Nackt im Netz: Tiroler Schüler in der Sextingfalle

Sexting, das Versenden von erotischen Bildern mit dem Handy, wird unter Jugendlichen immer populärer. Aufzuhalten ist der Trend nicht, aber es ist Vorsicht geboten.

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Sexting gehört zur Lebenswelt von Jugendlichen einfach dazu. Foto: VladimirFLoyd/iStock/Thinkstock
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Ein Drittel der 14- bis 18-Jährigen in Österreich hat schon einmal Aufnahmen erhalten, auf denen die Absender nackt zu sehen sind.  Foto: VladimirFLoyd/iStock/Thinkstock
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Franziska Schröcker von der Kinder- und Jugendanwaltschaft. Foto: Kinder- und Jugendanwaltschaft Tirol

Ein erotisches Foto am Handy verschicken – auch wenn es nur an den eigenen Freund ist, kann ganz schön ins Auge gehen. Nicht selten, werden die Bilder an Dritte weitergegeben oder auf Social Media, wie Facebook, veröffentlicht. Die Lawine, die dadurch losgetreten wird, kann kaum mehr gestoppt werden. „Sexting, das Weiterleiten von Nacktfotos via Internet und Handy, ist mittlerweile fest in der Lebenswelt der Jugendlichen verankert“, sagt Franziska Schröcker von der Kinder- und Jugendanwaltschaft Tirol (Kija Tirol). Es sei Teil der Sexualität und Ausdruck des technologieunterstützten Flirtens.

Erotische Fotos zu verschicken ist "normal"

Laut einer Studie von saferinternet.at vom Februar diesen Jahres hat ein Drittel der 14- bis 18-Jährigen in Österreich schon einmal Aufnahmen erhalten, auf denen die Absender nackt zu sehen sind. 16 Prozent gaben an, schon einmal Nacktaufnahmen von sich selbst erstellt und verschickt zu haben. Die weite Verbreitung von Sexting im Alltag zeigt sich auch daran, dass 31 Prozent der Jugendlichen es als „normal“ empfinden, erotische Fotos zu verschicken.

Wie viele Tiroler betroffen sind, lasse sich nicht genau nachvollziehen. „Sexting-Fälle werden von KijaTirol nicht extra erfasst, sondern laufen in der Statistik unter Gewalt“, erklärt Schröcker. Anfragen seien aber häufig. Tendenz steigend. Betroffen seien Schüler beiden Geschlechts, Mädchen würden aber häufiger Rat suchen.

Mit der Zunahme von Sexting im Leben von Kindern und Jugendlichen steigt auch die Anzahl der Probleme. „Schwierigkeiten gibt es dann, wenn die Aufnahme weiter verbreitet und öffentlich gemacht wird.“  Die Bloßstellungen können in Cybermobbing oder sogar Erpressungen enden. Laut der Studie von saferinternet.at kennt knapp die Hälfte der Jugendlichen jemanden, der schon einmal Probleme mit Sexting hatte.

Nicht verurteilen, sondern handeln

Ist ein Nacktfoto in Umlauf gekommen, wenden sich Kinder und Jugendliche häufig an eine Vertrauensperson. „Wichtig ist dann, das die Vertrauensperson, egal ob Elternteil oder Lehrer, nicht die Selbstdarstellung verurteilen, sondern das missbräuchliche Verwenden durch Dritte. Dass etwas schiefgelaufen ist, weiß das Opfer selbst und überdenkt in dieser Situation sein Verhalten sowieso“, weiß Schröcker. Bis sich die Opfer jemandem anvertrauen, verstreiche viel Zeit. Mit Verurteilung erreiche man lediglich, dass sich die Jugendlichen verschließen. „Sachlich bleiben“, rät Schröcker.

In weiterer Folge, müsse man versuchen herauszufinden, wer die Fotos weitergegeben hat und wie weit sie schon verbreitet sind. Betreiber anschreiben und sie bitten die betreffenden Inhalte zu löschen sei der nächste Schritt. Sind die Bilder bereits in der Schule im Umlauf, rät Schröcker, die Lehrer zu informieren. Notwendig sei es dann auch Hilfe und Rat bei Fachleuten, wie der Kija Tirol, zu suchen. Dann werde versucht, den Täter zu kontaktieren.  Sexting ist laut Strafgesetzbuch nämlich strafbar. Denn laut Paragraph 207a StGB, der eigentlich zum Kampf gegen Kinderpornografie angewendet wird, ist es für Minderjährige lediglich erlaubt, eine pornografische Nacktaufnahme von sich selbst zu machen und diese zu besitzen. Jede Weitergabe ist verboten. Speichert der Empfänger die Aufnahme ab, kann auch er oder sie theoretisch strafrechtlich wegen Kinderpornografie belangt werden.  „Ab 2016 tritt eine Novelle in Kraft, die Jugendlichen das Herstellen, Besitzen und Weitergabe an andere zum eigenen Gebrauch erlaubt. Verboten bleibt, die Verbreitung an Dritte“, erklärt Schröcker.

Prävention muss früh ansetzen

Die Saferinternet-Studie weist den Jugendlichen allerdings ein großes Bewusstsein für die Risiken von Sexting aus. 81 Prozent schätzen die Gefahr negativer Folgen als hoch oder sehr hoch ein.

Dennoch sei Prävention, in diesem Fall Aufklärung, nach wie vor unerlässlich, mahnt Schröcker, rät aber von Verboten ab. Die Kija Tirol empfiehlt in erster Linie, das Gespräch zu suchen und Kinder und Jugendliche über mögliche Gefahren und Risiken aufzuklären. „Man muss allerdings früh damit anfangen, denn Sexting betrifft bereits Kinder ab 11 Jahren.“

Oft reiche es auch, sich dafür zu interessieren, auf welchen Seiten die eigenen Kinder im Internet surfen, oder welche Apps sie auf ihrem Smartphone verwenden. Schröcker empfiehlt, die Selbstdarstellung zuhause zu diskutieren. Facebook-Fotos durchklicken und besprechen: Wie wirkt so ein Foto? Möchte man, dass der Direktor oder die Oma diese Aufnahme sieht? „Den Trend Sexting könne man nicht aufhalten, so Schröcker: „Für diese Generation wird  der Umgang mit Fotos und das Recht am eigenen Bild ein großes Thema werden und das sollte auch in der Öffentlichkeit diskutiert werden.“

Tipps unter www.saferinternet.at und www.kija-tirol.at.

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