Berufe der Zukunft

Qual der wahl. Für viele startet das letzte Schuljahr. Aber was kommt danach?
Lehre oder Studium? IT, Handwerk oder Sozialbereich? Welche Berufe Zukunft haben und wovon man lieber die Finger lassen sollte: Das sagen die Experten.

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Welche Ausbildung macht Sinn?  Foto: Khosrork/iStock/Thinkstock

Die Berufswahl ist eine Entscheidung von enormer Tragweite im Leben eines jungen Menschen. Eine Situation, die nicht nur für Jugendliche überfordernd sein kann. Auch als Elternteil zerbricht man sich den Kopf, was man seinem Sprössling für diese Entscheidung mitgeben soll. Als Faustregel gilt: Beraten ja, unter Druck setzen nein. Aber was soll man raten in einer Zeit, in der traditionelle Berufsbilder wegbrechen und sich Technologie und Gesellschaft rasend schnell zu ändern scheinen?

Qualifizierung zählt

Die Auswahl an Berufen und Ausbildungen ist vielfältig wie nie zuvor. Was, wenn man falsch wählt? "Die Zeiten, in denen wir ein Leben lang ein und demselben Beruf nachgegangen sind, sind vorbei", sagt Fabian Stephany, Experte für Digitalisierung und Bildungsfragen bei der Agenda Austria. Und Sozialministerin Beate Hartinger-Klein, auch zuständig für den Bereich Arbeit, betont: "Wichtig ist auf jeden Fall, dass sich junge Menschen über die Pflichtschule hinaus weiterbilden." Denn der Trend am Arbeitsmarkt geht deutlich in Richtung Höherqualifizierung. Das bedeutet nicht automatisch Uni-Abschluss. "Ob man eine Lehre oder besser ein Studium beginnt, lässt sich nicht konkret sagen. Derzeit spricht einiges für die Lehre, da es mehr offene Lehrstellen als Lehrlinge gibt", so Hartinger-Klein.

Digitalisierung nimmt zu 

Worauf es ankommt, ist die Ausbildung abzuschließen. In Zukunft werden 30 Prozent der Jobs für Hilfsarbeitskräfte wegfallen. Das geht aus einer Studie des Instituts für Höhere Studien (IHS) hervor. Auch Maschinenbediener (minus 18 Prozent) und Handwerker (minus 19 Prozent) sind gefährdete Berufe. Ein Grund dafür ist die zunehmende Digitalisierung. "Digitale Technologien, wie intelligente Algorithmen, kommen in immer mehr Berufen zur Anwendung", sagt Stephany. "Das bedeutet keinesfalls, dass Jobs vernichtet werden. In vielen Branchen, wie in der Medizin oder im Journalismus, beobachten wir jetzt schon, dass Mensch und Maschine enger zusammenarbeiten." Dadurch ändern sich Arbeitsaufgaben und Abläufe, Routinetätigkeiten ent­fallen, neue Berufe entstehen.

Verkäufer im digitalen Zeitalter 

Ein Beispiel dafür findet sich derzeit im Einzelhandel. "Die Digitalisierung wirkt sich auch im Markt vor Ort aus, da stationärer und Online-Handel nahtlos ineinander greifen", erzählt Florian Gietl, CEO / COO von MediaMarktSaturn. Der Elektrohändler bietet seit heuer zwei neue Lehren an. Neben dem "E-Commerce Kaufmann" steht der Ausbildungsschwerpunkt "Digitaler Verkauf" zur Wahl. "Dieser Schwerpunkt bietet Know-how und grundlegende Kompetenzen im Bereich Multichannel-Selling", so Gietl. Lehrlinge lernen Online-Anfragen zu beantworten und unterschied­liche Kanäle miteinander zu verbinden. Dazu gehört auch, mobile Devices im Verkauf und Beratungsgespräch einzusetzen. Auch Deichmann bietet die Ausbildung zum E-Commerce-Kaufmann heuer erstmalig an. "Der Unterschied zur herkömmlichen kaufmännischen Lehre liegt darin, dass die Ausbildung die Vermittlung von Fähigkeiten aus den Bereichen Verkauf, IT, Logistik und Marketing umfasst", sagt Georg Müller, Geschäftsführer bei Deichmann.

