Scharf aufs Campen: Mein Hotel bin ich

Camping & "Glamping": Die Urlaube mit Wohnmobil, Caravan und Zelt haben das Billigsdorfer-Image abgelegt und erleben einen neuen Boom.

Camping - Cover
Die Freiheit ruft: Camper unterwegs Foto: cookelma/iStock/Thinkstock

Camping kann die Hölle sein. Wenn das Zelt wasserdicht wie ein Nudelsieb ist, das Restaurant nicht einmal eine Pudelhaube verdienen würde, und die Sanitäranlagen regelrecht nach dem Gesundheitsamt schreien. Manche tun sich Camping von vornherein nicht an. Weil sie traumatische Kindheitserinnerungen an Zelturlaube mit streitenden Eltern haben. Oder sie an Moskitoschwärme am Abend und Nächte auf un­bequemen Luftmatratzen bei 30 Grad Zelttemperatur ­denken. Das Klischee vom leidensfähigen Camping­urlauber ist aber mittlerweile überholt. Wer heute einen Platz ansteuert, tut dies nicht selten mit Wohnmobilen, die preislich in die Nähe kleiner Eigentumswohnungen kommen. Oder er mietet sich dort in einem klimatisierten "Mobilehome" ein, in dem Sat-TV, Terrasse mit Blick aufs Meer und Kühlschrank mit Eiswürfelfunktion zur Grundausstattung gehören.

Beste Infrastruktur

Aus Campingplätzen sind oft regelrechte "Städte" mit bester Infrastruktur geworden. Ein Beispiel: "Marina di Venezia" an der Adria bei Venedig bietet etwa auf 70 Hektar mehr als 2.000 Stellplätze, verfügt über Restaurants, Geschäfte und Megapools zwischen 20 und 50 Meter Länge sowie über ein Wellen- und Sprudelbad. Sogar eine Kirche und ein Gesundheitszentrum sind vorhanden, Tennisplatz, Klettergarten, Animation und Minigolf sowieso.

"Glamping"

Viele Campingplätze rüsten Richtung Fünf-Sterne-Tourismus auf. Da gibt es dann Stellplätze mit eigenem WC und Dusche. Wellness, Pools, Erlebnisgastronomie, Animation und vor allem oft eine außergewöhnliche Lage zeichnen solche Plätze aus. "Glamping" ist auch, wenn die Platzbetreiber aufrüsten, um mit klima­tisierten Luxuszelten, Jurten, Fass-Häusern und Baum-­Villen die anspruchsvollere Kundschaft anzulocken. Andere Camper wollen kein Gemeinschaftserlebnis, sondern suchen Freiheit und Abenteuer, parken am einsamen Strand oder "wild" in der Pampa. In Skandinavien oder Griechenland wird dies ja zumindest geduldet. Der Zugang zum Campen ist heutzutage vielfältig – und genau das macht den Reiz aus.

Enorme Steigerung

Fest steht: Camping boomt wieder. 2017 verbuchten die österreichischen Campingplätze über 6,4 Millionen Nächtigungen. Das ist der höchste Wert seit 1992 und entspricht einem Zuwachs von acht Prozent gegenüber 2016. Alleine in Oberösterreich verzeichnete man innerhalb von zehn Jahren eine Zunahme der Camping-Nächtigungen um 44 Prozent. Die Zahl der Ankünfte auf Österreichs Campingplätzen überstieg die 1,5-Millionen-Grenze und erreichte damit ebenfalls einen Rekordwert. Die Ankünfte der Inländer haben im Vorjahr um vier Prozent auf rund 380.000 zugelegt, ihre Übernachtungen machten über 1,5 Millionen aus (plus 9 Prozent). Längst gilt Camping als ernstzunehmender Wirtschaftsfaktor. Der durchschnittliche Camper urlaubt 4,1 Tage, bleibt damit länger als andere Touristen und gibt pro Tag 50 Euro aus. Für die österreichische Wirtschaft ergeben sich dadurch jährliche Ein­nahmen in der Höhe von rund 320 Millionen Euro. Erwin Oberascher, Gründer des Bewertungsportals www.camping.info schätzt, dass zwischen 5 und 8 Prozent der Österreicher campen. Die "Camping-Europameister" sind übrigens laut Oberascher die Niederländer mit 30 Prozent Campern.

