Lebensberatung und Psychotheraphie – wo liegt der Unterschied?

Traurig oder krank? Ob als Eheberater, bei Krisen oder mit esoterischem Touch – die Lebensberater-Branche floriert. Wo liegen die Unterschiede zum Therapeuten? Wir haben uns für Sie informiert.

Lebensberatung vs. Psychotherapie
Psychotherapie soll heilend wirken. Lebensberatung hingegen hilft in schwierigen Situa­tionen. Foto: VOISIN/PHANIE/CORBIS

Der hat einen Sprung in der Schüssel, nicht mehr alle Tassen im Schrank, ist gaga, deppert oder nicht ganz dicht: Die Bezeichnungen für Menschen, denen es mental gerade oder dauerhaft dreckig geht, sind nicht sehr schmeichelhaft. Vielleicht hängen damit die Ressentiments zusammen, die viele daran hindern, sich professionellen Beistand zu suchen. Zur Psychotherapie – das klingt nach Irrenhaus. Da will man nicht hin. Die Schwellenangst bei der Konsultierung einer Lebensberatung scheint da niedriger. Doch wo liegt ­eigentlich der Unterschied? Und wie erkenne ich seriöse Anbieter und Esoterik-Schamanismus-Wunderwuzzis?

Berührungsangst

Früher, da schütteten die Leute bei der sonntäglichen Beichte ihr Herz aus. Oder beim Friseur, je nachdem, wie gravierend ihr Problem war. Heute scheint alles ungewiss, un­sicher, beängstigend. Kein Wunder, dass sich zunehmend mehr Menschen unwohl fühlen. Mental und/oder körperlich. Doch keiner will als „gestört“ gelten. Ist man krank, geht man zum Arzt – logisch. Schmerzt hingegen die Seele, neigt man zum Einbunkern. Keine gute Idee. „Heute gibt es Unternehmens-, Rechts-, Finanz- und Steuerberater. Sich professionellen Rat zu holen, gilt hier als Zeichen von Kompetenz“, sagt Peter Stippl, Präsident des Österreichischen Bundesverband für Psychotherapie. „Nur seelische Dinge, die soll man immer noch selbst hinbekommen.“ Dabei versucht die ­Berufsgruppe der Psychotherapeuten, den Zugang niederschwellig zu halten. Auf der Website www.psychotherapie.at finden zukünf­tige Klienten sogar eine Suchmaschine, um den für sie optimalen Therapeuten ausfindig zu machen.

Licht am Ende des Tunnels
Licht am Ende des Tunnels Foto: Eugene Sergeev/Colourbox.de

Seriös oder nicht

Googelt man „Lebensberater“, erscheinen ebenfalls eine Menge Ergebnisse: Von ominösen Angeboten wie Astrologie über Kartenlegen bis zu Ehe- und Suchtberatung findet man alles. Dabei sind die Voraussetzungen in Österreich klar geregelt. Per 31. Dezember 2014 waren laut WKO mehr als 3.600 psychologische Lebens- und Sozialberater aktiv. Der Bereich „Lebensberatung“ umfasst neben dem psychologischen Aspekt noch ernährungs- und sportwissenschaftliche Beratung. Die Wege zum offiziellen Ratgeber sind vielfältig: 125 anerkannte Ausbildungsbetriebe formen die Berater von morgen, Mindestdauer sind fünf Semester, auch Supervision ist vorgeschrieben.

Unterschiede

Bei der Psychotherapie soll eine Krankheit geheilt werden. Lebensberatung richtet sich an die Gesundheitsförderung und -erhaltung. Ein wesentlicher Teil ist die Stärkung des Klienten im Umgang mit Krisen.

Kranke Volksseele

Die Zahl der psychisch Erkrankten steigt: Rund 900.000 Menschen wurden 2013 psychologisch oder psychiatrisch behandelt. Die Dunkelziffer der Erkrankten wird mit rund 1,2 Mio. Betroffenen geschätzt. Der Markt ist also groß, auch Scharlatane versuchen vom Psychokuchen mitzunaschen. Deshalb ist Vorsicht geboten und bei psychischen Er­krankungen wie etwa der ­Depression in erster Linie der Psychiater oder Psychotherapeut zu konsultieren. Bei Krisen wie Trennungen, Todesfällen oder Jobverlust kann man sich getrost an einen ­Lebensberater wenden.

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Weekend Magazin Cover Nr. 6/2015
Foto: VIENNAREPORT