Der Talentfaktor: Wie Sie Ihr Potenzial ausschöpfen

Täglich nutzen wir in verschiedenen Berufen unsere Ressourcen. Finanzmanager P. jongliert mit Zahlen und Bilanzen. B. hält im Backoffice dem Chef den Rücken frei. War’s das? Oder steckt mehr, vielleicht etwas ganz anderes in Ihnen? Gehen Sie mit uns auf die Suche nach Ihren geheimen inneren Schätzen.

Erfolg Karriere Talent Potenzial
Foto: Lightwavemedia/Thinkstock

Womit haben Sie sich als Kind besonders gern beschäftigt? Mit dieser Frage ist man mittendrin auf der Reise zu seinem Potenzial. In einem Alter, in dem Fragen nach Mitbewerbern, Karrierechancen oder Verdienst noch keine Rolle spielen, ist man ganz bei sich. Womöglich haben Sie stundenlang getüftelt und aus Legosteinen größere, kreativere Bauwerke als alle anderen erschaffen. Oder mit den Nachbarskindern fantasievolle Rollenspiele eingeübt. Vielleicht einen besonderen Bezug zu Farben, Klängen oder zur Natur gehabt. „Schauen Sie ganz genau hin“, rät Doris Bernhard, systemischer Coach aus Wiener Neustadt. „Wie viel davon können Sie heute leben? Und was lässt sich in Ihr heutiges Leben, vielleicht auch in Ihr beruf­liches, holen?“ Kindliche Begeisterung kann auch ein Hinweis auf Talente sein, die nie gefördert wurden.

Kopfsache

Das lateinische „Talentum“ bezeichnete eine Gewichtseinheit. Im übertragenen Sinn verleiht ein außergewöhnliches Talent einem Menschen Gewicht oder Bedeutung. Woraus ist Talent gemacht? Wird es uns in die Wiege gelegt, wie der renommierte britische Wissenschafter und Autor Ken Robinson meint? „Ich behaupte, dass Ihr Leben bereits lange vor Ihrer Geburt Form angenommen hat, weil Sie die biologischen Anlagen all Ihrer Vorfahren in sich tragen.“ Vielleicht ist das, was wir Begabung nennen, aber auch einfach nur weiße Gehirnmasse, das sogenannte Myelin.

Daniel Coyle erklärt die Funktionsweise in seinem Buch „Die Talentlüge“ vereinfacht so: „Jedes Mal, wenn wir aktiv einen Golfabschlag, einen Gitarrenakkord oder eine Schacheröffnung einstudieren, entsteht ganz allmählich eine Breitbandverbindung in unseren Schaltkreisen.“ Dabei wird stets eine neue Schicht Myelin um die Nervenfasern gelegt. Jede Verdickung der Myelinschicht macht sich als „winzige Verbesserung und Beschleunigung der betreffenden Fähigkeit“ bemerkbar.

Heute schon geübt?

Der Schaltkreis muss allerdings immer wieder betätigt werden, auch im Beruf: Je öfter wir Präsentationen erstellen, Suppen abschmecken oder ein Orchester dirigieren, ­ desto besser wird das Ergebnis. Genie sei ein Prozent Inspiration und neunundneunzig Prozent Transpiration, stellte der Erfinder Thomas Alva Edison einst fest. Die Entdeckung des Myelin gibt ihm recht: Meisterschaft (Ausschöpfung des Potenzials) erreichen wir erst im Laufe unserer Karriere.

Kinder Talent
Werden schon Kinder ausschließlich auf Leistung getrimmt, geht wertvolles Talent verloren. Foto: Hemera/Thinkstock

In unserem Element

Üben, anwenden, ausprobieren. Fehler machen, von Neuem beginnen und besser werden. Die Frage ist nur: Wie erkenne ich überhaupt, wo meine Stärken liegen? Vielleicht finden Sie sich fantastisch im dreidimensionalen Raum zurecht und wären ein geborener Architekt, fristen Ihr Dasein aber im Controlling. Robinson spricht vom „Element“, in dem jeder Einzelne von uns lebt wie der sprichwörtliche Fisch im Wasser – welches das ist, müssen wir aber im Gegensatz zum Fisch häufig erst entdecken. Standardisierte Persönlichkeits-Tests zur Berufsorientierung sollte man allerdings „mit Vorsicht genießen“, warnt der Experte. „Ihre Grenzen bestehen darin, dass es Papier- und Stift-Tests bzw. deren elektronische Alternativen sind, die Ihnen vermutlich nicht verraten werden, dass Sie ein hervorragender Jazz-Klarinettist wären.“

