Kinder? Krieg ich später: Kindersegen mit 40 ist kein Hollywood-Privileg

Mittels moderner Medizin lässt sich der Kinderwunsch lange hinauszögern. Einfrieren und später auftauen lautet die Devise. Sind Tiefkühl-Babys bald Realität und was sind die Risiken und Chancen von spätem Kinderglück?

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Immer mehr Österreicherinnen verschieben Familienplanung auf später. Foto: Colourbox

Heute gehört es zum alltäglichen Straßenbild: „graue Panther“, die selbstbewusst die Bugaboos vor sich herschieben. Ein Schelm, der hier an flotte Omas denkt, die mit den Enkerl einen Ausflug machen. Die Damen sind späte Jung-Mamas. Eine Zielgruppe, auf die sich Medizin und Werbewirtschaft einstellen sollten. 40 ist das neue 20 – auch bei der Familienplanung.

Ablaufdatum

Und, wollt ihr noch (!) Kinder? Die Killer-Frage schlechthin, die eine Frau ohne Nachkommenschaft spätestens ab dem 30. Geburtstag ereilt. Von Enkel-fordernden Elternteilen oder nach Spielkameraden für ihre eigene Lendenfrucht lechzenden Freunden. So ärgerlich es für die Betroffenen ist, die Frage ist berechtigt. Die Baby-Uhr tickt, gnadenlos. Die Fertilität, so der medizinische Ausdruck für die Fruchtbarkeit, hat ein Ablaufdatum.

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Foto: Corbis

Medizinische Wunderkinder

Mit dem Kinderkriegen ist es wie so oft im Leben: Diejenigen, die (noch) keine wollen, trifft es bei der ersten Verhütungspanne. Den anderen, die den „richtigen Zeitpunkt“ für das Projekt Nachwuchs definiert haben, macht die Natur gerne einen Strich durch die Rechnung. Dann muss man sich für den Zeugungsakt ­gewaltig ins Zeug legen. Bei Jung-Müttern über 30 spielt sich das Babymachen dann oft nicht mehr zwischen ihr und dem Partner ab, sondern als flotter Dreier mit dem Kinderwunsch-Mediziner. Und es dauert deutlich länger als ein paar Minuten. Das lang ersehnte Wunschkind lässt sich gut und gerne Monate und Jahre Zeit, bis es sich endlich in der Gebärmutter der schon etwas reiferen Mutter einnistet. Die Chancen, mit 35+ auf natürlichem Wege ein Kind zu bekommen, schwinden mit jedem Lebensjahr drastisch.

Kinderloses Österreich

Dennoch klettert das Alter der Erstgebärenden konstant nach oben. Heute ist die Österreicherin im Schnitt 29 Jahre alt, wenn sie ihr erstes Kind ­bekommt, Tendenz steigend. Kinder – ja. Aber später. Je höher die Ausbildung, desto weiter wird die Familienplanung nach hinten geschoben. Oft so lange, bis es biologisch gesehen fast schon zu spät ist. Dies bestätigt Dr. Isabella ­Buber-Ennser, Studienleiterin „Familienentwicklung in ­Österreich 2009 – 2013“ der Akademie der Wissenschaften: „In Österreich haben wir mit ca. 20 Prozent eine der höchsten Kinderlosigkeits­raten in ganz Europa, bei Frauen mit Uni-Abschluss liegt sie sogar bei 30 Prozent. Dabei wünschen sich die ­Österreicherinnen durchaus zwei bis drei Kinder. Ein Grund für den Aufschub ist u. a. das Problem, den passenden Partner zu finden.“

Kinderwunsch auf Eis

Dank moderner Medizin kann man das biologische Ablaufdatum der eigenen Fortpflanzungs­fähigkeit verlängern. Wie bei Lebensmitteln bewährt, macht man sich die konservierende Fähigkeit der Kälte zunutze. Eizellen werden in jungen Jahren eingefroren, um in späteren Jahren einen Vorrat zu haben. Die Unternehmen Apple und Facebook sorgten erst kürzlich mit dem Angebot, ihren weiblichen Mitarbeitern die kostenintensive Maßnahme für eine spätere Realisierung des Kinderwunschs zu bezahlen, für Aufregung. Dabei ist dieses ­„Social Egg Freezing“, die Kryokonservierung von jungen Eizellen, kein Novum. Im benachbarten Ausland ist es längst Praxis, nur in Österreich wehrt sich die Gesetz­gebung noch, das Einfrieren von Eizellen zu erlauben.

Doc, mach mir ein Kind!

