Bauernregeln: Mythos oder Wahrheit?

Meist werden Bauernregeln nur scherzhaft gebraucht, doch was ist wirklich dran an den Sprüchen zur Wettervorhersage?

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Hinter Bauernregeln steckt altes Wissen. Ein Grund sie durchaus ernstzunehmen. Foto: Ryan McVay/DigitalVision/Thinkstock
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Nicht alle Bauernregeln sind zu belächeln. Manche treffen heute noch häufig zu. Foto: Ryan McVay/DigitalVision/Thinkstock

„St. Gallen lässt den Schnee fallen“ - diese oder andere Weisheiten kommen bestimmt jedem von uns spontan in den Sinn, wenn wir über das Wetter sprechen. „Bauernregeln, also Faustformeln für die Entwicklung von Wetter und Witterung), gibt es schon seit der Erfindung der Landwirtschaft“, ist sich der Tiroler Volkskundler Gunter Bakay sicher. Allerdings bestätigt erst die Erwähnung in Schriftstücken diese Annahme. Eine frühe Quelle für Mitteleuropa sei Albert Magnus, der 1250 die „prognosticatio rusticorum“ („Die Vorhersage der Bauern“) erwähnt.

Populär dank Buchdruck

Erst nach Erfindung des Buchdruckes finden sich laut Bakay vermehrt Hinweise auf Bauernregeln, wie in Leonhard von Reynmanns „Von warer erkanntnus des wetters“ aus dem Jahr 1505 – das vermutlich älteste gedruckte meteorologische Werk in deutscher Sprache. „Ob die Autoren die Bauernregeln, von den Bauern abgelauscht, sie antiken Werken entnommen oder gar erfunden haben, ist nicht bekannt. Vermutlich von allem ein bisschen“, so Bakay.

„Prinzipiell sollte man Bauernregeln aber ernstnehmen“, meint Thomas Wostal von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG), „es steckt schließlich viel Wissen von Menschen darin, die abhängig vom Wetter waren.“ Die Regeln dienten den Bauern zur Orientierung und Einteilung der Arbeit. Häufig wurde ein Bezug zu Heiligen hergestellt, um sich Termine leichter einzuprägen.

Ein Problem sei allerdings, dass man heute nicht mehr wisse, wann, wo und in welcher Höhenlage die Regeln entstanden. Durch den Buchdruck verbreiteten sie sich in ganz Europa. Der Entstehungsort ist meist unbekannt. „Der Ursprung ist aber wichtig. Eine Regel aus dem Engadin lässt sich nicht aufs Tiroler Unterland anwenden“, weiß Wostal. Die oben erwähnte Regel für den 16. Oktober sei ein Beispiel dafür: „Der erste Schneefalltag in den tiefen Lagen ist viel später. Die Regel muss irgendwo in höheren Lagen entstanden sein.“

Geprüft auf Treffsicherheit

Gemeinsam mit Roland Potzmann untersuchte Wostal die Aussagekraft von 100 Bauernregeln. Die Meteorologen zogen zur Überprüfung Daten der ZAMG aus den vergangenen 50 Jahren für Innsbruck, Salzburg, Wien und Klagenfurt heran. Die Deutung der Bauernregeln erwies sich als schwierig. „Heißt es in einer Regel 'der feine Mai' so meinten Landwirte damit normale Temperaturen mit genügend Niederschlag, wir verstehen darunter Sonnenschein und 30 Grad Celsius“, weiß der Wetterexperte. Die Ergebnisse wurden im Buch „Mythos Bauernregeln“ veröffentlicht. Darunter befinden sich auch Vorhersagen für den Herbst:

„Wie es Matthäus (21. September) treibt, es noch vier Wochen bleibt“: Wenn es an diesem Tag regnet, hat diese Aussagen in Innsbruck eine Trefferquote von 78 Prozent. In Wien sogar 80 Prozent, in Salzburg lediglich 58 Prozent. Die regionalen Unterschiede sind deutlich. „Bei Schönwetter am selben Tag stimmt die Regel österreichweit nur zu etwa 60 Prozent“, so Wostal. Als weiteres schlechtes Beispiel nennt er: „Ist der Oktober warm und fein, kommt ein scharfer Winter hinterdrein.“ Hier könne man genauso gut eine Münze werfen.

"Bleibt es"-Regeln häufig zuverlässig

Am ehesten treten die „Bleibt es“- bzw. Erhaltungsregeln ein. „Sie funktionieren nach dem Prinzip: Wenn ich das ganze Jahr über sage, morgen wird es so wie heute, habe ich eine 70-prozentige Trefferquote“, sagt Wostal schmunzelnd.

Lostage seien häufig unzuverlässig, weil man das Wetter nicht an einem Tag festmachen könne. Auch beim Siebenschläfertag reiche es nicht aus, aus dem Fenster zu sehen. „Heuer war es am 27. Juni wechselhaft, was auf einen ebenso instabilen Sommer hingedeutet hätte. Allerdings war die Großwetterlage in Europa schon in Richtung stabiles Hoch unterwegs. Wenn sich Ende Juni und Anfang Juli ein mächtiges Hochdruckgebiet aufbaut, bekommen wir einen Sommer wie heuer“, erklärt der Meteorologe. Es sei verblüffend, dass an den Beobachtungen damals schon ein Zusammenhang erkannt wurde.

Altes Wissen ist in

„Momentan ist dieses alte Wissen wieder interessant“, so Wostal. Er verzeichne vermehrtes Interesses an seinem Buch und an Medienberichten. Der Trend „Zurück zur Natur“ macht eben auch vor dem gängigsten Small-Talk-Thema nicht halt.

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