Gewinnspiel und Interview: Arno Geiger liest in Linz aus neuem Buch

Arno Geiger gehört zu den erfolgreichsten, aber auch spannendsten Autoren aus Österreich. Anlässlich seines neuen Buches "Selbstporträt mit Flusspferd" sprachen wir mit dem Autor, der am 9. März im Posthof Linz aus dem Werk vorliest. Wir verlosen Karten für diesen Abend.

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Foto: D.P.Gruffot c/o Wolfgang Matz

Herr Geiger, im Mittelpunkt Ihres neuen Buches steht ein junger Mann voller Weltschmerz. Eine weitere wesentliche Rolle spielt ein Flusspferd. Wie kamen Sie auf diese Paarung?
Ich hatte einen Freund, der 2013 an einem Gehirntumor gestorben ist. Ein sehr guter Freund, Oberösterreicher, Kinderarzt. Er hatte mir einige Dinge aus seiner Kindheit und Jugend erzählt, das Buch hat damit zu tun. Zum Beispiel litt der Freund darunter, dass er als Kind dick gewesen war. Davon merkte man nichts mehr, er war schlank und sportlich, aber er hatte Angst, dass das dicke Kind zurückkehrt. Und irgendwie bin ich auf das Zwergflusspferd gekommen und hatte so ein Bauchgefühl, ja, das ist es, das fehlt mir.

Welche Symbolkraft steckt in diesem Tier?
Das Zwergflusspferd erinnert Julian an das dicke Kind in sich. Gleichzeitig ist es ein Tier, das im besten Sinn unbrauchbar ist, nach herkömmlichen Maßstäben nicht schön, ungeeignet zur Freundschaft mit Menschen – und dadurch ganz bei sich. Für junge Menschen ist es ein großes Thema: Was denken die anderen von mir? Was erwarten die anderen von mir? Was will die Gesellschaft von mir? – Das Zwergflusspferd ist von derlei unberührt, ganz bei sich und dadurch freier. Und davon fühlt sich Julian angezogen.

Der Romanheld Julian ist aufgrund eines Terroranschlages besorgt, Angst und Ohnmacht bleiben gerade auch nach den jüngsten Ereignissen präsent. Warum geben Sie diesem Aspekt in Ihrem Buch Raum?
Weil es die Luft ist, die wir atmen. Niemand entgeht seiner Epoche ganz. Aber wenn jemand jung ist und idealistisch ... Wie kann man die Dinge, die wir alltäglich in der Zeitung lesen und im Fernsehen gezeigt bekommen, verstehen? Ich finde, das beeinflusst uns alle. Wir leben in einer Epoche der Ratlosigkeit, und das färbt auf junge Menschen ganz besonders ab, weil sie meistens noch nicht in sich selbst Fuß gefasst haben. Es fehlt ihnen die innere und äußere Stabilität, um mit solchen Dingen halbwegs zurecht zu kommen.

Wieviel eigener Anteil steckt denn in der Romanfigur Julian?
Viel, sehr viel, wie immer. Und doch ist Julian eine Figur eigenen Rechts, ein eigenständiger Charakter. Aber ich fühle mich ihm sehr verwandt, emotional, die Person, ein wenig verloren, ernsthaft, einsam. Einsamkeit ist ein großes Thema in diesem Alter. In diesem Alter ist man ungleich verlorener als Menschen, die zehn Jahre älter sind. Und dass Julian das Bedürfnis hat, seine Verlorenheit zu mildern, macht ihn noch verlorener. Weil er nicht gleichgültig ist.

Und Sie waren auch so?
Ja, da muss ich sagen, ich war auch immer eher einer, der sich viele Fragen gestellt hat, ein neugieriger Mensch, aber mir der Unsicherheiten des Lebens früh bewusst. Da und dort heißt es, Julian sei ein passiver Mensch. Das überrascht mich, andererseits überrascht es mich wieder nicht. Für jemanden, der zweifelt und eher bedächtig agiert, fehlt immer öfter das tiefere Verständnis. Dynamik ist heute ein Wert an sich, Langsamkeit und Abwägen gelten als Charakterschwäche. - Ich nämlich war auch einer wie Julian, und ich weiß, Neugier, Zweifeln und Fragenstellen tragen weit, menschlich, sehr weit. Entschlussfreude und der Glaube, zu wissen, wo es lang geht, werden überschätzt.