Mission Possible

Wer sein Potenzial entdecken und dieses Wissen vieleicht auch für seine Karriere nutzen möchte, muss andere Verfahren wählen. Doris Bernhard, Coach in Wiener Neustadt, nahm sich dem Thema besonders intensiv an und entwickelte das „Potenzialradar“. In einem sechs- bis achtstündigen Prozess mit dem Klienten werden Aspekte der Persönlichkeit abgeklopft. Die wichtigsten Fragen kann man sich aber durchaus auch selbst stellen – Papier und Stift stets griffbereit. Was hat mich zu meiner Berufswahl bewogen? Was treibt mich an? Wie lauten meine Motive, wo liegen meine Kompetenzen?

Die Expertin lässt ein ­„ideales Leben“ aufzeichnen, fragt nach Schlüsselerlebnissen und lässt den Klienten den bisherigen Karriereweg als Diagramm darstellen. Das Ziel: seine ureigene Mission zu formulieren. „Meine Aufgabe ist es ...“ Ob man sich als Führungsfigur beschreibt, deren Pioniergeist Neues in die Welt bringt oder sich als Ziel die Erhaltung der Umwelt im Team mit Gleichgesinnten setzt – ist die Mission einmal in der Welt, dient sie als Kompass, wohin die Reise geht.

Karriere Erfolg Potenzial
Manchmal muss man erst körperliche Vorraussetzungen für seinen Traum erschaffen. Foto: Photo Objects/Thinkstock

Was ist schon gut?

Doris Bernhard: „Zum Prozess gehört es auch, Berufsfelder zu definieren und sich konkret Schritte zu überlegen.“ Diese müssen keineswegs stark vom bereits eingeschlagenen Weg abweichen. „Oft erkennen wir im Prozess, was eigentlich alles schon gut ist. Etwa, dass wir mit dem Beruf Wissenschafter richtig liegen, uns aber zum Beispiel noch stärker Richtung Autor entwickeln möchten. Besser aus dem Potenzial schöpfen als sich auf den ­Mangel konzentrieren.“

Das Tier in mir

Eine andere Methode zum selbst Ausprobieren heißt „Symbolon“. Entwickelt wurde sie von der Psychologin und Unter­nehmensberaterin Christine Kranz. „Die Symbolon-Methode kann helfen, durch ­Bilder und Kunstwerke einen erweiterten Zugang zu sich selbst und zur Arbeitswelt zu eröffnen,“ erläutert die Schweizerin. Sie hat bereits 10.000 Potenzialanalysen erstellt, die meisten davon für Führungskräfte aus Großunternehmen. Im Zentrum von Symbolon stehen Bilder: „Der Coach zeigt ein Kunstwerk, z. B. ‚Orpheus und die Tiere‘ und fragt nach, welches Tier dem aktuellen ­Problem entspricht. Die eigenen Gedanken zum gewählten Tier zeigen die Muster und Schwächen, jedoch auch Stärken und Entwicklungsfelder auf.“

Vielleicht sehen Sie sich als eher störrischen Esel („Wasserträger“, leistungsstark, aber abhängig), finden jedoch die Rolle des Löwen viel attraktiver (mächtig, aber auch in der Verantwortung). „Tiere repräsentieren unsere individuellen Instinkte und Persönlichkeitsanteile. Alle Eigenheiten, die wir ihnen zuschreiben, sind ein Spiegel unserer Person. Anhand der Tierqualitäten erweitern Sie Ihre Perspektive und können brachliegendes Potenzial entdecken.“ Über das Tier zu mir? Warum nicht!

Alle Themen finden Sie in der neuen Ausgabe

Weekend Magazin Cover Nr. 1/2015
Foto: HUBER-IMAGES.DE/SMETEK WIESLAW