Willkommen daheim: Österreichische Traditionen erleben Boom

Dirndl, Lederhose, Perchtenlauf und Co. – Österreichische Traditionen erleben derzeit einen Boom wie schon lange nicht mehr. Doch warum ist das so? Eine Spurensuche.

Trachten
Österreichische Traditionen erleben derzeit einen Boom Foto: ROBERT NIEDRING/LUMI IMAGES/CORBIS

Wir sind heute schlichtweg überfordert – so lässt sich wohl am besten unser Spießrutenlauf zwischen Beruf, Freizeit, Familie und allen Dingen, die wir erleben müssen, wollen und können, beschreiben. Kein Wunder also, dass Handwerk, Tanz, Musik und Co. derzeit an Bedeutung gewinnen – wie auch der renommierte Psychologe Peter Floquet bemerkt: "Die individuellen Freiheiten sind riesig, gleichzeitig auch die Möglichkeiten unbegrenzt. Das bedeutet aber, dass wir keinen Orientierungsrahmen haben. Wir sind daher heute schlichtweg überfordert – und finden Halt in dem Althergebrachten, Traditionellen, Übersichtlichen." Elisabeth Scheibelhofer, Soziologin an der Uni Wien, geht sogar noch einen Schritt weiter: "Nachdem die Medien jeden Tag voll sind mit unhaltbaren Zuständen und Tragödien, ist es auch eine feine Sache, sich in diesen Rückzugsort zu begeben."

Die Welt als Wohnzimmer

Die Globalisierung also als Auslöser für die Rückbesinnung? "Durchaus, allerdings muss man differenzieren – zwischen jenen Leuten, die sich aktiv mit Tradition auseinandersetzen und jenen, die das nur machen, weil es angesagt ist und um Teil einer Gemeinschaft zu sein. Was vor 20 Jahren die Disco war, istnämlich heute der Kirtag. Und das hat nichts mit Tradition per se zu tun", so Scheibelhofer. In jedem Fall ist aber eines klar: Tradition und Heimat sind höchst emotionale Begriffe. "Es geht nicht um administrative oder nationalstaatliche Grenzen. Die Identifikation damit ist eine höchst emotionale", so Peter Zellmann vom Institut für Freizeit- und Tourismusforschung. Und das sei auch der Grund dafür, dass dieses neue Traditionsbewusstsein so stolz nach außen getragen wird.

Österreichische Traditionen
Auch in der Küche geht es traditionell zu. Foto: Stockbyte/Comstock/Thinkstock

Die Macht der Tracht

Und dieser Stolz kann mitunter auch einiges kosten: Im ersten Halbjahr allein wurden knapp 20 Mio. Euro mit Dirndl und Lederhose in Österreich erwirtschaftet. Angestachelt wird das Geschäft von der Volksmusik-Industrie. Andreas Gabalier, die Paldauer oder Semino Rossi sind der Inbegriff für die heile Welt des heimischen, volkstümlichen Schlagers. Auch hier liegt der jährliche Umsatz in Österreich bei 20 Mio. Euro. Das ist allerdings nur ein Fünftel der Gesamtsumme – hinzurechnen muss man auch TV-Shows, Merchandising, Tantiemen oder Konzerte. Summa summarum ergibt das mehr als 100 Mio. Euro – im gesamtdeutschen Raum sogar mehr als eine halbe Milliarde Euro.  

Der Klang der Heimat

Auch der Dialekt erlebt übrigens ein Revival. Was bis vor gar nicht allzu langer Zeit als provinziell, altmodisch und ungebildet galt, macht jetzt Schule. Ob in SMS-Nachrichten, E-Mails oder sogar bei Radio- und Fernsehmoderatoren – Immer öfter wird eine Mischform aus Hochdeutsch und Dialekt gesprochen. So kommen sogar verspottete Mundartformen zu neuem Ruhm. Ein Beispiel: In Frankreich sorgte der Kinofilm "Willkommen bei den Sch’tis" für einen Überraschungserfolg – und für Begeisterung für den belächelten nordfranzösischen Akzent.

Tradition: Individuell

Doch wer glaubt, dass Heimat und Tradition starre Begriffe sind, der irrt, erklärt Autorin Renate Zöller: "Heimat ist von einem traditionell geprägten zu einem progressiven Begriff geworden. Beim Urban Gardening am Ufer des Donaukanals, bei der Volksmusik von La Brass Banda oder bei der Wiederentdeckung der Trachtenmode, entscheidend ist der Spaßfaktor. Dadurch werden die Traditionen manchmal ­sogar auf den Kopf gestellt: Nicht mehr die Großmutter strickt, sondern mein Freund Peter hat Mützen für die Familie gehäkelt. Seine Frau hat keine Lust auf Handarbeit."

Trachten
 Trachtenmode ist angesagt. Foto: iStock/Dieter Hawlan/Thinkstock

Regionale Zugehörigkeit

Je mehr man über Heimat nachdenkt, desto schillernder ist diese – und darin liegt auch der Reiz, wie Zöller ausführt: "Wer bei Heimat an Hirsch­geweihe und Kuckucksuhren denken will – warum nicht? Natürlich ist das ein Klischee, aber letztlich ist doch egal, was genau den Wohlfühlfaktor ausmacht." Wichtig ist ­jedoch das Gemeinschaftsgefühl, gerade bei Vereinstätigkeit – und da sind die Österreicher besonders eifrig: Mehr als drei Millionen engagieren sich in rund 120.000 Vereinen und leisten dabei 15 Millionen unentgeltliche Arbeitsstunden pro Woche. "Vor allem in ländlichen Regionen leben durch diese Arbeit auch Traditionen wieder auf bzw. weiter", bestätigt Elisabeth Scheibelhofer. Und auch Peter ­Floquet ist überzeugt: "Es gibt nicht umsonst die Redensart, dass man im Verein seine zweite Heimat findet."

Was ist eigentlich Heimat?
Autorin Renate Zöller geht in ihrem Buch dem Thema Heimat nach Foto: Ch. Links Verlag

Rückzugsort

Diese soziale Eingebundenheit ist für den Psychologen auch einer der Hauptkriterien für ein Heimatgefühl: "Anders als beim Cocooning verkriechen wir uns aber nicht, das Zuhause wird geöffnet, für gemein­sames Kochen, Spieleabende etc. Der Wohnraum wird zum sozialen Lebensmittelpunkt." Und auch wenn Heimat nicht mit dem Ort per se zu tun hat, sondern mit Menschen und Emotionen, sind wir doch erstaunlich sesshaft. Wenn man bedenkt, dass mehr als die Hälfte aller Amerikaner innerhalb von zehn Jahren den Wohnsitz wechseln – was fast schon Zahlen eines Bürgerkriegsgebiets ähnelt. Wir machen zudem auch sehr gerne in unserer Heimat Urlaub – rund 35.700 oder 13,7 Prozent aller Nächtigungen entfallen auf unsere Landsleute. Kein Wunder, denn wie heißt es so schön: Dein Heim kann Dir die Welt ersetzen, doch nie die Welt Dein Heim. 

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Foto: Ernst Kainerstorfer