Generation y: Zufall? Bullshit! (Fortsetzung)

Fortsetzung: Geschlechtsneutralen Toiletten? Ernsthaft? Nicht-Transsexuell zu sein ist eben KEIN Zufall.

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Johannes Roth, Chefredakteur des Weekend Magazins Steiermark Foto: Weekend Verlag

Fortsetzung von Generation y: Zufall? Bullshit - Teil 1

„Ich hatte Glück“, schreibt Victoria Libal auf zeit.de, „dass meine Eltern keine Alkoholiker sind, dass sie sich um meine Hausaufgaben gekümmert haben, dass sie genug Geld hatten, damit ich sorgenfrei studieren konnte. Wo wäre ich ohne diese glückliche Fügung einer Geburt als gesunder Mensch in eine funktionierende Familie?“

„Das war kein Glück, Prinzesschen!“, möchte man ihr da ins Gesicht werfen.

Das war kein Glück, denn es war geplant: Ihre Eltern haben nur bis zu einem gewissen Punkt getrunken und sich niemals gehen lassen – eben aus Angst, Alkoholiker zu werden. Sie haben sich um ihre Hausaufgaben gekümmert, weil sie wußten, dass für ihre kleine Victoria der Arbeitsmarkt sonst weniger Chancen bereit halten würde. Ein großer Teil des Ehrgeizes, den beide Eltern in ihren Jobs an den Tag gelegt haben mögen – vor allem in den schwierigen ersten Jahren ihres Arbeits- und Ehelebens – , mag von dem Gedanken getragen worden sein, dass sie ihrem Kind einmal ein Studium ermöglichen wollten. Nein, Victoria, das war kein Glück. Das war kein Zufall.

Irgendwo hineingeboren werden ist keine Garantie für Glück und Wohlstand: Familien, in denen es mehr als ein Kind gibt, wissen, wovon die Rede ist: Unter denselben Voraussetzungen mit denelben Chancen kann sich das eine Kind prächtig entwickeln während das andere Kind eine völlig andere Richtung einschlägt. Die (soziale) Prägung des Umfelds ist dabei ein nicht zu unterschätzender Faktor  – und zwar einer, der planbar ist. Migranten zum Beispiel suchen sich das Umfeld für ihre Kinder aus – zumindest verlassen sie ein augenscheinlich ungünstiges Umfeld. Für ihre Kinder ist dann die (neue) deutsche Heimat kein Ergebnis von Zufall, sondern einer Willensentscheidung der Eltern. Die trifft man zum Beispiel auch, wenn man sein Kind in einem bestimmten Schultyp zuweist. Man muss also das Milieu, indem man als Kind aufwächst, nicht fatalistisch als zufällig betrachten. 

„Ich könnte eh privat vorsorgen. Geschlechtsneutrale Toiletten? Brauche ich nicht, ich identifiziere mich zufällig mit meinem biologischen Geschlecht. Mindestlohn? So wenig habe ich in meinem Nebenjob zu Schulzeiten verdient.“

Die ganze Arroganz der Gauche caviar offenbart sich in diesen Sätzen. Die Herablassung, mit der sie sich selbst ihrer Privilegien versichert, um aus diesem privilegierten Status heraus dann Mindestlöhne zu fordern, die möglicherweise die Eltern – sofern Unternehmer – in den Ruin getrieben hätten, diese Herablassung spricht Bände. Geschlechtsneutrale Toiletten, na gut – wer braucht die schon?

Aber auch das ist kein Zufall. Denn Zufall gibt es hier nicht, nicht per definitionem. Von Zufall, sagt Wikipedia, spricht man dann, wenn für ein einzelnes Ereignis oder das Zusammentreffen mehrerer Ereignisse keine kausale Erklärung gegeben werden kann. Für das „einzelne Ergeignis” nämlich, dass sie sich mit ihrem biologischen Geschlecht identifiziere, gibt es sehr wohl kausale Erklärungen – wissenschaftliche, biologische, medizinische Erklärungen sogar. Der weit überwiegenden Mehrheit aller Menschen geht das nämlich so – und man muss hier durchaus nicht heterosexuell sein, um das nachempfinden zu können.

Zufall ist, wenn jemand sich NICHT mit seinem biologischen Geschlecht identifiziert. 0,0015 % bis 0,26 % der Bevölkerung weisen diese Besonderheit auf – der Rest, also schlimmstenfalls 99,74% der Menschheit benötigt also keine geschlechtsneutralen Toiletten. Es muss ein besonderer Zufall sein, der bedingt, dass man anders empfindet – und nicht umgekehrt. Nebenbei: Eine Gesellschaft, in der es zum guten Ton gehört, hunderttausende wenn nicht gar Millionen von Euro in einen Forschungszweig zu stecken, der letztlich darin mündet, dass diesen 0,0015% der Bevölkerung geschlechtsneutrale Toiletten gegeben wird, hat den sozialen Gedanken ohnehin pervertiert. Und eine absurdere Diskussion, als die um das Durchsetzen einer geschlechtsneutralen Sprache gibt es angesichts der Kosten, die eine solche Diskussion mit sich bringt, ja wohl kaum, solange Menschen der Strom abgedreht wird, weil sie mit den Zahlungen drei Monate im Rückstand sind. 

Also, Sie merken: Diese unsägliche Berufung auf „den Zufall“ halte ich für den größten Bullshit, den ich je als Rechtfertigung fürs Gut-sein-wollen gehört habe. In der Flüchtlingskrise wurde er besonders oft als Argument herangezogen: „Warum sollen wir, die wir es nur dem Zufall unserer Geburt zu verdanken haben, dass wir in einer der reichsten Nationen der Erde leben, den armen Wirtschaftsflüchtlingen die Teilhabe an diesem Reichtum verweigern?” 

Antwort, ganz einfach: Weil unser Reichtum kein Zufall ist. Weil hierzulande jeder von Geburt an mit einem Schuldenberg auf die Welt kommt. Weil es auch in unserer reichen Nation hunderttausende Arme gibt. Weil unsere Nation nicht so reich ist – nur die Vermögen der Reichen sind häufiger und größer. Weil man, um es gut zu haben, entweder viel arbeiten muss oder sehr clever sein, so, wie auch in Afghanistan oder Syrien. Weil die, die gut verdienen, bis zu 50 Prozent davon abgeben, um denen, die es schlechter „getroffen“ haben, ihre Armut zu erleichtern. Weil wir vor drei Generationen noch bettelarm waren und der Reichtum, so er denn tatsächlich vorhanden sei, das Ergebnis mühevoller Knochenarbeit von Generationen war. Und weil wir uns politisch so organisiert haben, dass wir keinen Krieg wie den in Syrien fürchten müssen. Vor allem aber: Weil unser „Reichtum“ begrenzt, die Armut der Welt aber unbegrenzt ist. Wir können einige, aber nicht alle an unseren Tisch setzen, die an unsere Tür klopfen. 

„Bei Wahlen“, schreibt die Autorin, „suche ich mir die Partei aus, deren Wahlprogramm das gesamtgesellschaftliche Wirken am besten im Blick hat.“ Ganz so, als ob sie das beurteilen könnte.

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