Barrierefreie Kommunikation

Der Begriff „Leicht verständliche Sprache“ kommt uns immer öfter zu Ohren und ist der Schlüssel zur Teilhabe am gemeinsamen Leben im Alltag und in der Freizeit. Aber was sich dahinter verbirgt, wer und warum man das macht, ist für viele noch ein Rätsel. Wir gingen der Sache auf den Grund und haben die Expertin Martina Nußbaumer von capito Vorarlberg (Kommunikations-Agentur FischKOM) über die Hintergründe von „Leicht verständlicher Sprache“ befragt.

Leichter Lesen
Für capito-Vorarlberg/Liechtenstein bietet das Kommunikationsbüro FischKOM mit Martina Nußbaumer und Renate Fischer alles rund um barrierefreie und aktuelle Kommunikation. Foto: Chance Leben

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Weekend: Wo kommt  „Leicht verständliche Sprache“ zum Einsatz?
Martina Nußbaumer: Wenn ein Text viele Fremdwörter, Fachbegriffe und Schachtelsätze hat, ist er erstens schwer zu lesen und zweitens schwer zu verstehen. Wir übersetzen solche Texte in eine leicht verständliche Sprache.

Weekend: Wer oder wie viele Personen brauchen Inhalte in leicht verständlicher Sprache?
Martina Nußbaumer:
Mehr Personen als Sie denken! Neben Menschen mit Behinderungen umfasst die Zielgruppe auch ältere Menschen, Menschen mit Migrationshintergrund oder auch für Touristen sind Informationen in leicht verständlicher Sprache genauso hilfreich wie für eine der größten Gruppen: Menschen mit geringem Bildungsniveau.

Weekend: Was versteckt sich hinter dem Begriff „Sprachniveau“? Kann man die deutsche Sprache tatsächlich kategorisieren?
Martina Nußbaumer:
Alle die schon einen Sprachkurs gemacht haben, kennt wahrscheinlich die Sprachstufen A1, bis C2. Wenn man beispielsweise das Sprachniveau A1 erreicht, hat man einen Wortschatz von rund 500 Wörtern und kann einfache Alltagssätze sprechen, lesen und verstehen. Dieselben Richtlinien gelten auch für Deutsch. Wir übersetzen schwierige Texte in die drei grundlegenden Sprachstufen A1, A2 und B1.

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„Leicht verständliche Sprache trägt dazu bei, Informationen besser zu verstehen. Jeder soll sich über die Arbeit im Vorarlberger Landtag informieren können.” Dr. Christian Bernhard, Landesrat für Gesundheit Foto: Chance Leben

Weekend: Was denken Sie, welche Informationen sollten leichter verständlich werden?
Martina Nußbaumer:
Ich sehe einen sehr hohen Bedarf bei allen Unternehmen oder öffentlichen Betrieben, die mit vielen verschiedenen Menschen zu tun haben. Gesundheitseinrichtungen, Banken, Versicherungen, Land und Gemeinden, Arbeitsvermittler, Stromanbieter, Sozialinstitutionen, Museen aber auch bei vielen Industrieunternehmen, die Mitarbeiter in der Produktion beschäftigen. Formulare, Verträge, Sicherheitsrichtlinien usw. sollten leicht verständlich sein, damit jede und jeder Rechte und auch Pflichten eindeutig wahrnehmen kann. Dazu gibt es ein tolles Beispiel: Das Land Oberösterreich schickt im Bereich der Chancengleichheit alle Schreiben nur noch in leicht verständlicher Sprache aus. Seit sie das tun, haben sie über 50 Prozent weniger Rücklauf und sparen sich viel Verwaltungsaufwand und Personalkosten.

