Unverdient reich? Der Erb-Adel in Österreich

Mit Lohnarbeit wird man im Hochsteuerland Österreich nicht reich. Mit einer Erbschaft schon. Wie gerecht ist das denn?

Ferdinand Piech - Cover
Platz 1 (65 Milliarden Euro Stiftungsvermögen) Das Vermögen des ­Porsche- & Piëch-Clans mit etwa 80 bis 100 ­Personen ist vor allem Stiftungsvermögen Foto: Sean Gallup/Getty Images
Dietrich Mateschitz - Cover
Platz 2 (7,6 Milliarden Euro) Der Reichtum des Selfmade-Milliardärs Dietrich Mateschitz (Red Bull) besteht vor allem in Unternehmensbeteiligungen Foto: Charles Coates/Getty Images
Ingrid Flick - Cover
Platz 3 (7,2 Milliarden Euro) Das Familienvermögen der Flicks (im Bild: Ingrid Flick) beruht ­überwiegend auf einer Erbschaft, die geschickt vermehrt wurde Foto: Alexander Hassenstein/Getty Images

Je üppiger sie ausfallen, desto größer ist die Verschwiegenheit. Bis heute wird gerätselt, wieviel der im Juni verstorbene Milliardär Karl Wlaschek wohl seiner Familie vermacht hat. Sicher ist, dass der Billa-Gründer sein fünf bis sechs Milliarden schweres Immobilienvermögen in der „Karl Wlaschek-Privatstiftung“ dem Zugriff der Nachkommen entzogen hat. Wer aber die Erben seines „Privatvermögens“ sind und wie hoch dies überhaupt war – darüber dringt kein Sterbenswörtchen an die Öffentlichkeit.

30 Milliarden pro Jahr

Die diskrete Freude des Erbens genießen übrigens gar nicht so wenige Österreicher. Rund die Hälfte der Bevölkerung hat schon geerbt, wenn man überschriebene Hauptwohnsitze mit einbezieht. Pro Jahr werden laut einer Erhebung der OeNB – vorsichtig geschätzt – rund 15 Milliarden an Immobilien, Geldvermögen oder Unternehmensbeteiligungen vermacht. Der Ökonom Stefan Humer von der WU Wien schätzt, dass sich die Erbschaftsvolumina in den kommenden Jahrzehnten „mindestens verdoppeln und die Zahl der Erbfälle stark ansteigen wird.“ Eine sehr wohlhabende Rentnergeneration wird ihre Testamente aufsetzen. Sie hat in den „Wirtschaftswunderjahren“ und den anschließenden Jahrzehnten einer brummenden Volkswirtschaft ihr Vermögen aufgebaut. 

Reich durch Arbeit?

Erbschaften sind in Österreich besonders wichtig für den sozialen Aufstieg – wich­tiger als in jedem anderen Land der Eurozone. Eine Studie der OeNB beweist mathematisch, was die Österreicher schon lange wissen. Es ist hier sehr schwer, alleine durch Lohnarbeit ein Vermögen zu schaffen – bei einem Median-Einkommen eines Arbeitnehmers von etwa 24.000 brutto pro Jahr. Wer es schafft, 100 Euro pro Monat auf die Seite zu legen, müsste dies 40 Jahre lang durchziehen, um auf ein bescheidenes Vermögen von etwa 75.000 Euro zu kommen. 

Wohlstandsturbo

Erbt man eine Summe von etwa 150.000 Euro, schnalzt man in der auf hundert Stufen aufgeteilten österreichischen Vermögungsverteilung um 17 Stufen nach oben. In Spanien sind es zum Vergleich nur elf und in der Slowakei nur fünf. Auch eine aktuelle Untersuchung des Wiener Instituts für interna­tionale Wirtschaftsvergleiche kommt zu einem ähnlichen Ergebnis. Es lautet: "Erbschaften sind mit einem Anteil von fast 40 Prozent der größte Treiber von Vermögensunterschieden zwischen den Haushalten.“

