Jagd in Tirol: Mehr als nur die Pirsch

Wenn ein Jäger durch sein Revier streift, ist jede Menge zu tun. Die Wildtiere müssen beobachtet, gefüttert und ihr Lebensraum gehegt werden.

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Das Verhalten der Tiere, die Beschaffenheit des Fells, Alter, Geschlecht, Wunden – nur wenn der Jäger die Zeichen genau lesen kann, kann er auch entscheiden, was zu tun ist. Foto: Ernst Rudigier

Das gesamte Jahr ganz nah an der Natur – das sind die Tiroler Jäger. Die Bergwelt bietet nicht nur eine enorme Artenvielfalt, sie stellt die Jäger auch vor besondere Herausforderungen. „Jäger zu sein bedeutet viel mehr als auf die Pirsch zu gehen“, sagt Wildtierökologin Martina Just, die beim Tiroler Jägerverband das Ressort Wildbiologie und Bildung leitet. Die Bestände müssen gesichtet und gezählt, der Lebensraum der Tiere geschützt werden, zugleich sollen aber auch die Bedürfnisse der Forst- und Landwirtschaft sowie des Tourismus berücksichtigt werden. Hier gilt es, die richtige Balance zu finden.

Wer in Tirol Jäger ist, bewegt sich wie die Wildtiere vom Tal bis weit hinauf zu den Gipfeln: Reh, Rotwild und Gams machen in Tirol den größten Teil der Jagdtiere aus. Um die Tiere genau beobachten zu können, braucht der Jäger nicht nur genaue Geländekenntnisse. Er muss auch die Gefahren kennen und den körperlichen Herausforderungen gewachsen sein, um sich dort bewegen zu können. Er braucht aber vor allem Geduld: „Bevor – wenn überhaupt – ein Schuss fällt, verbringt der Jäger Stunden und Tage allein mit der Beobachtung der Tiere“, sagt Just.

Spektakuläre Brunft

Welches Tier krank ist? Welches ein Muttertier mit Jungen? Das und vieles mehr muss der Jäger aus der Distanz erkennen. Das Verhalten, die Beschaffenheit des Fells, Alter, Geschlecht, Wunden – nur wenn der Jäger die Zeichen genau lesen kann, kann er auch entscheiden, was zu tun ist. Behördliche Abschusspläne und Jagdgesetz legen zudem genau fest, wann welche Tiere und in welcher Stückzahl gejagt werden dürfen.

Erst in den vergangenen Wochen spielte sich vor den Augen der Jäger eines der eindrücklichsten Schauspiele der heimischen Tierwelt ab: die Hirschbrunft. „Wenn die gewaltigen Hirsche mit ihrem eindringlichen Röhren imponieren und mit Kontrahenten bis ans Ende ihrer Kräfte kämpfen, ist das wirklich spektakulär zu beobachten“, sagt Just . Gleich darauf folgt die Gamsbrunft mit seinen einzigartigen Paarungsritualen.

Einsatz bei Wildunfällen

Im Herbst gibt es für die Jäger alle Hände voll zu tun. „Jetzt ist auch die Zeit der Wildunfälle. Jäger werden gerufen, um tote Tiere zu bergen oder verletztes Wild aufzuspüren und mit einem Fangschuss von ihrem Leid zu erlösen“, erklärt die Expertin. In höheren Lagen werden nun die Salzsteine gelegt, die während des Winters die Tiere mit überlebenswichtigen Mineralien zu versorgen. Schon bald beginnt auch die Fütterungssaison. Täglich bringen die Jäger frisches Futter an die dafür vorgesehenen Krippen. Sie kümmern sich auch darum, dass die Tiere dort ungestört bleiben.

Manch Tierliebhaber meint es mit dem Wild zu gut und legt auch mal Mandarinen, Brot oder ähnliches dazu. Dabei ist das gar nicht gesund für sie. „Bei Wiederkäuern kann das zu schweren Verdauungsproblemen und sogar zum Tod führen“, warnt die Wildökologin. Damit das nicht passiert, widmen Jäger einen Gutteil ihrer Zeit der Aufklärung und Information ihrer Mitmenschen.

Wenn dann das Frühjahr anbricht, stehen schon die nächsten Aufgaben an: Der Bestand wird erneut erfasst, die Hochsitze auf Vordermann gebracht. Das neue Jagdjahr beginnt schließlich am 1. April.

