Heimat-Liebe und Brauchtum stehen In Österreich wieder hoch im Kurs

Landleben und Trachten, Volksmusik und Dialekt stehen wieder hoch im Kurs. Es kommt einer kleinen Kulturrevolution gleich, was sich derzeit auf der "Wiener Wies’n" im Prater abspielt. Über Gründe und Hintergründe der neuen Heimatliebe.

Kopie von Trachten
Heimat, Landleben und Tracht sind wieder in Foto: thinkstockphotos.com

Ein Wiener Teenager in der Lederhose? Eine Mittelschülerin aus Favoriten im Dirndl? Kaum vorstellbar noch vor zehn oder 15 Jahren. Stadtjugendliche in grellen Dirndln und Velourslederhosen fluten geradezu das Festgelände des Oktoberfest-Imitats, dessen Veranstalter sich damit brüsten, "das größte Volksfest Österreichs" zu organisieren. Trachten, Heimat, Landleben - was früher als rückständig und altmodisch galt, ist derzeit wieder hoch im Kurs. Längst macht das Wort vom "Heimatboom" die Runde. Die Tracht beginnt sich sogar die Haute Couture zu erobern. So ging der renommierte Salzburger Tobias Reiser-Preis, der normalerweise für Leistungen auf dem Gebiet der Brauchtumspflege vergeben wird, heuer an die Wiener Modedesignerin Susanne Bisovsky. Sie entwirft "urbane Trachten" für eine internationale Kundschaft.

Kernöl-Elvis

Die heimische Volksmusik-Szene hat mit dem Steirer Andreas Gabalier einen Shootingstar, der den Heimatboom zusätzlich anheizt. Der Singer/Songwriter konnte sich enorm viele junge und bisher Humptata-abstinente Fans schaffen. "Kernöl-­Elvis" singt von der ewigen Liebe, von der Schönheit der "Madln" und der Heimat. Durchaus dem Genre entsprechend, zielen seine Songtexte auch gelegentlich unter die Gürtellinie. "Es war", schrieb das Profil, "als hätte Andreas Gabalier einen extrem dringenden Bedarf gestillt, von dessen Existenz bis dahin keiner wusste. Offenbar war die Zeit wieder reif für ein Wunder."

Provinzkrimi & Dialekt-Soap

Anscheinend war sie auch reif für den guten alten ­Heimatroman. Allerdings ist das Genre nicht in seiner Schnulzenform,  sondern als "Provinzkrimi" wiederauf­erstanden. Kriminalromane mit ländlichen und kleinstädtischen Schauplätzen gibt es mittlerweile zum ­Saufüttern in den Buchhandlungen. Auch im TV ist Landleben Trumpf. Eine der erfolgreichsten Vorabend­serien des deutschsprachigen Fernsehens ist die auf BR ausgestrahlte Daily Soap "Dahoam is dahoam", die in einem fiktiven Nest namens Lansing spielt. Seit rund 1.000 Folgen wird hier "boarisch geratscht", wie schon im legendären "Bullen von Tölz".

"Glokalisierung"

Für den Trendforscher Harry Gatterer, Geschäftsführer des Zukunftsinstituts Österreich, hat die neue Heimatliebe zwei Seiten, eine handfeste und eine gefühlsmäßige. Einerseits sei die Wiederentdeckung des Regionalen eine Gegenbewegung zur Globalisierung und zu den teilweise absurden Transportwegen von Waren. Andererseits sieht Gatterer darin ein Folge der zunehmenden Virtualisierung des Alltags­lebens. "Man sehnt sich nach dem Greifbaren und nach der Tradition, die sehr frei interpretiert wird. Überhaupt nach allem, was nicht digital ist." Es handle sich nicht um einen Ausschlag des Pendels in die andere Richtung, sagt Gatterer, sondern ein "Leben in zwei Welten" – in jener der facebook-Freunde und in jener der Spezl aus Fleisch und Blut, mit denen man sich fürs Bierzelt verabredet.

"Gut aufgehoben"

Auch Helmut Mödlhammer redet gerne vom Boom der Heimat. Der Präsident des österreichischen Gemeindebunds und Bürgermeister von Hallwang hat gerade ein Buch ("Mein Lebensweg für die Gemeinden") geschrieben. Mödlhammer beschreibt darin die österreichische Realität. Und die sieht so aus, dass 78 Prozent der Bevölkerung in Regionen leben, die man im weitesten Sinne als "ländlich" bezeichnen kann. Und sie lebt dort nicht ungern. Laut Mödlhammer sei in den "überschaubaren Einheiten" der Dörfer und Kleinstädte die Politikverdrossenheit am geringsten. "Brandaktuelle Umfragen beweisen, dass sich die Menschen dort gut aufgehoben fühlen und das Vertrauen am größten ist". Man könne als Politiker auf Augenhöhe mit dem Bürger, den man täglich grüßt und mit dem man vielleicht sogar per du ist, "einfach ned schwindeln."  

Die Infrastruktur bröselt

"Die ganze Welt beneidet uns um unsere funktionierenden ländlichen Strukturen", sagt der Gemeindebundpräsident. Noch. Denn auch hierzulande schreitet die Ausdünnung derselben voran. Zuerst ist die Post weg. Dann bleibt der Bus aus und der Bund zieht das Bezirksgericht ab. Die Geschäfte sterben eins nach dem anderen, weil der Ballungsraum auch die Kaufkraft der Landbevölkerung schluckt. Natürlich gehen auch die Jungen weg, wenn es in der Um­gebung keine Jobs gibt. In kleineren Gemeinden bis zu 5.000 Einwohnern sei der Status quo bei der Einwohnerzahl "fast ausschließlich auf eine positive Geburten­bilanz zurückzuführen", wie es in einer aktuellen ­Einschätzung der Statistik ­Austria heißt. 

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