Unser Bakterienzoo: Mikroben als tierische Untermieter

Es klingt ein wenig gruselig: Darmbakterien steuern unser Gehirn. Auf der Haut wimmelt es von Mikroben, selbst in der Lunge hausen sie. Doch es gibt keinen Grund zur Sorge, denn sie tun uns gut. Erstaunliches über unseren Bakterienzoo.

Darmbakterien
Unsere Darmbewohner sind gut für uns Foto: Thinkstock

Stellen Sie sich einen Rucksack mit zwei Ein-Liter-Wasserflaschen vor. Dieses Gewicht schleppt jeder an Bakterien mit sich herum: unser Mikrobiom. Die meisten Hausgenossen haben sich im Darm eingemietet, Tausende verschiedene Arten vermuten Forscher allein in den Eingeweiden. Noch mehr Interessantes:

1. Bakterien setzen auf Arbeitsteilung

Sie produzieren Enzyme und Vitamine, liefern Energie und wehren Keime ab: Bakterien haben vielfältige Aufgaben. Weil nicht jeder Bakterienstamm alles kann, teilen sie sich die Funktionen auf. „Eine der interessantesten Erkenntnisse der letzten 20 Jahre: Einzelne Stämme ­haben zwar Effekte, doch die medizinische Wirkung ist ­bedeutend stärker, wenn man ,Teams‘ aus Bakterienstämmen kombiniert“, sagt Mag. Anita Frauwallner, Leiterin des Instituts Allergosan in Graz. Will man sich Probio­tika zuführen, sollte man also zu Produkten mit einem ­wirkungsvollen Mix aus verschiedenen Stämmen greifen.

2. Vom Darm führt eine Nervenautobahn direkt ins Gehirn

Lust auf Süßes? Ängstlich und nervös? Vielleicht sind es Ihre Darmbakterien, die um Schokolade betteln oder eine Auszeit vom Stress brauchen. Denn der Vagusnerv sendet Signale vom Darm in das Gehirn, welches umgehend reagiert. Und zwar mit der Produk­tion (oder Reduktion) von Gaba. Gaba? Nie gehört! Es handelt sich um einen Neurotransmitter, der die Erregbarkeit der Nervenzellen ­herabsetzt. Aufgeregt oder entspannt, ängstlich oder zuversichtlich, wach oder müde hat also viel mit Gaba zu tun. Und damit mit unseren Darmbakterien. Verrückt!

3. Probiotika („gute“ Bakterien) haben keine Nebenwirkungen

Sie können auch nicht überdosiert werden. Das ist bewiesen. Auch die positiven Effekte sind durch Patientenstudien belegt, etwa die entzündungshemmende Wirkung bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen oder die Sicherstellung des richtigen pH-Wertes im Darm.

4. In jedem Menschen lebt eine andere Bakterienverteilung

Kein Wunder, bei bis zu 30.000 Unterarten! Normalerweise bleibt dieser individuelle Mix im Menschen relativ lange bestehen – „außer, man interveniert drastisch“, warnt Expertin Anita Frauwallner. Was die Bakterien gleich massen­weise vernichten kann: Stress (lässt Entzündungen entstehen), Fast Food mit Konservierungsmitteln (der biolo­gische Feind schlechthin) und Medikamente, vor allem Antibiotika.

5. Nimmt man eine Woche lang Antibiotika, sterben etwa 90 Prozent der guten Bakterien ab

Die verbleibenden „letzten Mohikaner“ unter den Bakterienstämmen können unmöglich alle anstehenden Aufgaben ausführen. Die Regeneration erfolgt nicht vollständig. Hat ein ­Jugendlicher noch etwa 400 verschiedene Bakterien­stämme im Darm, sind es bei einem 80-jährigen Pflegefall nur mehr 50. Je geringer die Anzahl der Stämme (s. Punkt 1), desto schlechter kann sich der Körper gegen Keime zur Wehr setzen, sein Stoffwechsel macht schlapp.

6. Laktoseunverträglichkeit kann sich durch Probiotika verbessern

Es gibt ­Bakterien, die Enzyme oder Zuckermoleküle spalten. Wichtig sind diese bei der Milchzuckerunverträglichkeit. Gleichzeitig sollte die durch ständige Entzündungen gereizte Darmschleimhaut beruhigt und mit einer Schleimschicht überzogen werden. Probiotika von hoher Qualität können das – die Lactose-unverträglichkeit bessert sich rasch. Probiotika gibt es in Pulverform rezeptfrei in der Apotheke.

7. Die größte Vielfalt an Bakterien-Genen befinden sich (nach dem Darm) im Mund

Amerikanische Wissenschafter entdeckten an die 8.000 Arten auf der Zunge, 4.000 im Rachen, 7.000 im Speichel. Kurios: Hinter dem linken Ohr zählten die Forscher 2.363 Arten, in der rechten Ellenbeuge 3.632. Auch die Atemwege, insbesondere die Lunge, ­beherbergen Tausende Arten winziger Untermieter.

8. Joghurtessen hilft kurzfristig

Die Probiotika-Expertin: „Joghurts, jene ohne Zucker, Emulgatoren oder Konservierungsmittel, sind gesunde Nahrungsmittel, die Einfluss auf unsere Verdauung und Abwehrkraft haben. Allerdings können sich Joghurtbakterien nicht im menschlichen Darm ansiedeln, sie gehen dem Körper also nach ein paar Stunden wieder verloren.“

Joghurt
Probiotisches Joghurt tut gut Foto: Thinkstock

9. Der Unterschied zwischen Prä- und Probiotikum

Als Probiotikum bezeichnet die Wissenschaft jene lebens­fähigen Bakterien, die einen gesundheitsförderlichen Einfluss haben. Ein Präbiotikum dagegen enthält Substanzen, die den pobiotischen Bakterien als Futter dienen, z. B. Apfelpektin. Das ist besonders wichtig nach der Gefriertrocknung (siehe Interview). Jetzt brauchen die Helfer für den Darm dringend Nahrung, damit sie groß und stark werden.

10. Dicke haben ein anderes Mikrobiom als Dünne

Aber es ist noch nicht geklärt, ob dies auch zu den Ursachen für die Fettleibigkeit zählt. Denn vielleicht ist es umgekehrt? Womöglich passt sich ja die Bakterien-besiedlung im Darm der ­Ernährung an.

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