Qual der Wahl: Die hohe Kunst der Entscheidung will gelernt sein

Von der Marmelade zum Frühstück bis zum Flirtpartner am Abend: Wir stehen täglich vor unzähligen Entscheidungen, die uns das Leben schwer machen. Aber es gibt Tricks, die helfen, die richtige Wahl zu treffen. Ein Psychotherapie-Coach hat Tipps.

Kopie von Nachdenklichkeit
Viele Möglichkeiten, aber nur eine Entscheidung Foto: thinkstockphotos.com

Bis zu 15.000 verschie­dene Produkte sind in einem Supermarkt erhältlich. In Online-Partnerbörsen warten Tausende Singles nur auf uns. 35 Millionen Songs stehen im iTunes-Store zum Download bereit. Manchmal scheint das Leben wie ein endloses Herumirren in einem Dschungel von Möglichkeiten. Das mag wie die große Freiheit wirken. Doch das Gegenteil ist oft der Fall. Psychologen sprechen von einer Tyrannei der Auswahl.

Nicht mehr als sieben

Ein Experiment von Psychologen der Columbia Business School ­veranschaulicht das Problem. Sie stellten an zwei aufeinander ­folgenden Wochenenden in ­einem Delikatessengeschäft einen Stand mit Marmeladen auf. Am ersten Wochenende konnten Besucher sechs verschiedene Sorten probieren und dann kaufen, beim zweiten Mal gleich 24. Das Resultat ist verblüffend: 60 Prozent der Käufer blieben vor dem größeren Angebot stehen, nur 40 Prozent vor dem kleineren. Dafür aber entschied sich bei der kleinen Auswahl jeder Dritte für den Kauf einer Marmelade, bei der großen Auswahl nur drei Prozent. "Mit einer zu großen Auswahl ist unser Gehirn überfordert. Wir können höchstens sieben Möglich­keiten in eine engere Wahl ­ziehen", erklärt Psychotherapeutin Susanne Pointner dieses Phänomen.

Gefühl oder Verstand

Von der Antike bis ins 20. Jahrhundert gab es die vorherrschende Meinung, dass Menschen rational entscheiden sollen. Gefühle wären nur störend. Mittlerweile sind sich Forscher aber einig: Ohne Gefühl ist unser Verstand hilflos. Wir brauchen beides. Wenn wir Entscheidungen aus dem Bauch heraus treffen, beruhen sie auf dem Wissen unserer Erfahrungen. Unser Unterbewusstsein trifft intuitiv also oft schon die "richtige" Entscheidung. Sollen wir also das Gehirn ausschalten und nur unserem Bauch folgen? Nein, denn auf den allein ist auch kein Verlass. "Erstaunlich leicht lassen wir uns von unseren unbewussten Vor­urteilen und Ängsten beeinflussen", so Psychothera­peutin Susanne Pointner. Die besten Entscheidungen fällen wir, indem wir Verstand und Bauch miteinander „sprechen“ lassen.

Wer ist Ihr Herzblatt?

Bis etwa zu unserem 25. Lebensjahr befinden wir uns in der Liebe in einer Art Testlauf. Wir probieren verschiedene Partner aus, ob als Freunde, Kumpel oder Liebeleien. So testen wir, wer uns gefällt und wer nicht. Wir lernen, wie ­attraktiv wir selbst sind und wer potenziell zu uns passen könnte. Die wichtigste Rolle in der Partnerwahl spielt aber die Intuition. "Wir bemerken schnell, wenn wir uns zu einem Menschen wie durch ein unsichtbares Band hingezogen fühlen", so ­Susanne Pointner. Die Vernunft ist ein schlechter Rat­geber in der Liebe.

Wichtige Job-Entscheidung

Kinder von Anwälten studieren überdurchschnittlich häufig Jus. Kinder von Unternehmern werden selbstständig. In der Soziologie spricht man von einer sozialen Vererbungstheorie. Eltern beeinflussen ihre Kinder massiv in der Berufswahl. Sie prägen mit, was wir als erstrebenswert oder unwichtig ansehen. "Auf keinen Fall sollten wir uns bei wichtigen Entscheidungen auf die Meinung anderer oder auf schlaue Ratgeber verlassen", so Pointner. Selbstbewussten Menschen fällt es übrigens generell leichter, Entscheidungen zu treffen.

Pistole am Kopf

Wenn wir Entscheidungen unter Stress fällen müssen, kommen vier urmenschliche Handlungsimpulse zum Vorschein: Angriff, Flucht, Unterwerfung und der Totstellreflex. Für welchen wir uns spontan entscheiden, ist von unserem Charakter und unserer Erziehung abhängig. Noch ein kleiner Tipp zum Schluss: Untersuchungen zufolge bereuen Menschen es mehr, Dinge nicht getan zu haben – als eine falsche Entscheidung getroffen zu haben. Es ist also besser, ­etwas zu wagen, als einer nicht genützten Chance ewig nachzutrauern.

Susanne Pointner im Gespräch

Wie vermeiden wir Fehlentscheidungen?
Wir entscheiden oft übereilt, weil wir das Spannungsgefühl als unangenehm empfinden. Wir sollten uns also Zeit lassen. Zweitens sollte man sich bei Entscheidungen nie ausschließlich auf die Meinung anderer verlassen. Gefühle sind bei Entscheidungen wichtige Hinweisschilder. Sie "ziehen" uns meist schon in die richtige Richtung.

Warum fällt es uns oft so schwer, Entscheidungen zu treffen?
Oft spielen unterbewusst ausgeblendete Ängste eine Rolle. Unser Unterbewusstsein warnt uns, indem wir ein ungutes Gefühl haben. Deswegen fällt uns oft eine Entscheidung so schwer.

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