Blasmusik-Boom: Jenseits von Umtata

Auf heimischen musikalischen Äckern wächst eine mit Techno, Pop und Brass gedüngte Blasmusik heran. Die wachsende Szene hat sogar schon ihr "Woodstock" – im Innviertel.

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Blasmusik ist voll im Trend - und klingt besser denn je zuvor Foto: Dmytro Babichenko/iStock/Getty Images Plus/Getty Images

Sie sollten den Kohlestaub aus ihren Lungen blasen, den tristen Alltag vergessen und sich weniger be­saufen. Das waren die Gründe für die Gründung der ersten "Brass Bands" ("Blechbläser-Kapellen") von Minenarbeitern im frühindustriellen England. Für die Mitglieder der "Austrian Brass Band" (ABB) dürften diese Motive kaum noch eine Rolle spielen. Die 34 Musikstudenten der Kunstuniversität Graz spielen in dieser Formation, weil sie ihnen die Möglichkeit gibt, ihre Blasinstrumente auszureizen wie in keiner anderen Musikrichtung sonst.

Äußerst virtuos

Die Spieler der sonst so behäbigen Tuba legen da Läufe hin, dass den Zuhörern vor Staunen das Kinn auf die Brust klappt. Ein aus bis zu 35 Musikern bestehendes Brass-Orchester erreicht eine Bandbreite an Dynamik und Chromatik, die einem Symphonieorchester mit 100 Mitgliedern in nichts nachsteht. Wer einmal einer guten Brass-Gruppierung zugehört hat, zum Beispiel der "ABB", der "Brass Band Fröschl Hall" oder auch "da Blechhauf’n", um nur einige der wichtigsten österreichischen Player zu nennen, der hört, worum es geht. Mit stampfender Festzeltbeschallung hat "Brass" nichts mehr zu tun.

Blasmusik neu

Bands wie etwa auch die "Brass Banda" (D) oder auch "Mnozil Brass" (A) bekommen es hin, dass sogar Zeitgenossen, bei denen allein schon das Wort "Blasmusik" eine allergische Reaktion auslöst, eine regelrechte Brass-Sucht entwickeln können. Die britische Kumpel- und Heilsarmee-Musik begann vor rund 20 Jahren bei uns populär zu werden. In etwa zum selben Zeitpunkt erlebte auch die traditionelle heimische "Blasmusi" ein großes Revival – das bis heute andauert. "Umtata" ist auch hier mittlerweile passé: Es wird spartenübergreifend gecovert, es wird neu komponiert und stilistisch experimentiert, dass es eine Freude ist.

Aktive Szene

Neue Gruppen entstehen im Wochentakt und drängen auf die Bühnen, die Zahl der Blasmusik-Wettbewerbe, der Trachten-Clubbings und Festivals ist im deutschen Sprachraum kaum noch überschaubar. Hotspot der Szene ist Bayern, aber auch in Österreichs Discos und Bierzelten wird geblasen, was das Zeug hält. Es ist wohlgemerkt eine breite Bewegung von aktiven Musikanten, getragen wird sie von den ländlichen Kapellen und den Musikschulen, die sich über mangelnden Zulauf nicht beklagen können.

Hohes Niveau

Auch der Musiker Jürgen Uitz, der seit zehn Jahren im Bezirk Gmünd im nördlichen Waldviertel das internationale Festival "Der Böhmische Traum" organisiert, spricht von einem Boom. "Ja, in der österreichischen Blasmusik-Szene tut sich enorm viel." Uitz sagt, dass sich das Niveau und die stilistische Bandbreite stark verbessert hätten. "Früher haben die Buben bei der Musik halt Trompete oder Posaune gespielt und die Mädels Querflöte oder Klarinette. Heute sind alle Instrumente für alle interessant."

Der Startschuss

Der Name des von Uitz und Mitstreitern organisierten Festivals spielt auf den Ohrwurm "Der Böhmische Traum" von Norbert Gälle an. Die leicht melancholische Polka aus dem Jahr 1997 gehört heute zum Standardrepertoire jeder besseren Kapelle und gehört zusammen mit "Von Freund zu Freund", dem "Rainer-Marsch" und dem "Land Tirol die Treue" zu den Hymnen der Blasmusikfans. Uitz behauptet, dass der Hitparaden-Höhenflug der Komposition die Initialzündung für die Blasmusik-­Renaissance gewesen sei. "Bis in die Mitte der 90er-Jahre war das Repertoire recht dürftig. Da hat man landauf, landab immer genau dieselben Polkas, Märsche und Lieder gehört."

Leistungsschau

Heute – keine Spur mehr von Ödnis. Bei der Großveranstaltung "Woodstock der Blasmusik" in Ort im Innkreis kann man sich ein Bild von der Bandbreite machen. Das Festival ist eine Art Leistungsschau der Branche und zeigt ein Spektrum von traditionell (etwa Oberkrainer) über sehr gediegen (Brass und klassische Bläser) bis hin zu punkig und Techno-lastig. Das Bläser-Woodstock hat sich im achten Jahr seit der Gründung zu Österreichs größtem Blechbläserfestival ausgewachsen. Im Vorjahr strömten bereits 60.000 Fans auf die Festwiese im Bezirk Ried – das ist ein Drittel der Besucherzahl von "Nova Rock" in Nickelsdorf, Österreichs größtem Open-Air-Festival.

"Gesamtspiel"

Höhepunkt jedes Woodstock-Festivals ist das Gesamtspiel. Am frühen Samstagnachmittag greifen Massen an Besuchern zu ihrem Instrument und musizieren unter freiem Himmel unter einem namhaften Dirigenten. Bisheriger Rekord: 15.000 Musiker.

Blasmusik-Festivals

  • 09. – 14. Juli 2019 Mid Europe, Schladming (A)
  • 19. – 21. Juli 2019 Blasius – Blasmusik zum Niederknien! Fremdingen (D)
  • 01. – 04. August 2019 Brass Wiesn Festival, Eching bei München (D)
  • 22. – 25. August 2019 World Blasmusik Days, Bad Schussenried (D)
  • 26. Oktober 2019 1. Österreichischer Blasorchesterwettbewerb der Höchststufe, Grafenegg (A)
  • 25. – 28. Juni 2020 Woodstock der Blasmusik, Ort im Innkreis