Ausgezogen um ein Buch zu schreiben – Autorin Tharina Wagner im Interview

Tharina Wagner, die mit 20 Jahren nach Frankreich auswanderte, ist zurzeit auf Heimatbesuch in Graz und spricht mit uns über ihren Debüt-Roman „Blassrosa oder die geheime Taktik des Monsieur F.“ und ihre Zeit in den berüchtigten Pariser-Vorstädten.

Buchgeschichte
Foto: Tharina Wagner/ Verlag 3.0

Warum wolltest du auszuwandern?

Für mich war das so eine Art Selbstfindungsprozess: Ich denke, dass jeder Mensch zumindest eine Zeit lang von seiner gewohnten Umgebung weg sollte. Die beeinflusst uns stark – ob jetzt bewusst oder unbewusst. Aber wie verhalten wir uns, wenn wir plötzlich an einem fremden Ort auf uns alleine gestellt sind? Daraus kann man fürs Leben lernen und unglaublich viel Positives mitnehmen. Genau das habe ich getan.

Warum gerade Paris?

Zu dieser Zeit habe ich quasi rund um die Uhr getanzt – Hip Hop – und war als Tanzlehrerin in Graz tätig. Mein Ziel war es, professionelle Tänzerin zu werden und in Paris gibt es ein sehr gutes Hip Hop-Niveau. Ich habe dort auch sehr viel gelernt – vor allem aber, dass ich es satt habe, mich mit anderen zu messen. In der Pariser-Szene gibt es meiner Meinung nach einen zu großen Konkurrenzkampf. Ich bin mehr für das Mit- und weniger für das Gegeneinander.

Deine Französisch-Kenntnisse waren ja eher bescheiden. Wie waren die ersten Wochen für dich?

Nicht einfach. Obwohl ich glaubte, gut vorbereitet zu sein, hatte ich Schwierigkeiten, die anderen zu verstehen und – vor allem wegen meines starken Akzents – mich selbst verständlich zu machen. Ich zog mich in mich zurück, war um sehr vieles schüchterner und unsicherer als zuvor in Österreich. Wenn man fremd ist, hat man plötzlich mit ganz neuen, unbekannten Herausforderungen des normalen Alltags zu kämpfen: der Kauf eines Handys, die Eröffnung eines Bankkontos, der Termin beim Arbeitsamt. Was im Heimatland ganz einfach ist, wird im Ausland plötzlich ziemlich kompliziert.

Hast du sofort einen Job gefunden?

Sobald die Beraterin vom Arbeitsamt verstanden hat, dass Deutsch meine Muttersprache ist, war das ganz einfach. In Paris gibt es viele deutsche Firmen, die Leute ohne Französischkenntnisse anstellen. Das sind nicht unbedingt die erfüllendsten Jobs – ich habe ein Jahr lang in einem Callcenter gearbeitet – aber sie helfen, um den Kühlschrank zu füllen und die Miete zu bezahlen. Außerdem habe ich dort andere, sehr nette deutschsprachige Leute kennen gelernt, mit denen ich zum Teil immer noch in Kontakt stehe.

In den Medien werden die Pariser Vororte als Problemviertel dargestellt. Wie hast du das erlebt?

Wie so oft gibt es zwei Seiten: Auf der einen existieren die Kriminalität und die Jugendlichen, die nach einem Platz in unserer Gesellschaft suchen, von denen die Medien gerne berichten, wirklich. Auf der anderen Seite fand ich dieses multikulturelle Zusammentreffen sehr schön. Verschiedene Kulturen können vieles von einander lernen. Als ich in einem der berüchtigtsten Vororte gewohnt habe, wurde mir mein Handy geklaut – allerdings nicht in „meiner“ Siedlung, sondern am anderen Ende der Stadt, in einem Touristenviertel. Das war auch schon das Schlimmste, was mir passiert ist. Mit ein bisschen Feingefühl merkt man ganz schnell, welche Orte man ohne Bedenken aufsuchen kann und wo man eher aufpassen sollte. Gleichzeitig kann einem doch überall etwas zustoßen, wie man auch überall wunderbare Momente erleben und tolle Menschen treffen kann.

Und dann hast du ein Buch über diese Erfahrungen geschrieben …

Richtig. Ich schreibe bereits, seitdem ich sehr jung bin. Ich hatte bisher nur nicht den Mut, an das Geschriebene zu glauben. Somit habe ich Notizen oft einfach wieder verworfen. Als Jugendliche hatte ich natürlich auch andere Dinge im Kopf. Als ich begonnen habe, „Blassrosa“ zu schreiben, wusste ich nicht so recht, ob mir auch gelingen würde, es auch fertig zu stellen. Eines Tages habe ich einer Arbeitskollegin einen Auszug gezeigt. Die war dann so begeistert, dass sie mich dazu ermutigt hat, weiter zu schreiben.

"Blassrosa" handelt vom Leben in einem Mietshaus in einem der berüchtigten Pariser Vororte. Wieviel aus dem Buch hast du selbst erlebt?

Ich habe in verschiedenen WGs gewohnt, bin innerhalb von drei Jahren fünfmal umgezogen. Dabei habe ich sehr viele verschiedene Gesichter und Viertel gesehen. Eines dieser Häuser hat meine Geschichte besonders beeinflusst: Wir nannten es gerne das „Künstlerhaus“, da dort viele kreative, teils seltsame, Gestalten lebten. Aufgrund der unterschiedlichen Herkunft dieser Personen kam es, wie auch in der Geschichte, manchmal zu lustigen Missverständnissen. Im Gegensatz zu dem in meinem Buch beschriebenen, war das Haus in dem wir lebten, sehr heruntergekommen. Die Protagonisten sind alle frei erfunden; ich habe aber tatsächlich meinen jetzigen Partner in diesem Haus kennen gelernt.

Sind weitere Bücher geplant?

Macht euch auf so einiges gefasst! Im Moment schreibe ich an einem Graz-Krimi, der im Rotlichtmilieu spielt. Wie gewohnt, kommen dabei Sarkasmus und schwarzer Humor nicht zu kurz. Wie mein erster Roman wird aber auch dieser eine ernste Seite haben. Auf der Website vom Verlag 3.0 führe ich übrigens auch einen Blog, in dem ich von meinen Erlebnissen erzähle.

Portrait
Foto: Tharina Wagner

Zur Person:

Tharina Wagner ist 1988 in Dietersdorf, einem idyllischen Ort, in der Nähe von Graz geboren und aufgewachsen. Bereits als Kind beschäftigte sie sich mit den verschiedensten Formen von Kunst und besonders mit dem Schreiben: Geschichten, Blogs, Gedichte und Liedertexte. Letztere interpretierte sie als Jugendliche in Form von Raps bei Wettbewerben und anderen Auftritten. Gleichzeitig war sie Mitglied einer Theatergruppe und stand vor allem mit verschiedenen Tanzprojekten auf der Bühne. Im Alter von 20 Jahren ließ sie ihre Heimat hinter sich, um in Paris ein neues Leben zu beginnen. Mit geringsten Französischkenntnissen und keinerlei Bekanntschaften gelang es ihr, zunächst in einer der medienpräsentesten Pariser Vorstädte Fuß zu fassen. Nachdem sie sich mit verschiedensten Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten hatte, zog sie Ende 2013 nach Südfrankreich und schrieb dort ihren Debüt-Roman „Blassrosa oder die geheime Taktik des Monsieur F.“

Eine Lesprobe gibt es hier.

 

Mehr zum Thema: