Familienunfreundlich: Wenn Kinder zum Störfaktor werden

Was früher selbstverständlich war, wird zunehmend zum Störfaktor: Kinder stören nicht nur unsere Ruhe im Alltag, sondern auch die Selbstbestimmtheit unserer Lebensführung.

Mädchen
Kinder werden immer mehr zum Störfaktor. Foto: iStock/Nastia11/Thinkstock

Nicht im Traum wird Vogue-Chefredakteurin Anna Wintour gedacht haben, dass sie in der Front Row bei der Fashion Show von Kanye West sich damit würde auseinandersetzen müssen: mit dem Geplärre einer 20 Monate alten Promitochter nämlich. Diese – North West, die Tochter von Kim Kardashian und Kanye West – war am Schoß der Mutter bei der Show des Vaters direkt neben ihr platziert gewesen. Der legendären Vogue-Chefin ging das zu weit: Sie regte prompt ein Kinderverbot bei Fashion Shows an.

Familienfeindlich

Auch hierzulande werden Kinderverbote immer häufiger. Vergangenes Jahr zum Beispiel machte ein steirischer Haubenkoch von sich reden, der "Kindern unter 16 Jahren" abends den Zutritt zu seinem Lokal verwehren wollte. Im folgenden Shitstorm war gleich von "Familienfeindlichkeit" die Rede. Doppelt schlimm, weil der Wirt sich den Umbau seines Restaurants von der Landesregierung mit einem namhaften Betrag fördern ließ.

Geburtenrückgang

Der Eindruck, dass die Gesellschaft in westlichen Industrienationen kinder- und familienfeindlicher wird, kommt nicht von ungefähr. Da ist zunächst eine äußerst niedrige Geburtenquote: in Österreich bekommt eine Frau statistisch gesehen nur mehr 1,4 Kinder – viel zu wenig gegenüber der Geburtenquote der Babyboomergeneration (2,8), die allerdings mit dem „Pillenknick“ ab 1969 ein jähes Ende nahm. Dadurch überaltert die Gesellschaft. Es stehen also immer mehr Senioren immer weniger Junioren gegenüber – Kinder, die ein den Senioren-Bedürfnissen unangepasstes Verhalten an den Tag legen, werden in diesem Spannungsfeld zunehmend als Belästigung empfunden.

Freizeit-Störfaktor

Ein weiterer Grund liegt in der Veränderung der Gesellschaft selbst: Wenn beide Elternteile berufstätig sind, fehlt schlicht Zeit für elterliches Engagement. Die Erwerbstätigkeit von Müttern etwa wirkt sich auf ihre Kinderbetreuungszeit besonders dann aus, wenn sie Klein- und Vorschulkinder haben – wobei Mütter dazu neigen, die gemeinsam mit den Kindern verbrachte Zeit zu "schützen" und statt dessen andere Aktivitäten einzuschränken. Kinder zu kriegen ist so vor allem für jene Frauen unattraktiv geworden, die Wert auf Karriere und Freizeit legen. Vielfach wird die Zeit, die Kinder vor dem Fernseher verbringen, als einzige Zeit des Tages wahrgenommen, in der die Anwesenheit des Nachwuchses das eigene Freizeitverhalten nicht stört: im Jahr 2013 sahen Kinder zwischen drei und elf Jahren durchschnittlich 63 Minuten täglich fern. Noch nie war es so leicht, Kinder vor den Fernseher abzuschieben, wenn man selbst ungestört sein will. Die Folge: Man verlernt, an sich normales Verhalten von Kindern auch tatsächlich als normal und nicht störend anzusehen.

Frequenzbereiche

Wobei dies nicht alleine ein Phänomen unserer Zeit ist: in jeder Menschheitsepoche wurden Kinder vor allem dann als störend empfunden, wenn sie – logisch – Lärm verursachten. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Der Grund dafür ist rein biologisch: Geräusche im Frequenzbereich zwischen 2.000 und 4.000 Hertz werden nicht nur als besonders unangenehm empfunden, sondern versetzen den Körper in einen Stresszustand. "Die menschliche Sprache ist im Frequenzbereich von 150 bis 7.000 Hertz angesiedelt. Die Wahrscheinlichkeit dürfte nicht so gering sein, dass lebhaft spielende Kinder gnadenlos den „kritischen“ Frequenzbereich treffen. Für schrilles Schreien, Quietschen und Kreischen, aber auch für Sirenen – also für alles, was als Warnung vor Bedrohung oder auch als Hilfeschrei interpretiert werden kann – trifft dies in der Regel zu", erläutert Psychologin Sabine Buchebner-Ferstl vom Österreichischen Institut für Familienforschung. In einer Studie, in der Menschen 34 unangenehme Geräusche bewerten sollten, führt Buchebner-Ferstl weiter aus, rangierten Babygeschrei und schrilles Kreischen an dritter Stelle.

Evolution

Das soll auch so sein. Immerhin geht’s – evolutionär gesehen – darum, dass Schutzbedürftige bei Gefahr im Verzug so schnell wie möglich eine helfende Hand alarmieren können. Apropos Evolution: auch bei älteren Kindern ist das gemeinsame lautstarke  spielerische Toben und Tollen, durch das sich Erwachsene so gestört fühlen, unverzichtbar für die Entwicklung.

Erziehung ohne Grenzen

An der Frage, wo die erziehungsbedingte Übertreibung der Lärmentwicklung beginnt und die zulässige bzw. notwendige  Grenze überschritten wird, scheiden sich die Geister. Die These, dass sich die "Jugend von heute" einfach nicht mehr benehmen könne, wird vielfach gestützt. Zum Beispiel vom bekannt provokanten Kinderpsychiater Michael Winterhoff. In einem Interview mit der "Welt Online" etwa stellte er folgende Annahme zur Diskussion: Die Kinder von heute seien in ihrem Benehmen nicht mehr auf ein Gegenüber ausgerichtet, sondern würden umgekehrt versuchen, ihr Gegenüber auf sich auszurichten. In den 1990ern hätte man begonnen, bei der Erziehung in kleinen Kindern Partner zu sehen. Dies wiederum habe mit sich gebracht, dass man mehr und mehr darauf verzichtet habe, Kindern Grenzen aufzuzeigen.

Generalverdacht

Dieses neue Selbstbewusstsein der Kinder wirkt sich aus: vor allem in Gastronomie, Hotellerie und anderen Tourismusbetrieben stehen Kinder und Jugendliche unter dem Generalverdacht, sie würden sich nicht adäquat benehmen. Dem gegenüber stehen jedoch eine Reihe von Unternehmen, die sich für dezidiert kinderfreundlich erklären und darauf aufbauend erfolgreiche Geschäftsmodelle gestaltet haben. Im privaten Bereich allerdings wird ungeachtet dessen immer öfter versucht, dem "Störfaktor Kind" auch juristisch beizukommen. Selten sind diese Bemühungen allerdings von Erfolg gekrönt. Denn zum einen achtet die Justiz zunehmend darauf, zwischen Kinderlärm und "anderem" Lärm zu unterscheiden. Zum anderen regieren auch gesetzgebende Körperschaften darauf und erschweren es z.B. Nachbarn von Kindergärten, Schulen etc., Lärmschutzwände, Ballspielverbote und ähnliches durchzusetzen.

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