Keine Lust auf Lust: No Sex, please! Wenn im Bett nichts mehr geht

Lustlos: Immer mehr Menschen verlieren die Lust auf Körperlichkeit. Ein Gesellschaftsphänomen? Lässt sich die Leidenschaft wieder zum Lodern bringen? Wir verraten die größten Lustkiller und besten Tipps für ein aktives Liebesleben.

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Foto: Thinkstock

Früher waren Susanne und Michael noch richtig heiß aufeinander. Kein Tag, an dem sie nicht übereinander hergefallen sind. Dann kam der Alltag – Kinder, Stress im Job, ein Haushalt zu schupfen und den Hund auszuführen. Zeit für sich? Mangelware! Heute tun sie "es" nur noch aus Pflichtbewusstsein – weil es sich schließlich als Paar so gehört. Außerdem: Jeder redet über Sex, überall werden wir mit nackten Tatsachen konfrontiert. Kein ausschweifendes Sexualleben zu haben wäre doch nicht normal! Lust darauf haben sie aber schon lange nicht mehr. Was Susanne und Michael nicht wissen: Sie sind nicht alleine. Jede zehnte Frau leidet unter permanenter Lustlosigkeit – bei den Männern sind es sogar noch mehr. Nur: Davon redet keiner! Eine Zivilisationskrankheit, die keine ist – solange man sich mit der Abstinenz wohlfühlt. Wenn nicht, gibt es einfache Tricks, um wieder Leben in die Partnerschaft zu bringen. Und auch professionelle Hilfe.

Sex Facts

Der Mensch ist von Geburt an ein sexuelles Wesen. Lustempfinden liegt in unserer Natur – nicht nur, wie jahrhundertelang pro­pagiert, ausschließlich zum Zwecke der Fortpflanzung. Nein, das Empfinden von Lust hat viel mehr Aspekte. Stressabbau zum Beispiel. Oder Nähe. Oder einfach nur pures Ver­gnügen.
Oh, wie geil! Wie bei allen Dingen, die uns Spaß machen (sollten), spielt auch das Dopamin eine nicht unerhebliche Rolle: Der Botenstoff, der im Belohnungszentrum des Gehirns ausgeschüttet wird, veranlasst, dass wir mehr wollen. Dazu muss aber ein Faktor gegeben sein: Vergnügen. Wird Sex mit ­etwas Unangenehmem oder Langweiligem verknüpft, bleibt das Hoch­gefühl aus. Und auch die Lust auf mehr schwindet dahin. Die Lösung: Runter von der To-do- und rauf auf die "Das gönn ich mir!"-Liste.

Lustkiller 1: Zeit

Das Hauptproblem für die abfallende Lustkurve kennen wir alle leider nur zu gut: Zeitmangel und Stress. Neben der Kar­riere (steil bergauf!), dem Haushalt (perfekt!) und den Kindern (noch perfekter!) bleibt das Leben als Paar meist auf der Strecke. Wenn Schatzi und Mausi zu Mama und Papa mutieren, kehrt im elter­lichen Schlafzimmer sowieso Ruhe ein. Wer nicht gegensteuert, dem droht ein unfreiwillig keusches Dasein. Die Lösung des Problems klingt simpel: Stunden zu zweit einräumen – ohne Kids, ohne Alltag, dafür als Mann und Frau. Doch auch hier lauert ein Lustkiller, so der Psychologe und Kabarettist Prof. Bernhard Ludwig: Tut man es nämlich nur noch, weil Samstag ist (ein beliebter Beischlaf-Termin) und nicht mehr aus Verlangen, fällt ­dieses wöchentliche Sex-Date über kurz oder lang auch flach.

