20 Jahre Viagra: Turbo für den Sex

Die blaue Pille wird 20 Jahre alt. Pfizer schenkte der Welt ein Medikament, das die Männer von Versagensangst befreite – und setzte eine neue Partydroge in die Welt.

Liebe Bett Paar
Können, wenn man will: Auch nach 20 Jahren hält der Viagra-Boom an Foto: dima_sidelnikov/iStock/Thinkstock

Kennen Sie den? "Warum ist Viagra in Polen verboten? Weil dort alles, was länger als 10 Minuten steht, gestohlen wird." Oder den: "Warum ist Viagra eckig? Damit es dem Opa beim Herunterfallen nicht unters Bett rollt." Es gibt wohl kaum ein Medikament, das öfter als Steilvorlage für Witze dient, wie "Viagra", das Potenzmittel des US-Pharmariesen Pfizer. Die Pille ist seit nunmehr 20 Jahren in aller Munde. "Sildenafil", so heißt der Wirkstoff, war eine Zufallsent­deckung. Eigentlich suchte man in den Pfizer-Labors in Sandwich (UK) nach einem Medikament, das bei An­gina Pectoris und Bluthochdruck helfen sollte.

Zufällig entdeckt

Die Substanz sei ein Flop, berichtete 1992 ein Arzt, der die Versuchsreihe durchführte. Sie bewirke aber schöne Erektionen. Zu den Geburtsmythen von Viagra gehört, dass die Probanden von den Nebenwirkungen schwer begeistert waren. Die Substanz „UK-92480“ kam dann 1998 unter dem Namen heraus, der Geschichte schreiben sollte. Im Markennamen steckt "Vigor" ("Stärke") drin und "Nia­gara". Praktischerweise heißt "Viagra" auf Sanskrit "Tiger", was den Absatz in Indien ­erleichtert haben dürfte.

Muskelentspannung

Sildenafil greift in das Zu­sammenspiel von Hormonen, Muskeln und Blutbahnen ein. Vereinfacht gesagt, bewirkt es eine Muskelentspannung im Schwellkörper, was das Einströmen von Blut erleichtert. Nach dem Orgasmus triggert normalerweise ein Enzym den Blutrückfluss. Auch hier greift Viagra ins Lenkrad und verhindert, dass das Glied erschlafft. Die Wirkung setzt etwa 25 Minuten nach Einnahme ein und dauert im Durchschnitt etwa eine Stunde, manchmal auch länger. Mit Viagra stand erstmals ein Medikament zur Verfügung, mit dem man "Erektile Dysfunktion", vulgo "Impotenz", behandeln konnte. Bis dahin wurde Männern mit Erektions- störungen gesagt, ihr Problem sei vermutlich psychisch bedingt. Abhelfen konnte man der Erektionsschwäche in weniger schweren Fällen schon, aber nur mit einer Penispumpe oder einer Injektion eines Medikaments direkt in das gute Stück. Für das Liebesspiel sind das wenig berauschende Präliminarien. Außerdem ähneln aufgepumpte Penisse in Farbe und Temperatur einer Wasserleiche.

Altersabhängig

Erektile Dysfunktion dürfte weit verbreitet sein. Weltweit schätzt man die Zahl der Betroffenen auf 140 Millionen, in Österreich dürften rund 600.000 bis 800.000 Männer daran leiden. ED ist stark altersabhängig: Während nur 2,3 Prozent Männer zwischen 30 und 40 betroffen sind, erwischt es ­bereits die Hälfte der "Best Agers" zwischen 60 und 70 und gar zwei Drittel der 70-Jährigen. Altersunabhängig betrachtet, sind etwa die Hälfte der Erektionsstörungen organischen Ursprungs, etwa ein Drittel hat psychische Ursachen, und bei 20 Prozent der Fälle sind psychische und physische Gründe beteiligt. Diabetes, Arteriosklerose und Gefäßanomalien sind mit etwa 45 Prozent die häufigsten körperlichen Ursachen für eine gestörte Erektionsfähigkeit. Für die Männermedizin war Viagra eine Offenbarung. Männer gehen ungern zum Arzt und noch weniger gern zum Psychotherapeuten. Und dabei erzeugt nichts so sehr Versagensängste, Scham und Verzweiflung, wie wenn "er" nicht kann, wie er sollte. An echter oder vermeintlicher Impotenz scheitern Ehen, Beziehungen und Lebensläufe. Und dann kam diese blaue Pille. Eine männerkonforme Lösung schlechthin. Schalter umlegen, Selbstvertrauen gerettet, genial! Das Wort von der „zweiten sexuellen Revolution“ machte die Runde.