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Foto: D.P.Gruffot c/o Wolfgang Matz

 

Wie gelang es Ihnen, diese Gedankenwelt eines jungen Erwachsenen zu rekonstruieren? Ist das nicht schwierig?
Ja, schon schwierig. Aber gut, ich war mir der diversen Gefahren von Anfang an bewusst - das ist schon einmal sehr gut. Dann kann ich mich auf die Gefahren einstellen, besonders aufmerksam sein. Und Aufmerksamkeit ist wohl eine meiner Stärken. Neben den unmittelbar eigenen Erfahrungen, die ich mitbringe, habe ich die Augen offen. Und dann bleibe ich gedanklich und emotional fokusiert, in einem längeren Prozess. Und wenn man sehr fest an etwas denkt, fängt der Zufall an, für einen zu arbeiten. Plötzlich entdecke ich hier etwas und dort etwas, und der junge Mensch, der ich einmal war, kommt allmählich aus seinem Zimmer wieder heraus. - Ich würde einmal sagen, das Schreiben in dieser Phase ist nicht nur Arbeit, es ist auch eine Lebensweise.

In Ihren Büchern haben Sie schon einige große Themen des Lebens verhandelt, selbst im Kleinen spürt man das Große, ist das etwas, das man sich als “Lebenswerk” vornimmt oder drängt sich das einfach auf?
Auch hier mischen sich Bauchgefühl und Verstand. Ich denke, dass ich gute Instinkte habe, aber ich bin auch ein reflektierter Autor. Die Frage, was macht das Schreiben lohnenswert, steht natürlich immer im Raum. Und wenn ich über kleine Dinge schreibe, will ich immer, dass es offen ist zum Wichtigen. Also nach dem Motto, man muss ein Sandkorn so behandeln, dass man merkt, in dem Sandkorn steckt die ganze Sahara.

Soll ein Buch auch immer dazu dienen, uns ein Stück weiter zu bringen?
Wenn wir nach dem Lesen eines Buches gänzlich unverändert derselbe Mensch geblieben sind, hat sich die Lektüre nicht gelohnt. Es ist wie mit dem Verlieben: Warum sollte ich mich verlieben, wenn ich hinterher noch derselbe Mensch bin wie davor?

Welches Buch hat Sie zuletzt ein Stück weiter gebracht?
Maxim Gorki, Erinnerungen an Zeitgenossen.  Ein Buch von großer Beobachtungsgabe, großer Aufmerksamkeit für das Gegenüber und von tiefer Menschlichkeit. Aber auch, im Fall der Erinnerungen an Lenin, von Anbiederung an die Macht. Da sieht man, große Literatur ist in einem tieferen Sinn immer unideologisch.

Sie gehen jetzt mit dem „Flusspferd“ auf Lesereise, entdecken Sie selbst in einem Werk neue Facetten, wenn Sie es einem Publikum vortragen?
Ja, natürlich. Jede Leserin und jeder Leser nimmt ein Buch zu sich. In jedem Zusammentreffen entsteht eine neue Intimität zwischen Mensch und Buch. In jedem Fall ist es eine andere Intimität, teilweise eine völlig andere Intimität. Und darin zeigt sich die Offenheit des Kunstwerks, offen auch über das von mir Vorhersehbare hinaus. – Ich mag es, wenn meine Bücher dort draußen ein eigenes Leben führen.

 

Zur Person
Arno Geiger wurde am 22. Juli 1968 in Bregenz geboren. Er wuchs in Wolfurt auf und studierte Deutsche Philologie, Alte Geschichte und Vergleichende Literaturwissenschaft in Innsbruck und Wien. Seine erste Erzählung erschien 1996. Mit „Es geht uns gut“ gewann Geiger 2005 den Deutschen Buchpreis, weitere bekannte Werke sind „Alles über Sally“ und „Der alte König in seinem Exil“. 

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