Nachfrage in der IT

Generell wird die IT künftig eine noch fundamentalere Rolle spielen. "Data-Analysten, ­Datensicherheitsspezialisten, Social-Media-Experten usw. waren vor wenigen Jahren noch kaum ein Thema. Heute werden sie an allen Ecken und Enden gesucht", sagt Wolfgang Bliem vom Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft (ibw). "RobotikerInnen und 3D-DruckspezialistInnen könnten bald schon eine ähnliche Entwicklung nehmen." In Zukunft sollte man Stephany zufolge die Sprache der Algorithmen verstehen bzw. ein Grundverständnis von Programmiersprachen und Computercode haben. Zudem sollte man eine Ahnung haben, wie technische Entwicklungen funktionieren. "Das muss nicht im Detail sein", sagt Bliem. "Aber grundlegend zu wissen, wie ein Smartphone oder 3D funktioniert, was eine Blockchain ist usw., wird immer wichtiger. Und natürlich wird es viele Menschen brauchen, die diese Dinge auch im ­Detail verstehen." In der IT- Branche allein werden europaweit bis 2020 rund eine Million Fachkräfte fehlen. Gefragt sind hier übrigens nicht nur Akademiker, ­sondern auch Lehrlinge und Maturanten. Die wichtigste Voraussetzung ist Lernbereitschaft.

Goldgräber der Zukunft

"Wie schnell sich digitale Technologien weiterentwickeln werden, ist schwer abzuschätzen", sagt Stephany. Eines ist jedoch sicher: "Daten" spielen eine tragende Rolle in den Berufsbildern der Zukunft. Nicht nur Social-Media-Plattformen sammeln permanent Informationen über uns. Auch intelligente Produktions­­sys­teme der Industrie 4.0 ­dokumentieren sekündlich Dutzende Parameter. Welche Schätze es in diesen Daten­bergen zu entdecken gibt, kann man heute nur erahnen. Zukunftsforscher Univ.-Prof. Wilfried Sihn ist überzeugt: "Big Data Analysten sind die Goldgräber der Zukunft."

Auf die Skills kommt es an

Eines sollte man dabei nicht aus den Augen verlieren: Das klassische Berufsbild gibt es morgen vielleicht gar nicht mehr. "Es ist wichtig, dass wir uns bei der Frage nach den Berufen der Zukunft mehr auf die erforderlichen Kompetenzen, Fertigkeiten und Qualifikationen konzentrieren und weniger die Vorhersage versuchen, welche Berufe wegfallen oder neu entstehen", mahnt Bliem. Denn nicht nur Technikskills sind in der Arbeitswelt von morgen begehrt. "Typisch menschliche Fähigkeiten, wie soziales Einfühlungsvermögen und Kreativität sind gefragt", so Stephany. Das belegt auch die Studie des ibw: Softskills werden verstärkt nachgefragt. Darunter versteht man vor allem persön­liche und soziale Kompetenzen wie Kreativität, Stress­resistenz, Lernbereitschaft, Kommunikation oder vernetztes Denken. Bliem bringt es auf den Punkt: "Was unterscheidet mich als Menschen von Robotern und Algo­rithmen? Was kann ich als Mensch besser? Diese Fähigkeiten gilt es zu entwickeln."

Neue Services entstehen

Insbesondere im Hinblick auf den zweiten großen Megatrend unserer Zeit sind diese Fähigkeiten gefragt: die Überalterung unserer Gesellschaft. In Österreich werden bis 2050 allein 40.000 weitere Pflegekräfte gebraucht. Zusätzlich zur steigenden Lebenserwartung altern wir heute deutlich gesünder. Daraus werden sich neue Berufsfelder, wie etwa der Senioren Lifestyle-Designer, ergeben. Die Nachfrage nach persönlichen Dienst­leistungen wird übrigens quer durch alle Altersschichten steigen. "Dadurch, dass wir immer mehr Dinge selber machen, die früher Spezialisten für uns erledigt haben, wie die Buchung einer Urlaubsreise, bleibt immer weniger Zeit für die Dinge des Alltags", sagt Bliem. "Hier setzen neue, ­kreative Ideen wie Aufräumcoaches oder Personal Shopper an, die uns in Aufgaben des Alltags unterstützen und damit neue Geschäftsfelder und Beschäftigungschancen eröffnen." Aber, so Stephany: "Auch Experten lagen mit ­ihren Vorhersagen über die Zukunft schon oft daneben. Grundsätzlich ist daher zu empfehlen, ein Leben lang ­flexibel zu bleiben."