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Auch Verführungskompetenz kann man in einer Sexualtherapie neu erlernen.   Foto: Thinkstock

Lustkiller 2: Erwartung

Bernhard Ludwigs Seminarkabarett "Anleitung zur sexuellen Unzufriedenheit" hat seit Jahren nicht an Aktualität eingebüßt. Heute redet jeder darüber, aber  keiner tut es. Oder, nach Ludwig: "Beide sind geil, aber der Sex findet trotzdem nicht statt!" Ludwig erklärt dies in der unterschiedlichen Erwartungshaltung von Männlein und Weiblein: Er will einen Quickie, sie Kerzen und Wein. Die Lösung: Reden! "Ein einfaches: "Ich bin geil!" würde oft schon reichen – dann gibt es mehrere Lösungen", so Ludwig. Und: "Sex ist eine Gaude und macht Spaß!", betont er. Darauf ­sollte man sich wieder besinnen – denn "den ehelichen Pflichten nachkommen" klingt schon für sich ­abtörnend.

Lustkiller 3: Halbe-halbe

Worauf Generationen von Frauen jahrzehntelang hingearbeitet haben, entpuppt sich nun laut einer Studie des "American Socialogical Review" als Beischlaftöter: die Aufteilung der Hausarbeit. Dies heißt nicht, dass die Herren der Schöpfung sich auf ihren Allerwertesten ausruhen und bedienen lassen müssen, um zu mehr Sex zu kommen. Nein – aber die Art der heimischen Hilfe sollte gut überlegt sein. Jene, die sich mit "typisch männlichen" Tätigkeiten wie Reparaturen oder den Mist hinaustragen einbringen, kommen um 1,5-mal pro Monat öfters zum Akt als jene, die brav kochen und danach die Küche putzen. Klingt unfair, doch anscheinend wollen die Ladys auch 40 Jahre nach ­Alice Schwarzers "Der kleine Unterschied" in ihrem Innersten noch richtige Kerle. Emanzipation sei Dank, weiß heute keiner mehr so richtig, was er bzw. sie eigentlich will. Denn auch immer mehr Männer sind von der Unlust betroffen.

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Es ist nie zu spät, das Liebesleben wieder anzuheizen. Foto: Thinkstock

Lustkiller 4: Hollywood

Ludwigs Formel "Erwartungen vs. Erreichtem" wird durch die Traumfabrik ständig weiter angeheizt. Romantikkomödien und ihre Helden legen die Latte für Normalos in unerreichbare Höhen. Daneben das andere Extrem: Frauen haben Pornos für sich entdeckt. Auch hier lauert der Vergleich. Zwangsläufig fragt man sich: Gefalle ich ihm/ihr überhaupt? Dabei spielt die Optik in Sachen Lust eine untergeordnete Rolle: Viel wichtiger sind der Geruch des Partners und die Kommunikation.

Lust (wieder) lernen

Doch was tun, wenn Flaute im Bett herrscht? Erstens: nicht verzweifeln. Mit dem Verliebtseins-High sinkt auch das Verlangen. Das ist normal. Stress, Krankheit, Kinder oder auch die Pille lassen die Lust verebben. Meist spielen einige Faktoren zusammen. Wer darunter leidet, kann profes­sionelle Hilfe in Form einer Sexualtherapie in Anspruch nehmen. Wolfgang Kostenwein ist klinischer Sexologe und Leiter des Österreichischen Instituts für Sexualpädagogik. "Damit Sexualität gut und lustvoll funktioniert, bedarf es verschiedener Komponenten", erklärt der Experte. Die wichtigste ist der eigene Körper, den es zu kennen gilt. Selbst auferlegte Limits, oft in frühester Kindheit begründet, hemmen das Lustempfinden als Erwachsener. „Wir alle sind sexuelle Wesen, von Geburt an. Wenn ein Kind etwas Neues lernt, sind alle begeistert. Entdeckt es seine Sexualität, heißt es aber sofort: Pfui!“, so der Sexologe. Doch es ist nie zu spät, zur Lust ­zurückzufinden: "Sexualität wird erworben, genauso, wie das Gehen", erklärt er. In der Therapie lernen Paare und Singles ihr Lustempfinden zuzulassen. Viele  Paare leben in einer glücklichen, aber sexfreien Beziehung. Der wichtigste Lust-Booster: Abwechslung! Langweiler sind nicht sexy. Der Fun-Faktor muss auch im Alltag gegeben sein. Dann klappt’s auch wieder mit dem lustvollen "Ohhhh …"

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Weekend Magazin Cover KW 28
Foto: ACTS/MIKE RANZ

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