Zankapfel Politik: So streitet man richtig

Schnell entgleitet selbst im engsten Freundeskreis so manche politische Diskussion. Da fliegen schnell die Bezeichnungen „Opfa“ und "Gutmensch" oder es wird die Menschenfeindlichkeits-Keule geschwungen. Wie geht's anders?

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3 oder 4 Hölzer? Verschiedene Perspektiven zum selben Thema können verschiedene Wahrheiten hervorbringen, die alle richtig und falsch zugleich sein dürfen. Mediation hilft, das zu erkennen und dabei unnötigen Streit zu vermeiden. Foto: Hans-Jürgen Gaugl

In Diskussionen am Stammtisch im Wirtshaus oder auf Social Media-Kanälen wie Facebook kann rasch eine heiße Diskussion entbrennen. Politisch brisante Themen wie die aktuelle Flüchtlingswelle, Registrierkassen oder Fragen zur Gleichberechtigung bieten dazu rasch geeigneten Stoff. Doch auch bei solchen Auseinandersetzungen können Verletzungen ganz einfach vermieden werden:

  1. Mensch und Meinung sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Wer eine andere Meinung vertritt, wird sofort in eine Schublade mit all den anderen Personen gesteckt, die entsprechend dem schnell gefällten und allgemein gültigen Urteil nichts taugen. So reduziert man sich gegenseitig auf diese eine Meinungsverschiedenheit bis hin zu einer Entfreundung. Schade, denn damit vergällt man sich selbst all die wunderbaren Übereinstimmungen, die man mit diesem Menschen haben könnte, der weit mehr ist als diese eine Meinung oder die ihm zugeschriebene politische Haltung.
  2. Zuhören. Zuzuhören bedeutet dabei nicht das Herauspicken von Wortfetzen, bei denen man einhaken kann, um den selbst bezogenen Standpunkt argumentativ zu untermauern und den anderen herabkanzeln zu können. Die Kunst liegt darin, sich ein wenig in das Gegenüber einzufühlen und ein Verständnis dafür zu entwickeln, worum es dem anderen geht. Wer gut hinhört, wird dabei vielleicht sogar entdecken, dass das, was auf den ersten Blick nach einander ausschließenden Meinungen aussieht, im Grunde nur eine unterschiedliche Sicht auf dasselbe Ziel ist. Dass man eigentlich gar nicht so weit voneinander entfernt ist. Wie zwei Menschen, die im Schlossgarten Schönbrunn Rücken an Rücken stehen und darüber streiten, ob man denn da nun die Gloriette oder das Schloss Schönbrunn sieht.
  3. Verschiedene Meinungen nebeneinander stehen lassen. Einheitsbrei ist kein Allheilmittel. Es ist doch auch kein Problem, wenn nicht alle am Wirtshaustisch Sitzenden ein Schnitzerl bestellen. Im Gegenteil, oft genug wird es sogar als unangenehm empfunden, wenn alles gleich ist: Zum Beispiel, wenn man Menschen begegnet, die das gleiche Gewand tragen. Wo also soll das Problem sein, wenn Menschen unterschiedliche Ansichten haben?  
  4. Wertschätzend bleiben. Meinungen bekommen nicht mehr Gewicht, wenn sie in größerer Lautstärke oder garniert mit Beschimpfungen vorgetragen werden. Ganz im Gegenteil zeugt es von Schwäche, wenn zu solchen Mitteln gegriffen wird. „In der Ruhe liegt die Kraft“ hat auch hier Gültigkeit – und ermöglicht es gleichzeitig, einander auch weiter in die Augen schauen zu können.
  5. Niemand hat die ganze Wahrheit für sich gepachtet. Dass eins plus eins zwei ergibt, wird wohl nicht ernsthaft zu Auseinandersetzungen führen. Die Welt erschließt sich allerdings in den seltensten Fällen in solch eindeutiger Klarheit. So kann etwa auch ein Astronaut aus dem Weltall niemals die ganze Erde auf einmal sehen. Ähnlich ist es mit der Wahrheit zu diskutierten Themen: Aus verschiedenen Perspektiven ergeben sich auch unterschiedliche Bilder. Daher hat man immer die Wahl, statt den anderen Standpunkt zu bekämpfen die Chance zu nutzen das eigene Bild um neue Facetten zu ergänzen.
  6. Neugierig bleiben. Jede Meinung hat einen Ursprung, woraus sich bestimmte Schlussfolgerungen ergeben. Spannend. Wer es schafft, sich die Zeit für eine von Interesse geleiteten Unterhaltung über verschiedene Meinungen zu nehmen, dem wird sich dabei ein ganzes Meer von möglichen neuen Wissensgebieten eröffnen. Es zahlt sich daher aus, die selbst auferlegten Scheuklappen immer wieder mal abzulegen.
  7. Die Waagschale beiseite stellen. Dies gilt insbesondere für intensive Diskussionen zu politischen Themen, bei denen Emotionen berührt werden. Unterschiedliche Ausdrucksweisen und Fertigkeiten im Umgang mit Sprache können dann sogar zu Missverständnissen führen, wenn die Meinungen gar nicht so weit auseinander liegen.
     

Viel Freude beim Diskutieren – ganz ohne Nebenwirkungen auf Freundschaften!

Hans-Jürgen Gaugl bloggt auf der Meinungsplattform fischundfleisch, wo jeder bloggen und mitdiskutieren kann.

www.fischundfleisch.com

Alle Infos zu Mediator Mag. Hans-Jürgen Gaugl, MSc finden Sie auf seiner Website:

http://www.lassunsreden.at/

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