Stirbt die Alm?

Jahr für Jahr gehen in Österreich wertvolle Almflächen verloren – über das entbehrungsreiche und auf den zweiten Blick gar nicht mehr so idyllische Leben auf der Alm.

Alm Kühe - Cover
311.000 Rinder weiden auf Österreichs Almen Foto: Tatrano/iStock/Thinkstock

"Wann wollen Sie denn kommen? Wir gehen um fünf Uhr die Kühe melken, anschließend treiben wir sie auf die Alm." Monika Mühlthaler meint es offensichtlich ernst, der erwartete und aufklärende Lacher blieb im Anschluss nämlich aus. Obwohl man als Vater eines Zweieinhalbjährigen ja die eine oder andere Frühschicht durchaus gewohnt ist, inklusive Anfahrtszeit würde ein derartig früher Treffpunkt aber doch eine gänzlich unchristliche Aufstehzeit erfordern, weshalb es dann eben doch zwei Stunden ­später ins Murtal ging.

Kitschig

Dort, nur eine halbe ­Autostunde vom benzingetränkten Red-Bull-Ring entfernt, findet man sich in einer nahezu kitschigen ländlichen Idylle wieder. Und nach einer kurzen, aber steilen Anfahrt über eine enge Bergstraße haben wir unser Ziel dann auch schnell ­erreicht – den Steinwenderhof der Familie Mühlthaler. Mutter Monika bewirtschaftet hier in diesem besonders schönen Flecken der Steiermark gemeinsam mit Ehemann Harald ("Die Gattin ist die Chefin, ich arbeite …"), ihren Kindern Annika (8 Jahre) und Stefan (17) sowie den Schwiegereltern Katharina und Karl einen von 61.640 Bergbauernhöfen Österreichs (womit wir im EU-Vergleich die klare Nummer eins sind).

Weniger Almen

Mit dem Almauftrieb wurde ausnahmsweise gewartet – "Eibe" und ihre neun Kolleginnen mögen uns den verspäteten Abmarsch zu ihrem Freiluftbuffet auf der Wallner Alm verzeihen – weitere Kühe der Familie verbringen den Sommer auf der Gaalwald- und Dullingalm. Ein österreichweiter Trend lässt sich aber auch in dieser Idylle nicht wegleugnen. Die Almflächen werden weniger, was ja auch die Statistik belegt: Gab es im Jahr 2000 noch 9.200 bewirtschaftete Almen in Österreich, sind es heute nur noch 8.100. "Wir merken es ja auch hier – die Almbewirtschaftung wird viel weniger. Viele Bauern treiben ihre Tiere heute ja gar nicht mehr auf die Alm. Die Milchproduktion im Flachland oder im Stall ist viel billiger und weniger zeitintensiv, ich denke, das ist wohl das Hauptproblem", sagt Harald Mühlthaler, als er uns im Geländewagen über eine holprige Forststraße auf die Dullingalm bringt.

Fleisch und Kas

Alle zwei bis drei Tage sieht er hier nach dem Rechten. Die beiden Ochsen der kleinen Herde werden demnächst geschlachtet – "wir vermarkten das Fleisch selbst. Da merkt man schon, dass dies in den letzten Jahren ein Thema geworden ist. Die Leute kommen immer mehr auf die Alm, wollen zurück zur Natur". Einer Entwicklung, der die Familie Mühlthaler auch Rechnung getragen hat und deshalb direkt neben dem Hof in der Steinwenderhütte im Jahr 2007 eine Jausenstation eröffnet hat und dort vom Fleisch bis zum Steirerkas herzhafte Köstlichkeiten aus der eigenen Produktion verkauft. "Wo gibt's denn sonst heutzutage noch eine echte Buttermilch? So etwas kriegst nur bei uns Bauern", ist Monika Mühl­thaler überzeugt.

Zu klein

Ihr Gatte kann ihr übrigens nur während der drei Sommermonate rund um die Uhr zur Hand gehen – ansonsten ist er hauptberuflich bei den ÖBB in St. Michael angestellt. "Mit einem Bauernhof in unserer Größe allein kannst ja nicht überleben." So sitzt er von 21 Uhr bis 5 Uhr in der Früh am Stapler und dann geht’s direkt von der Arbeit in den Stall zum Melken, ehe dann nach einem kurzen Schlaf das normale Tages­geschäft eines Bergbauern auf ihn wartet.

Bürokratie

"Urlaub“ ist hier so etwas wie ein Fremdwort – mehr als zwei Tage Skifahren auf der Riesneralm waren heuer nicht drin. Auch sonst wird das Leben als Bergbauernfamilie immer schwieriger. "Die Bürokratie mit all ihrer Zettelwirtschaft hat enorm zugenommen – normal brauchst da fast eine Sekretärin", schüttelt Monika den Kopf. Beim anschließenden Zusammensitzen vor ihrer Jausenhütte kommt auch Harald ins Grübeln: "Da schuftest Tag und Nacht und kannst dir am Ende doch nicht wirklich was leisten. Da fragst dich dann manchmal schon, warum uns keiner hilft – als Bauer musst ja auch leben können."

Daten & Fakten

  • 61.641 Bergbauern gibt es in Österreich, das sind 51 Prozent aller Landwirte in Österreich
  • 108.000 Hektar Almfläche werden biologisch bewirtschaftet
  • 311.000 Rinder (davon 51.300 Milchkühe) weiden auf den österreichischen Almen – 2000 waren es 320.300 (58.600 Milchkühe)
  • 8.100 Almen gibt es in Österreich – im Jahr 2000 waren es noch 9.200
  • Eine Fläche von 1,126.527 Hektar wird von österreichischen Bergbauern bewirtschaftet
  • 112.700 Schafe leben auf den österreichischen Almen – 2000 waren es 96.000
  • 47 Prozent des Einkommens der Bergbauern werden im Schnitt durch öffentliche Förderungen erzielt