Tour in Brasilien: Rio de Janeiro einmal völlig anders erleben

Für jene, die zur WM Brasilien besuchen, hier ein Reise-Tipp: Die Favelas von Rio de Janeiro haben einen miesen Ruf. Sie gelten als Orte der Armut und Kriminalität. Doch in Brasiliens zweitgrößter Stadt hat sich vieles geändert, jetzt gibt es dort geführte Touren.

Rio de Janeiro
Die Slums von Rio de Janeiro. Foto: Getty Images
Mit der neuen Seilbahn die Favela Alemão erkunden
Foto: APA (dpa-tmn)

Was für ein Ausblick: Aus 65 Metern Höhe schweift das Auge durch die Straßen von Ipanema zum weltberühmten Strand, von dort übers Meer zu ein paar kleinen Inseln, und dann nach rechts, wo im Hintergrund die Felskegel der "Dois Irmãos", der "Zwei Brüder", als Wahrzeichen in den Himmel über Rio ragen.

"Mirante da Paz", Aussichtspunkt des Friedens, heißt der luftige Ausguck. Er ist die Endstation eines Aufzugs, der in Rio de Janeiro seit vier Jahren zwei Welten miteinander verbindet: Unten, auf Meereshöhe, Ipanema, eines der reichsten Stadtviertel in ganz Brasilien, und oben auf dem Hügel der Cantagalo, eine Favela, ein typisches brasilianisches Armenviertel also. Dicht an dicht drängen sich die Häuser aus unverputzten Ziegelsteinen am Hang.

Führung durch die Favelas

Favela, das klingt nach Räuberhöhle und Drogenkrieg. Sie gelten als Gegenden großer Gefahr, die Angehörige der brasilianischen Mittel- und Oberschicht ihr Leben lang nicht betreten. Doch anlässlich der im Juni beginnenden Fußball-WM und den Olympischen Spiele 2016 hat sich die Sicherheitspolitik verändert: Dank verstärkter Polizeipräsenz sind die Favelas zumindest im Süden Rios nicht mehr so heiße Pflaster wie einst - und entwickeln sich langsam zur Touristenattraktion. In etlichen gibt es schon geführte Touren.

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Dicht besiedelt: Die Favelas in Rio de Janeiro. Foto: gettyimages.com

Vom Ausgang des Aufzugs führt der Weg mit ihr durch enge Gassen und über viele Treppen hinein ins Häusermeer. Jungs kicken auf einer Terrasse, Männer schleppen Bierpaletten den Berg hinauf. Zwischen Häusern und Laternenpfählen verläuft in einigen Metern Höhe ein abenteuerliches Kabelgewirr. Die vielen Satellitenschüsseln zeigen, dass kaum ein Favelabewohner mehr ohne Fernseher lebt.

Umstrittener Tourismus

Rund 20.000 Menschen leben im Cantagalo und den angrenzenden Favelas Pavão und Pavãozinho. Es sind die kleinen Leute, die unten in Ipanema und Copacabana als Hausmädchen, Kellner, Verkäuferinnen oder Wächter arbeiten. Isabell Erdmann wehrt sich dagegen, Rios Favelas als "Elendsviertel" zu bezeichnen. Es seien Arbeiterviertel. Niemand hungere. "Wer wirkliche Armut sehen will, sollte in den Nordosten Brasiliens gehen", sagt sie. Cantagalo heißt so viel wie Hahnenschrei. Der Name entstand, weil seine Bewohner stets im Morgengrauen zur Arbeit gingen.

Rio de Janeiro
Auch in den Favelas wird die WM groß abgefeiert. Foto: Getty Images

Der Favela-Tourismus ist umstritten. Der Schriftsteller Paulo Lins, Autor des auch verfilmten Romans "Cidade de Deus" ("Die Stadt Gottes"), ist vehement dagegen, findet, dass die Bewohner dabei wie Tiere ausgestellt würden. Weniger streng äußerst sich der Direktor der Heinrich-Böll-Stiftung in Rio, Dawid Bartelt: Der Tourismus helfe zwar wenig, die Probleme der Favelas zu lösen, könne aber beitragen, das Bild der Favela als Ort des Verbrechens zu korrigieren. "Er kann zeigen: Da findet ein ganz normales Leben statt", so Bartelt.

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