Milliardenumsatz

So etwas spricht sich in Windeseile rum. Wenn sich dann auch noch Promis zur blauen Pille bekennen, wie Fußballstar Pelé, Playboy-Gründer Hugh Hefner oder der Schauspieler Jack Nicholson, ist gar kein Halten mehr. Viagra wurde für ­Pfizer, was Aspirin für ­Bayer war: die Goldgrube par excellence. Seit 1998 hat Viagra dem Hersteller alleine in den USA mehr als 17 Milliarden Dollar an Umsatz eingebracht. Dabei gab es bald auch Konkurrenzmittel mit leicht abgeänderter Formel, um den Patentschutz nicht zu verletzen. Zwischen 2003 und 2005 brachten Eli Lilly "Cialis" und Bayer "Levitra" auf den Markt. Zusammen mit Viagra kommen die mittlerweile populärsten Sexhilfen auf einen welt­weiten Jahresumsatz von über vier Milliarden Dollar.

"Austro-Viagra"

Als 2013 der Patentschutz für Viagra in Deutschland, Österreich und anderen EU-Staaten auslief, kam Bewegung in den Erektionsmarkt. In Österreich sind seither mehr als zwei Dutzend Generika erhältlich, darunter auch "Direktan" von Gerot Lannach, der Firma von Ex-Wirtschaftsminister Martin Bartenstein. Das "Austro-Viagra" ist ein Produkt für Sparmeister – es kostet nämlich nur 7,95 Euro pro Stück, während man für eine Viagra-­Tablette 18,48 Euro auslegen muss. Direktan sorgt außerdem für frischen Atem, was für Geschlechtsverkehr kein Nachteil ist. Pharmafirmen hören es gar nicht gern, dass ihre Erektionshilfen mehr als eine Medikamentenklasse sind, die Prostata-Operierten wieder zu mehr Lebensqualität verhilft. Und doch ist es so: Viagra & Co waren von Anbeginn auch das, was man mit dem Begriff "Lifestyledroge" umschreibt.

Sex-Doping

Als Kokain fürs Glied werden sie auch von Männern zweckentfremdet, denen kein Arzt je ein Rezept ausstellen würde. Zwanzigjährige auf der Suche nach Spaß, gesunde Mittvierziger, die beim Seitensprung auf Nummer sicher gehen wollen oder Fußballfans, die das Auswärtsspiel ihrer Mannschaft mit einem Bordellbesuch krönen – typische Nutzergruppen, die sich schon mal mit Penis-Boostern eindecken. Geliefert werden sie von der Internetapotheke oder sie stammen vom Urlaub in Thailand, wo sie auf den Märkten in Bangkok oder Pattaya frei erhältlich sind.

Lebensgefährlich

Letzteres kann schwer ins Auge gehen. Viagra ist das meistgefälschte Medikament derzeit und wer sich – mit oder ohne Rezept – aus dem Internet versorgt, kann nie sicher sein, was die trübe Quelle liefert. Bei Stichproben von beschlagnahmten Sexpillen wurden schon die abenteuerlichsten Ingredienzien festgestellt, von Möbelpolitur über Straßenfarbe bis zu Rattenkot. Aber auch originale Lendenstärker sollten nur nach genauer ärztlicher Abklärung eingenommen werden. Es gibt Kontraindikationen, die unbedingt zu beachten sind. Viagra etwa kann ­zusammen mit Nitroglycerin oder anderen Arzneien gegen Bluthochdruck zu Ohnmacht oder einem Schockzustand führen. Gefährlich ist auch eine Entzündung der Harnröhre: Zusammen mit Viagra besteht das Risiko einer ­Dauer-Erektion, die wenn sie unbehandelt bleibt, zu Impotenz führen kann. Zu einer echten, wohlgemerkt.

Schwer bereut

Dringend abzuraten ist weiters von Selbstmedikation. Berühmt ist mittlerweile das Erlebnis des englischen Stukkateurs Daniel Medforth, der 2015 nach einer Sauftour 35 Viagra-Tabletten geschluckt hatte. "Zum Spaß", wie er sagte. Der 36-Jährige fand sich im Spital wieder, hatte Halluzinationen und sah alles in Grün. Er überlebte schließlich, seine Erektion schwand aber erst nach fünf Tagen. Die Ärzte und Pfleger seien sehr professionell gewesen, resümierte er nachher. "Aber sie hatten ziemliche Mühe, ihr ­Lachen zu unterdrücken."