Wissenswertes

Die Lehre im Aufschwung

Österreichweit stehen seit Juni 13 neue Lehrberufe zur Auswahl. Ein Beispiel dafür ist die kürzlich eingeführte Lehre zum E-Commerce-Kaufmann. Nicht nur die neuen Ausbildungen bieten eine attraktive Zukunftsperspektive. "Auch das traditionelle Handwerk könnte durch die aktuellen Entwicklungen eine neue Blüte ­erleben", sagt Bliem. Gängige Klischees wie "wer nichts kann, muss eine Lehre machen" oder "wer ungeschickt ist, muss halt weiter in die Schule gehen" sind gesellschaftlich und in der ­Berufsrealität längst überholt.

Vorteile Lehre

  • Geld verdienen statt bezahlen
  • Praxisnähe
  • Gute Übernahmechancen

Nachteile Lehre

  • Bei Wechsel eventuell Umschulung nötig
  • Für Aufstiegschancen und besseres Gehalt sind meist Weiterbildungen nötig

Vorteil Studium

  • Geringe Arbeitslosenquote unter Akademikern
  • Große Freiheit während des Studiums (Semesterferien, Selbstorganisation)

Nachteil Studium

  • Kosten
  • Hohe Selbstdisziplin ist gefragt
  • Meist recht praxisfern

Berufe mit Zukunft

Gesundheitssektor 

Die Gesundheitsbranche wird in den nächsten Jahren ein stabiles Wachstum verzeichnen. Allein bis 2020 werden laut Wifo über 40.000 Stellen im Gesundheitssektor entstehen. Die höchste Nachfrage besteht in der Pflege und Geburtshilfe.

Gesucht sind:  

  • ÄrztInnen
  • PharmazeutInnen 
  • KrankenpflegerInnen
  • MedizintechnikerInnen
  • GeburtshelferInnen
  • PflegehelferInnen 

Umweltschutz

Neue Verordnungen zwingen Unternehmen zum Umdenken. Deswegen suchen sie u. a. nach:

  • RessourcenmanagerInnen  
  • UmweltanalytikerInnen
  • RecyclingtechnikerInnen

IT und Technik

In der Technik, Ingenieurwesen, Datenverarbeitung und IT finden sich aktuell jede Menge Mangelberufe. Die Situation wird sich in den kommenden Jahren weiter verschärfen. Es fehlen vor allem:  

  • Software-EntwicklerInnen
  • ElektrotechnikerInnen
  • MechatronikerInnen
  • ProgrammiererInnen
  • DatenspezialistInnen

Service und Tourismus

Mit mehr Arbeit, die von Robotern übernommen wird, werden neue Serviceberufe für Menschen entstehen. Aktuell gesucht werden vor allem in Hotellerie und Gastgewerbe in Westösterreich:

  • Koch/Köchinnen  
  • GastgewerbeassistentInnen
  • Restaurantfachmänner/-frauen

Short Talk

Wolfgang Bliem, beschäftigt sich am ibw unter anderem mit den Themen Bildungs- und Berufsinformation sowie Arbeitsmarktforschung.

Herr Bliem, welchen Ratschlag ­würden Sie jungen Leuten für ihre Berufswahl geben?

In der Öffentlichkeit wird häufig gefordert, dass sich Jugendliche stärker für technische, naturwissenschaftliche und informationstechnische Berufe entscheiden sollen. Natürlich bieten diese ­Bereiche voraussichtlich gute Zukunftsperspektiven. Das hilft aber jenen Jugendlichen nicht, die kein Interesse oder keine Begabung für diese Bereiche mitbringen. Wobei: Interesse wächst manchmal mit der Auseinandersetzung mit ­einem Thema – und Begabung wird oft nur nicht erkannt und kann entwickelt werden. 

Nach welchen Kriterien sollte man sich dann für einen Beruf ­entscheiden?

Die wichtigsten Kriterien für eine gelungene Berufswahl sind auch in Zukunft das Interesse für einen Bereich, eine Tätigkeit und eine grundsätzliche Eignung oder Begabung dafür. Wenn ich mit Herz bei einer Sache bin und das, was ich mache auch gut kann, wird mir die Ausbildung leichter fallen, die Bereitschaft mich laufend ­weiterzuentwickeln wird größer sein – und die Zufriedenheit im Beruf und damit im Leben ­insgesamt wird höher sein.

 

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