Weekend: capito hat verschiedene Gütesiegel, was zeichnen diese genau aus?
Martina Nußbaumer:
capito hat für die größtmögliche Barrierefreiheit eine einzigartige Methode entwickelt. Zuerst werden die Inhalte nach den 160 Kriterien übersetzt und dann anhand von Zielgruppenvertretern auf die Verständlichkeit geprüft. Diese Methode ist TÜV-Zertifiziert und einzigartig im deutschsprachigen Europa. Wir übersetzen in die ersten drei Sprachniveaus A1, A2 und B1, die dann mit dem jeweiligen Gütesiegel ausgewiesen werden. Wir sind überzeugt, dass es Sinn macht, sich an den Zielgruppen zu orientieren. Es ist am Thema vorbei, wenn man die Sprache nur auf das niedrigste Niveau herunterbricht.

Weekend: capito bietet auch eine App an. Kann diese übersetzen?
Martina Nußbaumer:
(lacht) Die App ist eine tolle Sache, direkt übersetzen kann sie nicht. Der Benutzer kann die App gratis aus dem App-Store oder dem Play-Store herunterladen. Über das Scannen eines QR-Codes kann man dann die leicht verständlichen Inhalte lesen. Ein Beispiel: Die APA bietet jeden Tag einen Nachrichtenüberblick in leicht verständlicher Sprache. Über einen QR-Code bekomme ich die Informationen direkt auf die App. In der App kann ich mir mein gewünschtes Sprachniveau auswählen oder mir die Nachrichten vorlesen lassen. Bilder und Videos sowie Gebärdenspach-Videos lassen sich ebenso darstellen.

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„Wir freuen uns, dass wir mit der Broschüre in ‚leicht verständlicher Sprache’ einen verständlichen Überblick zum Vorarlberger Landtag geben können.” Elisabeth Tschann, Abteilung Gesellschaft, Soziales und Integration (IVa) Foto: Chance Leben

Weekend: Gibt es Richtlinien, wie ein Text leicht verständlich wird?
Martina Nußbaumer:
Ja, jede Menge. Wir haben rund 160 Kriterien, die aus jahrelanger Forschung in Zusammenarbeit mit Sprachwissenschaftlern und eigenen Erfahrungen durch Textprüfungen erhoben wurden. Um wirklich leicht verständlich schreiben zu können, braucht man ein breites Wissen über die verschiedenen Sprachniveaus und deren Verständnis-Voraussetzungen.

Weekend: Gibt es auch aus Vorarlberg solche Beispiele?
Martina Nußbaumer:
Ja, die Firma Ölz zum Beispiel hat wichtige Richtlinien für die Produktionsmitarbeiter übersetzt. In Zusammenarbeit mit capito und der Volkshochschule Götzis entwickelte man eine Lernplattform und führte Deutsch-Intensivkurse speziell zum Firmenvokabular ein. Der Landesvolksanwalt bietet Broschüren über seine Tätigkeiten und die des Monitoring-Ausschusses an und das Land Vorarlberg hat eine tolle Landtagsbroschüre und plant noch weiteres. Ebenso sind die Sozialinstitutionen Lebenshilfe, ifs, caritas und Jupident Qualitätspartner von capito vorarlberg.

Weekend: Warum glauben Sie hat „Leicht verständliche Sprache“ Zukunft?
Martina Nußbaumer:
Die Sprachniveaus unserer Bevölkerung werden sich in nächster Zukunft nicht verbessern. Denken Sie nur an die einfache, regellose Kommunikation auf Social-Media Kanälen. Andererseits erhöht sich der Informationsfluss. Wir müssen in immer kürzerer Zeit mehr verstehen und verarbeiten. Es hilft, wenn Inhalte leicht verständlich aufbereitet sind. Zusätzlich gibt es gesetzliche Grundlagen auf EU-, Bundes- und Landesebene, die eine informelle Barrierefreiheit einforderbar machen. Nicht zuletzt glaube ich, dass alle, die Inhalte kommunizieren auch wollen, dass sie verstanden werden. Daher ist es ratsam sich an den Zielgruppen zu orientieren und dementsprechend verständlich zu kommunizieren.

Mehr Infos: www.fischkom.at/capito-barrierefreie-kommunikationV

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