Hundert Superreiche

Die Vermögensverteilung in Österreich – fünf Prozent der reichen und superreichen Haushalte besitzen fast die Hälfte des gesamten Finanz- und Immobilienvermögens – dürfte noch „ungleicher“ werden, die Konzentration des Reichtums zunehmen. In Summe besitzen die 100 reichsten Österreicher laut dem Ranking 2015 des Magazins „Trend“ rund 170 Milliarden Euro, was mehr als der Hälfte des BIP entspricht. Auch in der Milliardärsliga selbst ballt sich viel Reichtum in wenigen Händen zusammen. Die zehn potentesten Personen und Clans erfreuen sich eines Vermögens von 108 Milliarden. Egal, ob diese Großvermögen aus dem Nichts erschaffen wurden (Mateschitz/Red Bull), ob sie geschickt vermehrt wurden (Porsche/Piëch, Swarovski oder auch Flick) oder ob sie selbst ausschließlich auf  Erbschaften gründen (Horten,
Karajan) – es wird eines Tages so einiges zum Vererben geben. 

Erben
Die meisten Österreicher - auch die nicht-vermögenden - sind gegen eine Erbschaftssteuer Foto: Gajus/iStock/Thinkstock

Dynastien & Oligarchen

Man muss nicht so weit ­gehen, wie der französische Ökonom Thomas Piketty, der in seinem Bestseller „das Kapital im 21. Jahrhundert“, die These aufgestellt hat, dass die moderne Weltwirtschaft immer mehr von ererbtem Vermögen dominiert wird und dass es zu einer Art „Refeudalisierung“ der Gesellschaft komme. Piketty hält die Konzentration des Reichtums in den Händen von ­Dynastien und Oligarchen gar für eine Gefährdung der Demokratie. 

Was ist die Leistung?

Es reicht, darauf hinzuweisen, dass es nicht ganz korrekt sein kann, die Arbeitenden mit ­einer Abgabenquote von über 50 Prozent zu erdrücken, die Erben hingegen steuerlich mit Glacéhandschuhen anzufassen. „Welche Leistung haben Erben schon erbracht?“, schimpfte der ehemalige steirische LH Franz Voves einst bei einer ORF-Pressestunde. „Nicht die Leistung führt zu Wohlstand, sondern das Glück der Geburt“, ereiferte sich AK-Präsident Rudi Kasske, als er für die kommende Steuer­reform die Wiedereinführung von Erbschafts- und Schenkungssteuern forderte. 

Übers Hintertürl

Diese wurden zwar grundsätzlich von der ÖVP verhindert, kamen aber dann quasi über die Hintertür doch herein – indem das Schenken und Vererben von Immobilien ab 2016 teurer wird. Dann werden nämlich Grunderwerbssteuer und Gebühr nicht mehr vom „Einheitswert“, sondern vom tatsächlichen Verkehrswert berechnet. Bei der Steuer wird es eine Staffelung geben: Bis zum Verkehrswert von 250.000 Euro beträgt sie 0,5 Prozent, bis 400.000 Euro zwei Prozent und darüber 3,5 Prozent. 

Volksabstimmung

Das macht zwar unter Umständen eine saftige Einmalzahlung aus, ist aber weit davon entfernt, was sich Fans einer Erbschaftssteuer üblicherweise darunter vorstellen. Zum Beispiel forderte eine Bürgerinitiative in der Schweiz, Erbschaften über zwei Millionen Franken mit 20 Prozent zu versteuern. Obwohl die meisten Eidgenossen davon nicht betroffen gewesen wären, lehnten 71 Prozent der Stimmbürger das Ansinnen ab. Die Schweiz bleibt ein Erbenparadies – wie Österreich. 

Heiliges Gut

Würde hierzulande über eine Steuer auf hohe Erbschaften abgestimmt, das Ergebnis wäre wohl ähnlich. Auch bei Nicht-Erben ist das Thema Erbschaftssteuer eher unpopulär. Zu tief sitzt die Vorstellung, dass die Weitergabe von Geld und Gütern an die Nachkommen heilig ist und den Staat nichts angeht. ­Außerdem: Wer hegt nicht die Hoffnung, vielleicht eines Tages eine unerwartete Erbschaft zu machen?

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