Alarmstufe Rot für Alpinretter

Schwarze Schafe sorgen bei Alpinrettern für Ärger. Haben Winterfans genug Respekt vor der Natur? Experten halten mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg.

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Rund um die Uhr im Einsatz: Alpinretter sind im Winter im Dauerstress Foto: Jarek Fethke/iStock/Getty Images Plus/Getty Images

Und immer wieder "auffi muass i". Wird es draußen weiß, treibt es Skitourengeher, Schneeschuhwanderer, Eiskletterer und Co. in die Alpen. Dort wird laut Statistik des Österreichischen Bergrettungsdienstes – quer durch alle ­Jahreszeiten und auf allen ­Höhenstufen – immer öfter Alarm ausgelöst. Auf den Ruf der Natur folgt der Hilferuf – nicht immer aus reiner Not. Manchen Ver(w)irrten, die mit Leichtsinn gesegnet sind, fehlt es an Risikoeinschätzung und Respekt. Auch vor den Rettern, die für sie freiwillig und für Gottes Lohn ins Gebirge steigen.

Alpine Ausreißer

Jänner 2019, Mayrhofen in Tirol: Vier Wintersportler sitzen im Schnee fest. 15 Bergretter suchen stundenlang nach dem Quartett – und brauchen dafür nach dem Geschmack der verschollenen Alpinisten einfach zu lang, was diese Medienberichten zufolge lautstark und nicht unbedingt dankbar kundtun. Februar 2019, Tannheim in Tirol: Zwei Wanderer sind bei hoher Lawinenwarnstufe im Gelände unterwegs und bleiben im Schneesturm stecken – vorerst. Nach ihrer Rettung wollen sie die Rechnung in Höhe von 2.261 Euro nicht ­begleichen. Begründung: Der Einsatz der Helfer sei "über­dimensioniert" ausgefallen. Klein-Klein hätte es wohl auch getan. Gedroht wird mit Klage. Ähnlich gelagert ein weiterer Fall, der sich im Vorjahr in Osttirol abgespielt hat. Als die gerufene Bergrettung eintrifft, will der Bergfex vom Abtransport nichts mehr wissen – obwohl er später in ärztliche Behandlung muss. Die Forderung von 663,34 Euro wird ignoriert. Wegen "missglückter Rettung" denkt der Verletzte gar über Schadenersatz nach, wie Medien berichten.

Mentalitätsfrage

Von Ausrutschern und "absoluten Ausnahmen", spricht Martin Gurdet, seines Zeichens Geschäftsführer des Bundesverbandes des Österreichischen Bergrettungsdienstes. "Die wirklichen Problemfälle liegen glücklicherweise nur im Promille­bereich bei insgesamt knapp 10.000 Einsätzen, die die freiwilligen Bergretterinnen und Bergretter pro Jahr leisten. Diese sind aber umso ärgerlicher." Die in den (Sozialen) Medien herumgeisternden schwarzen Schafe, die auch er aus vereinzelten Rettungen und Bergungen kennt, würden im Gegenzug geradezu neue Sympathiewellen in der bergaffinen Bevölkerung auslösen. "Die Wertschätzung unserer Arbeit steigt wieder." Kritik übt er jedoch an der Vollkasko-Mentalität vieler, die auch vorm Berg nicht halt­macht. Frei nach dem Motto: Jemand wird’s schon richten!

Tausende unverletzt geborgen

Das vermeintliche Rundum-Sorglos-Paket für die Erschöpften und im Gebirge Gestrandeten hinterlässt Spuren in der Statistik. Im letzten Jahr wurden bereits über 3.000 Personen unverletzt geborgen, Tendenz wohl auch 2019 weiter steigend. "Grundsätzlich gibt es ein Recht auf Rettung, sofern keine Gefahr für das Leben der Mannschaft besteht", betont Gerhard Mössmer vom Österreichischen Alpenverein. Rechtsanwalt Dominik Kocholl – selbst passionierter Sportkletterer, Tourengeher und Ausbildner im Tiroler Bergsportführerverband – will Unverbesserliche dennoch verstärkt in die Pflicht nehmen und weiter aufklären. Denn: "Eine Rettung ist weder eine Standarddienstleistung mit klagbarem Rechtsanspruch, noch ein ‚Taxi- service‘ heimwärts." Überhöhtes Anspruchsdenken, ­Beschimpfungen oder offensichtliche Undankbarkeit seien eindeutig fehl am Platz.

Wissenslücken

Sein Appell? Weniger den scheinbar imposanten Berghelden aus dem Internet nacheifern, mehr Kompetenz in Eigenverantwortung entwickeln. "Gerade wenn es mal nicht so ­ideal wie geplant läuft, braucht es viel Erfahrung und Sicherheitsreserven", weiß der Bergsportrechtsexperte. Auch aus vermeintlichem Zeitdruck heraus würden nicht nur Greenhorns schneller leichtsinnig. Nachsatz: "Der im Variantengelände um sich greifende Wettstreit um die unverspurten Tiefschneehänge spielt hier leider manchmal auch eine fatale Rolle. Der Berg ist auch übermorgen noch da; die Natur ist immer stärker.“"

Daten & Fakten

  • Rettungskosten: Laut Rechtsexperten werden bis zu 10.000 Euro in Rechnung gestellt.
  • Wer zahlt? Der Verunfallte/Gerettete, im Idealfall über eine Versicherung (Freizeitpolizze, Kreditkarte - das Kleingedruckte lesen!). Die Mitgliedschaft in einem Alpenverein sichert ebenfalls ab. Auch als Förderer der Bergrettung (Jahresbeitrag: 28 Euro) ist man "safe".
  • Recht auf Rettung? Grundsätzlich ja, aber nicht auf das "Wie" und "Wann".
  • Einsätze am Berg: Laut Bergrettungsdienst 7.615 im Jahr 2015, 7.987 im Jahr 2016, 9.051 im Jahr 2017 und 9.607 im Jahr 2018.

4 goldene Regeln am Berg

  1. Gut ausrüsten: Das richtige Material finden und auch beherrschen können. (Plus: Auf Wasser und Powerriegel nicht vergessen!)
  2. Richtig trainieren: Sich konditionell auf den Berg vorbereiten; auf eigene Leistungsgrenzen achten - und diese nicht überschreiten!
  3. Umschauend planen: Sich und andere über die gewählte Tour informieren; genug Zeit einkalkulieren; auf Wetterwarnungen achten
  4. Im Krisenfall: Alpin-Notruf 140 oder Euro-Notruf 112 absetzen!