Ein Laut, ein Bezirk: Das Meidlinger L outet die Urwiener

Es ist nur ein Buchstabe, und trotzdem der Urwienerischste von allen. Der Bezirk Meidling hat ­etwas, das in ganz Wien einmalig ist: nämlich seinen ­eigenen Buchstaben. Doch woher kommt diese ­Urwiener Aussprache eigentlich?

Herbert Prohaska und Hans Krankl
Foto: picturedesk.com/APA/HERBERT NEUBAUER

In Meidling machen alle Telefone Lingeling. Geschrieben mag dieser Satz für Unverständnis sorgen, gesprochen ist schnell klar, was gemeint ist. Es ist nicht leicht, das akustisch so prägnante „Meidlinger L“ in Textform zu bringen. Weit über die Bezirks- und Stadtgrenzen hinaus bekannt, hat die signifikante Aussprache eines einzigen Konsonanten Meidling berühmt gemacht. Und es ist nahezu unmöglich „Meidling“ ohne das typische „L“ zu nennen. Doch wo kommt es her?

Arbeiter aus Böhmen

Eine gängige Annahme ist, dass das markante „L“ mit dem starken Zustrom der „Ziegelböhmen“ im 19. Jahrhundert ­zusammenhängt. Dies betraf freilich alle Wiener Arbeiterbezirke, auch Favoriten oder Floridsdorf. „Die Artikula­tionsweise ist nicht ganz die des tschechischen L, aber doch recht ähnlich“, erklärt Dr. Franz Patocka, Professor für Sprachwissenschaften am Germanistik-Institut der Uni Wien. Aber: „Direkt mit Meidling hat es gar nichts zu tun, sondern gilt für den ­bodenständigen Wiener Dialekt als typisch.“ Dieser wurde vorrangig von der Arbeiterschicht gesprochen – und Meidling galt und gilt als typischer Arbeiterbezirk. Dass es als „Meidlinger L“ ins ­allgemeine Bewusstsein der Österreicher trat, liegt vielmehr an der schönen Möglichkeit, es im Bezirks­namen unterzubringen.

Es lebe das „L“

Da heute oft vom großen Dialektsterben – Stichwort Anglizismen und Fernseh-Deutsch – gesprochen wird: Wie steht es um das Meidling L? Wird dieser Urwiener Laut gar aus dem Klangbild der Stadt verschwinden? Professor Patocka sieht hier keine Gefahr: „Es gibt immer noch Jugendliche, die Dialekt sprechen. Aber es wird in Zukunft wohl weniger präsent sein.“ Sprachwissenschafterin Dr. Sylvia Moosmüller vom Institut für Akustische Phonetik der Akademie der Wissenschaften ortet eine negative Bewertung des Meidlinger Ls: „Es wird eher von sozial niedrigeren Schichten gesprochen und besonders von Frauen vermieden“, so die Wissenschafterin. Das Meidlinger L, ein Stigma des Proletariats? Doch es gibt auch Gegenbewegungen: Prominente Wiener Originale wie Herbert Prohaska oder Hans Krankl scheuen sich nicht, auch in Interviews ohne Scham und Reue das typische L zu betonen. Recht so – denn Sprache ist Teil der Identität. Und das Wienerische ist nunmal einmalig.

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