Die besten Chancen auf eine ­natürliche Befruchtung liegen zwischen dem 18. und dem 33. Lebensjahr. Leider überschneidet sich diese Lebensphase heute genau mit den Jahren der Ausbildung und dem Einstieg in die Berufswelt. Kind und Karriere zu schaukeln klingt zwar gut, ist im Alltag aber schwer zu realisieren. Noch immer fehlt es an flächendeckender Kinderbetreuung. Väterkarenz ist im Business-Alltag noch nicht angekommen. Was also tun? Das Einfrieren von jungen, frischen Eizellen in den 20ern für ein Kind in den späten 30ern, frühen 40ern scheint eine plausible, attraktive Lösung zu sein. Ein Garant für das späte Mutterglück ist es aber nicht. Langzeit-Studien gibt es laut Univ.-Prof. Dr. Heinz Strohmer, Gründer und Leiter des Kinderwunschzentrums im Goldenen Kreuz in Wien, für die relativ junge Methode noch keine. Die Aussichten auf eine Befruchtung liegen zwar sehr gut, die breite Palette an Risiken einer späten Schwangerschaft – davon spricht man bereits ab dem 35. Lebensjahr – bleibt aber bestehen. Risiken, denen man mit dem Eier-Einfrieren allerdings aus dem Weg gehen kann: 1. Das Fehlen intakter Eizellen. 2. Die mit zunehmendem Alter erhöhte Wahrscheinlichkeit für Chromosomenschäden. 3. Unfruchtbarkeit wegen frühzeitigen Einsetzens des Klimakteriums.

Selbstbestimmtes Zeitfenster

Social Egg Freezing ist keine Babygarantie, wohl aber eine Zusatzversicherung. Eine Frau kann sich damit ein bisschen Luft nach oben schaffen – und Zeit, die berufliche Laufbahn ins Rollen zu bringen. Sinn macht es realistischerweise für jene, die jetzt in ihren 20ern sind. Für alle Thirty-Somethings ist der Freezing-Zug bereits abge­fahren. Bei Kosten von 3.000 Euro für das Einfrieren plus 300 Euro jährlich für die ­Lagerung wird es schwerlich zum Massen-Phänomen. Schön, wenn Unternehmen dies als freiwillige Sozialleistung ins Portfolio aufnehmen.

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Jung geblieben?

Ist das Subjekt der Begierde – das eigene Baby – dann endlich da, kann es sich aber über ein sorgenfreies, wohlbehütetes Heranwachsen freuen. Ältere Eltern sind meist besser informiert und besser situiert. Dem Wunschkind wird es an nichts fehlen – außer vielleicht an Großeltern für den eigenen Nachwuchs, wenn es denn einmal soweit sein sollte. Und vielleicht ein bisschen an Verständnis und Agilität der Erziehungsberechtigten: Wenn’s im Kreuz zwickt, werden endlose Rutschpartien am Spielplatz zur Herausforderung. Auch Generationskonflikte der besonderen Art können am Programm stehen: Wenn Menopause und Pubertät aufeinandertreffen, liegen jede Menge Hormone in der Luft. Doch: Diese Kinder wurden wirklich gewollt. Eine Generation an Wunschkindern wächst heran – finanziell abgesichert, mit besten Chancen für ihren Lebensweg.

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Greise Mütter

Die Spanierin María del Carmen Bousada, die im Jahr 2006 im Alter von 67 Jahren nach einer künstlichen Befruchtung mittels Eizellen-Spende Zwillinge gebar, war kein langes Mutterglück vergönnt: Nur zwei Jahre später verstarb sie 69-jährig an ­einer Krebserkrankung. Ihre Buben blieben als Waisen zurück. Auch jene Inderin, die 2008 nach einer künstlichen Befruchtung 70-jährig ein Mädchen gebar, wird ihr Kind wohl nicht bis ins Erwachsenenleben begleiten können. Eine Frage, die sich bei (allzu) später Mutterschaft zwingend aufdrängt: Ist das ethisch noch vertretbar? Was passiert mit meinem Kind, wenn mir etwas passiert? Die Lebenserwartung steigt kontinuierlich, die Fruchtbarkeit der Frau ist in der Mitte des Lebens zu Ende. Wenn Oma-Mütter die Zukunft sind, steht dem ohnehin schon labilen Gesundheitssystem noch einiges an Herausforderungen bevor.

Social Freezing: Wenn Kinderwunsch auf Eis gelegt wird

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Weekend Cover Nr. 21/KW46 2014
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