Werner Aisslinger: Visionen für modernes Wohnen

In naher Zukunft werden wir vielleicht in lebenden Stühlen Platz nehmen, die in einem Stahlkorsett in Form gewachsen sind. Diese und ähnliche nachhaltige Visionen sind das Markenzeichen des Designers Werner Aisslinger.

Werner Aisslinger
Foto: JENS GYARMATY

Welcome to Utopia! Mit der „Chair Farm“, der nachhaltigsten Form eines Sitzmöbels überhaupt, hat der Deutsche im Jahr 2012 für Aufsehen gesorgt. Vor allem: Der Gedanke, einen Sessel nicht aus „toten“ Materialien zu fertigen, ist auch heute noch revolutionär. Für das Projekt wird ein lebendiger Strauch sanft in einer Stahlform fixiert und darf darin langsam zu einem fertigen Sessel wachsen. Wird schlussendlich das Stahlgerüst abgenommen, bleibt ein frei stehender, lebendiger Stuhl übrig. Heute ist die Chair Farm Teil der neuen ­Design-Sammlung im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg.

Upcycling

Nachhaltigkeit ist ein Thema, das in den Werken von Werner Aisslinger immer wiederkehrt. Es findet seinen Ausdruck in der Verwendung von natür­lichen Werkstoffen, wie z. B. Hanf oder in Konzepten wie das „Home of the Future“, ein konsequent ressourcensparendes Wohnkonzept mit Badebiotopen und Fischen als Küchen­bewohner. Die Zukunft des Wohnens liegt für den 49-Jährigen nicht in ­neuen Erfindungen, sondern in der Neuinterpretation des Vorhandenen.

Geschätzt

Eigentlich könnte Werner Aisslinger die sprichwörtliche ruhige Kugel schieben. Zwei seiner Entwürfe, die Sessel „Juli“ und „Nic“ sind im renommierten Museum of Modern Art in New York City ausgestellt, der Schweizer Möbelhersteller Vitra hat seit dem Jahr 2004 die von ihm entworfene Büro­möbelserie „Level 34“ im Programm, und er darf Auszeichnungen wie z. B. den red dot Award sein Eigen nennen.

Querdenker

Möbeldesign hat sich für lange Zeit hauptsächlich über eine (wiederkehrende) Abfolge an verschiedenen Formen und Mustern definiert. Dieses gedankliche Korsett will Werner Aisslinger nur zu gerne sprengen. Für ihn ist innovatives Möbeldesign das Erforschen und Anwenden von neuen Technologien und Werkstoffen. Was dabei sofort auffällt, auf herkömmliche Konzeptionen von Materialien nimmt der Deutsche wenig Rücksicht. Neben den Klassikern wie Holz oder Metall kommt bei ihm Exotisches wie Neopren, Gel oder Aluminiumschaum zum Einsatz.

Wohnwürfel 

Nicht nur mit seinen Materialien bleibt Werner Aisslinger immer am Puls der Zeit. Das ganze Design orientiert sich an den Bedürfnissen der Menschen. Man nehme nur den Loftcube, ein rund 40 m2 großer Wohnwürfel, der im Jahr 2003 für urbane Nomaden entworfen wurde. Praktisch ist, dass beim Umzug keine Kisten gepackt werden müssen. Es wird einfach der ganze Cube an eine andere Location transportiert. Das mobile Domizil kann auch auf dem Dach eines Hochhauses oder am Strand abgestellt werden, hier sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Mit einem Preis von 119.000 Euro für die einfachste Variante lässt sich der Loftcube durchaus als mobiles Gästequartier im eigenen Garten platzieren. Sein Design bezeichnet Werner Aisslinger als „praktisch, organisch, reduziert, poetisch und modular“. Möbel soll erlebt werden können, ja sogar Geschichten ­erzählen, nicht nur als formschöner Aufputz dienen.

Total lokal 

Was der Loftcube für den urbanen Raum darstellt, das ist der Fincube für die ländliche Umgebung. Gemeinsam mit dem Südtiroler Unternehmer Josef Innerhofer entwarf Werner Aisslinger eine weitere, naturnähere Variante seines Wohnwürfels. „Natürlicher Hitech“, erklärt der Designer. Der Fincube folgt dem selben gedanklichen Konzept wie der Loftcube, wird aber aus Materialien aus der Region, wie etwa Holz, hergestellt. Wird es nicht mehr benötigt, kann das mobile Niedrigenergiehaus wieder vollständig rückgebaut werden.

Kommode 2.0 

Die „Pad Collection“ vernetzt klassisches Möbeldesign mit den Anfor­derungen des modernen Alltags. Der Tisch aus recycelfähigem Faservlies dient dabei nicht nur als Ess- und Arbeitsplatz. Eine Klappe in der Tischplatte führt zu einer Lade, in der Mobilgeräte, z. B. während des Essens, aufbewahrt und auch gleich aufgeladen werden können. Die Lade ist dabei so bemessen, dass sogar ein Laptop darin Platz finden kann. Die frei stehende Variante, die „Pad Box“, wird als Couchtisch verwendet oder, ohne Fußteil, als Pad Panel an die Wand montiert. Die Grundfunktionen der Möbel bleiben dabei unberührt. Ist die Lade zugeklappt, steht der Tisch für z. B. das Frühstück oder Abendessen bereit. Sind die Teller abgeräumt, können die mobilen Devices wieder aus der Lade geholt werden – Akkus aufgeladen.

Wahrzeichen 

In einem seiner neuesten Werke beschäftigt sich Werner Aisslinger mit dem reichhaltigen kulturellen Erbe ­Europas. Die „Europe Collection“ für Möbelhersteller Moroso umfasst einen großen runden Ledersessel, der dem römischen Kolosseum nachempfunden ist, und einen hölzernen Kaffeetisch in Form des Brüsseler Atomiums. Letz­teres dient nicht nur als Abstellfläche, sondern fungiert auch als Lampe, Ablage und Blumentisch. Beide Möbelstücke wurden im April diesen Jahres am iSaloni 2014 in Mailand ausgestellt.

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Foto: PAUL STUART/CAMERA PRESS/PICTUREDESK.COM

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