Barrierefreie Kommunikation – leichter Lesen Version

Wir hören den Begriff „Leicht verständliche Sprache“ immer öfter. Aber viele Menschen wissen nicht, was er bedeutet, wer das macht und warum man das macht. Wir haben uns das genauer angeschaut und haben eine Expertin über die Hintergründe befragt: Frau Martina Nußbaumer von capito Vorarlberg (Kommunikations-Agentur FischKOM).

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Für capito-Vorarlberg/Liechtenstein bietet das Kommunikationsbüro FischKOM mit Martina Nußbaumer und Renate Fischer alles rund um barrierefreie und aktuelle Kommunikation. Foto: Chance Leben

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Der Begriff „Leicht verständliche Sprache“ bedeutet, dass wir Informationen einfacher machen. Wenn ein Text zum Beispiel viele Fremdwörter, Fachbegriffe oder Schachtelsätze hat, kann man ihn erstens schwer lesen und zweitens schwer verstehen. Wir übersetzen solche Texte in eine leicht verständliche Sprache

Gibt es Regeln, wie ein Text leicht verständlich wird?
Ja, jede Menge. Wir haben rund 160 Kriterien, nach denen wir arbeiten. Diese Kriterien sind aus jahrelanger Forschung gemeinsam mit Sprachwissenschaftlern und eigenen Erfahrungen durch Textprüfungen entstanden. Damit man wirklich leicht verständlich schreiben kann, muss man viel über die verschiedenen Sprachniveaus wissen. Man muss wissen, was sie für das Verständnis von Texten bedeuten.

Was bedeutet der Begriff „Sprachniveau“? Kann man die deutsche Sprache wirklich in verschiedene Sprachstufen einteilen?

Alle, die schon einen Sprachkurs in einer anderen Sprache gemacht haben, kennen wahrscheinlich die Sprachstufen A1, bis C2. Wenn man zum Beispiel die Sprachstufe A1 hat, kennt man ungefähr 500 Wörter. Man kann einfache Alltagssätze sprechen, lesen und verstehen. Dieselben Richtlinien gelten auch für Deutsch. Wir übersetzen schwierige Texte in die drei grundlegenden Sprachstufen A1, A2 und B1.

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„Leicht verständliche Sprache trägt dazu bei, Informationen besser zu verstehen. Jeder soll sich über die Arbeit im Vorarlberger Landtag informieren können.” Dr. Christian Bernhard, Landesrat für Gesundheit Foto: Chance Leben

Wieviele Menschen brauchen leicht verständliche Sprache?
Mehr als Sie denken! Es gibt zwei bekannte Studien im deutschsprachigen Raum, die sich damit beschäftigt haben, wie gut Menschen im arbeitsfähigen Alter Texte lesen und verstehen können: die LEO-Studie und die PIIAC Studie der OECD.

Beide kommen zu ähnlichen Ergebnissen: die LEO-Studie sagt, dass 40 Prozent unserer Bevölkerung das Sprachniveau A2 oder A1 haben. Für Vorarlberg haben wir aus der PIIAC-Studie errechnet, dass ungefähr 43.000 Menschen im arbeitsfähigen Alter die Sprachstufe A1 haben. Diese Sprachstufe entspricht laut OECD dem Leseverständnis eines 10-jährigen Kindes.

PISA bestätigt diese Situation: Jede fünfte Schülerin oder jeder fünfte Schüler kann Texte nicht ausreichend lesen und verstehen. Für mich sind das erschreckende Ergebnisse, die große Auswirkungen in vielen Bereichen haben. Sie müssen bedenken, dass die meisten Informationen von Unternehmen oder öffentlichen Betrieben in dem sehr schwierigen Sprachniveau C1 verfasst sind. C1 ist die zweithöchste Sprachstufe. Sie entspricht dem Niveau, das man bei einem Studium benötigt. Aber die meisten Informationen müssten in B1 verfasst sein. Das entspricht dem nötigen Niveau für einen Mittel- oder Hauptschulabschluss.

Was denken Sie: Welche Informationen müssten leichter verständlich werden?
Besonders wichtig ist das für alle Unternehmen oder öffentlichen Betriebe, die mit vielen verschiedenen Menschen zu tun haben. Gesundheitseinrichtungen, Banken, Versicherungen, Land und Gemeinden, Arbeitsvermittler, Stromanbieter, Sozialinstitutionen oder Museen. Wichtig sind leicht verständliche Informationen aber auch für viele Industrieunternehmen, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Produktion beschäftigen. Formulare, Verträge, Sicherheitsrichtlinien usw. sollten leicht verständlich sein. Nur so kann jeder Mensch seine Rechte und auch Pflichten eindeutig wahrnehmen. Dazu gibt es ein tolles Beispiel: Das Land Oberösterreich schickt im Bereich der Chancengleichheit alle Schreiben nur noch in leicht verständlicher Sprache aus. Seit sie das tun, gibt es um 50 Prozent weniger Berufungen, weil es weniger Unklarheiten gibt. Das spart Arbeit und Kosten.

