sich stärker in das Kammersystem eingliedert. Da sind wir auf einem richtig guten Weg. Mein zweites Herzensthema ist die Bildung und damit auch die Unternehmer-Generation der Zukunft.

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"Die Mitarbeiter müssen wichtig sein, müssen mitgestalten können, nach Meinung gefragt werden." Foto: Anja Koppitsch
Weekend: Hier soll das Projekt „Unternehmerin macht Schule“ junge Menschen erreichen?
Carmen Goby: Ja, genau. Einerseits soll es den jungen Menschen ein anderes Bild von Unternehmerinnen vermitteln und ihnen zeigen, wie wichtig ein Unternehmen für die ganze Gesellschaft ist. Es schafft Arbeitsplätze, zahlt Steuern, wertet den Wirtschaftsstandort auf. Zweitens ist hier der Informationsrückfluss sehr wichtig. Was denken junge Menschen von den Betrieben? Wie muss ein Betrieb aufgestellt sein, dass ein junger Mensch dort gerne arbeitet? Es stellt sich nämlich nicht mehr die Frage, Betrieb A oder B, sondern bleibe ich in Kärnten oder gehe ich weg. Betriebe müssen sich so attraktiv aufstellen, dass die jungen Leute nicht nur bleiben, sondern auch zurückkommen und im besten Fall auch noch jemanden mitbringen.

Weekend: Vielfach wird ja gesagt, die jungen Leute seien faul und wollen nicht mehr arbeiten.
Carmen Goby: Ich empfinde das nicht so. Ich glaube viel mehr, sie sind resigniert, weil sie das Gefühl haben, sie, ihre Meinung und Innovationskraft sind nicht wichtig. Die Mitarbeiter müssen wichtig sein, müssen mitgestalten können, nach Meinung gefragt werden. Das ist oft sogar viel wichtiger und ausschlaggebender als passendes Gehalt. Die Welt steht den jungen Menschen offen, sie sehen, dass es woanders besser läuft. Es gibt hierzulande sehr gute Beispiele, wie Unternehmen die Ideen junger Menschen ernst nehmen. Ein größerer Industriebetrieb etwa, in dem die Lehrlinge hauptausschlaggebend in der Lehrlingsakquise sind. Lehrlinge werben Lehrlinge, betreuen Social Media-Kanäle. Oft muss man ihnen einfach den Rahmen geben, in dem sie sich ausleben können.

Weekend: Wie soll das Umdenken geschehen?
Carmen Goby: In den kommenden Jahren fallen 30.000 Menschen - Unternehmer und Arbeiter - aus dem aktiven Wirtschaftssystem raus. Wir müssen es jetzt selbst in die Hand nehmen und nicht von der Politik erwarten, dass sie etwas tut. Uns muss die Jugend wichtig sein, vor allem auch die jungen Frauen. Sie müssen sehen, dass Familienfreundlichkeit in den Unternehmen tatsächlich gelebt wird. Sie müssen erleben, dass wichtige Termine nicht nach Kindergartenende gelegt werden. Aber es braucht genauso männliche Vorbilder, die auch ihre Kinder um 16 Uhr aus dem Kindergarten holen (müssen).

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"Konkurrenzdenken hat keinen Platz, das ist Old School. Kooperationen sind die Zukunft. Arbeiten wir gemeinsam an der Zukunft Kärntens." Carmen Goby, Vizepräsidentin der Wirtschaftskammer Foto: Anja Koppitsch
Weekend: Kann das über eine Bildungsreform funktionieren?
Carmen Goby: Sehen Sie sich ein Klassenzimmer an. Wie sieht das aus? Wie vor 50 Jahren. Und wie sah die Wirtschaft vor 50 Jahren aus? Da sind Welten dazwischen. Es ist mehr Austausch notwendig. Ich bin dafür, dass sich Lehrer Betriebe anschauen. Die sind das Bindeglied und sollen wissen, wie die reale Welt aussieht, wenn das Geld nicht über irgendwelche generierten Steuern hereinkommt, sondern von der täglichen Arbeit erwirtschaftet wird. Kein Betrieb kann zehn Wochen Ferien machen. Eine Forderung von „Frau in der Wirtschaft“ ist in diesem Zusammenhang auch, dass Programmieren und Coding zu Schulfächern werden. Wir hören oft, Schüler können zwar das Technische, aber sie können nicht mit Komplexität umgehen. Sie können sich nicht in einen komplexen Prozess eindenken. Die globale Vernetzung der Unternehmen setzt auch gute Englischkenntnisse voraus, daher ist die frühzeitige Sprachförderung mit Native Speakern wichtig.

Weekend: „Neue“ Schule, freies Lernen, häuslicher Unterricht, Waldorf, Montessori - sind die alternativen Formen des Lernens förderlich für die Wirtschaft?
Carmen Goby: Von vielen Systemen gibt es ja noch keine langfristigen Erfahrungswerte. Ich bin ein Fürsprecher, dass sich junge Menschen möglichst früh ausprobieren dürfen, möglichst früh ihre eigenen Neigungen entdecken dürfen, nicht nach Fehlerquote beurteilt werden, sondern nach Fähigkeit gefördert werden. Das haben die beiden Schulmodelle Waldorf und Montessori drin. Das merkt man den Schülern an, wenn sie mit 16 Jahren selbstbewusst vor einem stehen, den Selbstwert bei sich erkennen und den einbringen können. Was nicht geht, ist aber Schule ohne Regeln. Auch in diesen beiden Typen gibt es Regeln. Die Gesellschaft braucht Regeln, sonst funktioniert das System nicht.

Weekend: Unlängst wurde beim Raiffeisen Konjunkturforum Kärnten als Tal voller Ressourcen gepriesen. Wieso werden diese nicht genutzt?
Carmen Goby: Infineon-Chefin Sabine Herlitschka ermutigte mit ihrer Keynote dazu, die Scheuklappen abzulegen, größer zu denken, nicht immer nur daran, was nicht geht. Leider werden die Unternehmer auch durch die viel zu große Bürokratie genau daran gehindert. Außerdem werden viele Ressourcen nicht eingesetzt, weil es den Alteingesessenen oft gar nicht bewusst ist, dass wir sie haben. Ich komme ja ursprünglich nicht aus Kärnten - und das Bundesland ist für mich ein Juwel. Allein die Transportachse Kärnten mit der Drehscheibe Villach ist hoch interessant. Der Schmelztiegel aus drei Kulturen ist wertvoll, um etwas weiterzuentwickeln. Weiters sind Kooperationen der Trend der Zukunft. Konkurrenzdenken hat keinen Platz, das ist Old School. Arbeiten wir gemeinsam an der Zukunft Kärntens!

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