Jägerausbildung startet Anfang 2016

Wer Jäger werden will, muss bei der Fülle der Aufgaben eine fundierte Ausbildung absolvieren. Ab 2016 gibt es in Tirol eine neustrukturierte und einheitliche Ausbildung. Der nächste Jungjägerkurs wird im ersten Quartal 2016 beginnen. In Abendseminaren, an Wochenenden und bei Exkursionen wird das Wissen für die schriftliche und mündliche Abschlussprüfung vermittelt. Außerdem muss die Schießprüfung und Waffenhandhabung bestanden werden, um den Jägerschein zu erhalten. Alle Informationen zum Kurs finden Sie ab November/Dezember unter www.tjv.at.

 

 

Interview mit Christine Lettl vom TJV

 

Welche Aufgaben hat ein Jäger?
Die Aufgaben eines Jägers sind sehr vielseitig und umfangreicher als oft erwartet. 
Im Fokus steht die nachhaltige Regulierung und Erhaltung des Wildbestandes. Je nach Tierart kann dies sehr unterschiedliche Aufgaben mit sich bringen. Einerseits etwa die Lebensraumerhaltung für gefährdete Arten wie Auerhahn, und andererseits Haltung eines für den Lebensraum tragbaren Bestands an Hirsch, Reh & Co auch in Bezug auf die Land- und Forstwirtschaft. Während im Winter die Wildfütterung viel Zeit in Anspruch nimmt, hat im Frühjahr die sorgfältige Jahres-Planung des Abschusses Priorität. Grundlage für die nachhaltige Bewältigung aller Aufgaben ist jedenfalls ein fundiertes ökologisches und jagdwirtschaftliches Wissen.


Was ist das Besondere an der Jagd in Tirol?
Die Jagd zeichnet sich in Tirol vor allem durch den markanten alpinen Lebensraum aus. Die Gebirgsjagd bringt viele Herausforderungen mit sich. Man muss das Gebiet gut kennen, gut bei Fuß sein und die Gefahren am Berg kennen. Rund 30.000 Tierarten machen die Alpen zudem zu einer der artenreichsten Region Mitteleuropas.

Heutzutage ist unsere Natur aber vor allem durch die schwindenden Wildtierlebensräume geprägt. Im Ferienland Tirol bedeutet dass, das eine konstruktive Zusammenarbeit mit dem Tourismus genauso notwendig ist, wie mit der Forst- und Landwirtschaft. Eine moderne und nachhaltige Raumplanung ist auch für das Jagdwesen bzw. zur Erhaltung der Lebensräume von Bedeutung. Abgesehen davon kommt der Jagdkultur in Tirol besondere Bedeutung zu. 

 
Welche Ausbildung braucht man, um den Jagdschein zu erwerben?
Der Tiroler Jägerverband hat vom Land Tirol den Auftrag mit dem Ausbildungslehrgang „Jungjägerkurs“ eine umfangreiche jagdliche Ausbildung anzubieten. Möchte man Jäger werden muss man eine Prüfung über die Inhalte des Kurses ablegen. Die Prüfung wird von der BH und dem Jägerverband gemeinsam durchgeführt. 
 
Wie arbeiten Jäger und Waldbesitzer zusammen, um den Lebensraum für die Wildtiere zu erhalten?
Waldbesitzer und Jäger können zusammen Schutz für gefährdete Tierarten betreiben, beispielsweise durch Ansetzen geeigneter Futterpflanzen, Schaffung von Lebensraumvernetzungen, Erhaltung und Schonung spezieller Biotope und vieles mehr. Auch gezielte Besucherlenkung trägt zum Schutz und Beruhigung der Wildtierlebensräume bei.


Aufklärung über den alpinen Lebensraum gehört ebenfalls zu den wichtigen Aufgaben, die Tiroler Jäger erfüllen? Welche Angebote gibt es für Interessierte?
Die Öffentlichkeitsarbeit beginnt schon bei den Jüngsten mit dem Projekt „Jäger in der Schule“, bei dem Jäger Schulklassen praxisnah an dieses Thema heranführen. Des Weiteren liefert unsere Geschäftsstelle mit der Homepage (www.tjv.at) und Zeitschrift „Jagd in Tirol“ regelmäßig fachliche Beiträge und aktuelle Informationen. Ein persönlicher Besuch der Geschäftsstelle zahlt sich ebenfalls aus, da wir Informationsmaterial vor Ort anbieten. Einen großen Beitrag leisten allerdings die Jäger direkt im Revier, da ein persönliches Gespräch oft am einprägsamsten ist. 
Auch Veranstaltungen wie der „Tag des Wildes“ der Innsbrucker Jägerschaft bieten die Möglichkeit mehr über Wild und Natur in Tirol zu erfahren.

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