Gibt es solche Beispiel auch aus Vorarlberg?
Ja, zum Beispiel hat die Firma Ölz wichtige Regeln für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Produktion übersetzt. In Zusammenarbeit mit capito und der Volkshochschule Götzis ist eine Lernplattform entwickelt worden. Außerdem gibt es bei Ölz Deutsch-Intensivkurse, bei denen es speziell um das Firmenvokabular geht.

Der Landesvolksanwalt bietet leicht verständliche Broschüren mit Informationen über seine Tätigkeiten und die Arbeit des Monitoring-Auschusses an. Das Land Vorarlberg hat eine tolle Landtagsbroschüre und plant noch weiteres. Außerdem sind die Sozialinstitutionen Lebenshilfe, ifs, caritas und Jupident Qualitätspartner von capito vorarlberg.

capito hat verschiedene Gütesiegel. Was zeichnen diese Gütesiegel genau aus?
capito will die größtmögliche Barrierefreiheit erreichen. Dafür haben wir eine einzigartige Methode entwickelt: Zuerst werden die Inhalte nach 160 Kriterien übersetzt. Danach prüfen wir mit Vertreterinnen und Vertretern der Zielgruppen, ob die Texte wirklich gut verständlich sind. Diese Methode ist TÜV-Zertifiziert. Sie ist einzigartig im deutschsprachigen Europa.

Wir übersetzen in die ersten drei Sprachniveaus A1, A2 und B1. Die Produkte bekommen dann das jeweilige Gütesiegel. Wir sind davon überzeugt, dass man sich nach den Zielgruppen richten soll. Es macht keinen Sinn, wenn man die Sprache nur auf das niedrigste Niveau herunterbricht.

Sie sind capito Franchise-Partner für Vorarlberg und Liechtenstein. Wie groß ist das capito Netzwerk?

Die Kommunikationsagentur FischKOM ist Franchise-Partner von capito. Renate Fischer und ich arbeiten nach dem capito Standard. Für uns war „Leicht verständliche Sprache“ eine logische Erweiterung im Textbereich. Das gesamte Netzwerk hat aktuell 20 Franchise-Partner und rund 60 Qualitätspartner in Österreich, Deutschland und der Schweiz.

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„Wir freuen uns, dass wir mit der Broschüre in ‚leicht verständlicher Sprache’ einen verständlichen Überblick zum Vorarlberger Landtag geben können.” Elisabeth Tschann, Abteilung Gesellschaft, Soziales und Integration (IVa) Foto: Chance Leben

capito bietet auch eine App an. Kann diese App Texte übersetzen?
Die App ist eine tolle Sache, direkt übersetzen kann sie nicht. Die Benutzerin oder der Benutzer kann die App gratis aus dem App-Store oder dem Play-Store herunterladen. Dann scannt man einen QR-Code und kommt so zu den leicht verständlichen Inhalten. Ein Beispiel: Die APA bietet jeden Tag einen Nachrichtenüberblick in leicht verständlicher Sprache – die APA „Top easy News“. Über einen QR-Code bekomme ich die Informationen direkt auf mein Handy oder Tablet. In der App kann ich auswählen, welche Sprachstufe ich haben will. Ich kann mir über die App die Nachrichten auch vorlesen lassen. Es lassen sich auch Bilder, Videos oder Gebärdensprach-Videos darstellen.

Warum glauben Sie hat „Leicht verständliche Sprache“ Zukunft?
In nächster Zukunft werden sich die Sprachniveaus unserer Bevölkerung nicht verbessern. Denken Sie nur an die einfache und regellose Kommunikation in den sozialen Netzwerken wie Facebook oder Instagram. Auf der anderen Seite gibt es immer mehr Informationen. Wir müssen immer mehr verstehen und verarbeiten. Und das in immer kürzerer Zeit. Es hilft, wenn Inhalte leicht verständlich sind. Außerdem gibt es Gesetze auf EU-, Bundes- und Landesebene, die barrierefreie Informationen fordern.

Nicht zuletzt ist auch dieser Punkt sehr wichtig: Wer Informationen verbreiten will, will auch, dass die Menschen die Inhalte verstehen. Deshalb ist es ratsam, sich nach den Zielgruppen zu richten und dementsprechend verständlich zu bleiben.

Mehr Informationen: https://www.fischkom.at/capito-barrierefreie-kommunikation/

(Quelle: Leo Studie und PIIAC-Studie)

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