Haus auf Rädern

Auch der Fahrzeugmarkt boomt. In Deutschland haben während der vergangenen drei Jahre die Zulassungen von Wohnmobilen um 15 Prozent zugenommen. Auch Wohnanhänger sind wieder gefragt, wenn auch nicht so stark wie Wohnmobile. Für die Caravans spricht der günstigere Preis ab 10.000 Euro für ein neues Modell. Ab etwa der Hälfte bekommt man schon einen gebrauchten Caravan, der alle Register zieht. Dem gegenüber steht die Wohnmobil-Superklasse. Ab 100.000 Euro aufwärts finden sich die Dinger fast auf jedem größerem Campingplatz. In einem "Magel­lano" etwa, einem mindestens 500.000 Euro teuren, voll­klimatisierten Wohnmobil auf Lkw-Basis, dessen Ausstattung einer Hilton-Suite in nichts nachsteht, kommen ­sicher keine Beengungsge­fühle mehr auf.

Frei & flexibel

"Erstaunlich ist, dass Campingurlaub in all seinen Facetten boomt, von Radurlaub mit dem Biwakzelt bis zur Reise mit dem 100.000-Euro-Wohn­mobil", sagt Camping-Experte Erwin Oberascher. "Der wichtigste Faktor ist dabei die Flexibilität, die den Menschen immer wichtiger wird. Man ist ungebunden in zeitlicher und örtlicher Hinsicht." Also: Vergiss das Hotel, das nur im Reiseprospekt so toll ausgesehen hat, in der Realität aber in der Einflugschneise des Flughafens liegt – beim Camping bist du dein eigenes Hotel und verlegst es nach Lust und Laune. Vergiss die Betonburgen in Malle, an der Costa Brava und der Adria, im Landesinneren gibt’s auch was zu entdecken.

35,50 pro Nacht

Das Mieten eines Wohnmobils um 100 Euro pro Tag plus Campinggebühren und Treibstoff ist für Familien mit Kindern unter Umständen günstiger als das Pauschalarrangement aus dem Katalog. Noch sind die Übernachtungspreise relativ günstig, wenngleich sie jedes Jahr zulegen. Laut ADAC zahlen zwei Erwachsene mit einem 10-jährigen Kind in diesem Sommer durchschnittlich 35,50 Euro für eine Übernachtung auf einem europäischen Campingplatz. 70 Euro sind aber durchaus auch möglich. Mit einem Durchschnittspreis von 29,13 ist Deutschland das günstigste Camper-Land, Schweiz und Italien die ­beiden teuersten Länder (46,7 und 46,3 Euro).

Gut durchmischt

Auf Campingplätzen trifft man auf temporäre Gemeinschaften von Alten und Jungen, Paaren mit Kindern, Hundebesitzern, Wohlhabenden und Leuten, die jeden Euro umdrehen müssen. Es gibt eilige Durchreisende, die frühmorgens wieder verschwinden und Dauercamper, die ihren Außenbereich mit Zaun, Geranien und Gartenzwerg adaptiert haben. Kontakte sind flott geknüpft – kein Wunder, wird doch das, was üblicherweise zur Privatsphäre zählt – Kochen, Essen, ­Ausruhen, Zähneputzen und Kindererziehen – öffentlich zur Schau gestellt. Der deutsche Kulturwissenschafter Matthias Badura hat in Feldstudien das Sozialleben auf Campingplätzen studiert und eine Doktorarbeit darüber verfasst. Auf den Plätzen etabliere sich eine "verkleinerte Spielwelt außerhalb der Alltagszwänge", resümiert er. Auch die Haupt­beschäftigung vieler Camper hat er analysiert: "Dies sind die entspannte Untätigkeit sowie das Beobachten anderer Menschen."

Short-Talk mit Ronald Stelzer

www.die-camper.com

Warum boomen derzeit Urlaube mit Wohnmobilen?

Die meisten suchen Individualität und Freiheit. Mit dem Wohnmobil kann ich jederzeit weiterziehen, wenn mir ein Ort nicht gefällt. Bei unseren Reisen ist der Weg das Ziel – es gibt kaum eine schönere Art andere Länder und Leute in Form einer Rundreise kennen­zulernen und dabei Komfort zu ­haben. Mit dem Wohnwagen ist man im Grunde eher an eine Destination gebunden.

Wie sieht ein optimaler Campingplatz heute aus?

Das kommt darauf an, was man will! Viele stehen ja quasi nie am Campingplatz. Aber wir wissen von vielen Gesprächen, dass für Camper das Thema Toilette (Sanitäranlagen) entscheidend ist. Dies ist ein erstaunlich wichtiges Thema. Nicht unwichtig ist für Camper auch das Umfeld – gibt es ­beispielsweise ein Restaurant in der Umgebung?

Wie sieht der typische Camper aus?

Generell sehen wir eine Verjüngung des Publikums. Die Leute wollen im Urlaub oft kein langweiliges Hotel mehr, sondern eben Freiheit. Viele Familien sind auf diese Art unterwegs, weil das Campen in der Regel trotzdem günstiger ist als eine Rundreise als Familie mit Kindern in der Hochsaison. Und: Kinder lieben es zu campen – egal, ob Zelt, Womo oder Wohnwagen.