Gutes Benehmen gesucht: Warum unsere Manieren im Keller sind

Von Hass-Postern über Handy-Terror bis zu Verkehrsrowdys – in vielen Bereichen des täglichen Lebens ist eine gefühlte Zunahme von rüpelhaftem Verhalten zu beobachten. Sind wir direkt unterwegs zu einer Hooligan-Gesellschaft?

Hooligan
Auf dem Weg zur Hooligan-Gesellschaft? Foto: Thinkstock

Es war ein relativ harmloser Ausrutscher, aber er hatte drastische Auswirkungen. Ö3-Moderatorin Elke Lichtenegger äußerte sich unbedacht über die österreichische Musikszene, diese schlug unbarmherzig zurück und trat einen sogenannten „Shitstorm“ los. Verhöhnen, bis der Arzt kommt? Zumindest im Fall der Betroffenen, die mit einem Nervenzusammenbruch behandelt werden musste. Und dann der Sieg von Conchita Wurst/Thomas Neuwirth beim Song Contest – er löste nicht nur einen „Lovestorm“, sondern auch eine Verbalmüll-Lawine aus.

Conchita Wurst
Conchita Wurst Foto: Getty Images

Außer Kontrolle

Inklusive Morddrohungen, die sogar auf der Facebook-Seite des Bundespräsidenten zu lesen waren. „Selten wurde jemand auf Facebook so vehement mit Gewalt und Mord bedroht“, resümierte das Magazin „profil“. Dessen Chefredakteur Christian Rainer hatte noch kurz davor in einem Kommentar geschrieben, „die Meinungsäußerung im Netz, in sozialen Medien hat Maß und Ziel verloren, passiert außerhalb jeder Selbstregulierung und Kontrolle“.

Kultur der Unkultur

Shitstorms, die über Wirte, Firmen und VIPs, aber auch über Hinz & Kunz hereinbrechen können, sind für den Wiener Kulturpublizisten Thomas Mießgang nur eines der Beispiele für eine gefühlte Zunahme von rabiatem Verhalten in der Gesellschaft. Mießgang, ehemals Chefkurator der Kunsthalle Wien, gibt in seinem Buch einen Überblick über die neue „Kultur der Unhöflichkeit“ in den Medien, in der Politik und im täglichen Leben. Es trägt den Titel „Scheiß drauf “ (erschienen 2013 bei Rogner & Bernhard).

Handy-Terror & Mampfing

Dass sich der Essay blendend verkauft, zeigt, dass die Klage über die Verlotterung der Sitten auf fruchtbaren Boden fällt. In der Tat – sie entspricht vielen Alltagsbeobachtungen. Da gibt es den universellen Typus des/der Telefonierenden, der komplette Zugabteile mit ebenso banalem wie endlosem Gebrüll zwangsbeschallt. Da gibt es Klingelton-Terroristen, die sogar auf Beerdigungen und in Symphoniekonzerten zuschlagen. Und da gibt es die Kebab- und Pizza-Mampfenden in den Öffis, für die man sich Dunstabzugshauben wünscht und die rempelnden Smartphone-Autisten, denen man Blindenbinden verordnen möchte.

Straßenkampf

Da gibt es aber auch das Phänomen des „Kampfradlers“, dem der Unterschied zwischen Gehsteigen und Fahrradwegen so was von scheißegal ist, genauso wie das Telefonierverbot und die vorgeschriebene Fahrtrichtung. Keine Statistik erfasst die Stinkefinger und Verbalinjurien, aber jeder aufmerksame Beobachter wird bestätigen, dass sich die Konflikte zwischen Radlern, Autofahrern und Fußgängern deutlich verschärft haben.

Autofahrer
Aggression ist an der Tagesordnung Foto: Thinkstock

Und auch die zwischen den Automobilisten. Bei wachsendem Individualverkehr führen immer mehr Einbahnsysteme, Umleitungen, Tempolimits, Ampelschaltungen, Baustellen und die notorischen Staus die Idee von der selbstbestimmten Mobilität ad absurdum. Was nützt das 230 PS-starke SUV, wenn der Ego-Booster in der Rushhour nur mehr zentimeterweise vorwärts kriecht? Kein Wunder, dass den gedemütigten Lenkern und Lenkerinnen immer öfter die Milch überkocht. Mehr aufgestauter Stress bedeutet deutlich mehr gefühlte Rüpelhaftigkeit – in Form von aggressivem Auffahren, Hupen, obszönen Schimpfwörtern und Blockieren.

Fuck!

Thomas Mießgang begnügt sich in „Scheiß drauf “ nicht mit der Bestandsaufnahme modernen Entgleisens von Shitstorm, „Car Rage“ und „Air Rage“, über die Sauforgien von Massentouristen bis hin zu den Auszuckern von Politikern. Kulturwissenschafter, der er ist, beleuchtet er auch die Rolle der Massenmedien im Erosionsprozess der Umgangsformen. Das Fernsehen, früher Hort beschaulicher Unterhaltung und erzieherischer Ambitionen, sei zum Schaufenster von „Vulgaritäten aller Art“ verkommen. Heute sei dort nicht mehr der kultivierte Bürger das gängige Rollenmodell, sondern der bildungsferne Prolet. „Fuck“ ist immerhin das erste Wort gewesen, das die TV-Zuseher aus dem Munde Til Schweigers bei seinem Einstand als „Tatort“-Kommissar vernommen haben. Laut Mießgang eine Ansage: Im Krimi habe nicht mehr der selbstbeherrschte Gesetzeshüter das Sagen, sondern der Haudrauf à la Bruce Willis, dem „angetan mit Baseballkappe und Parka, bestenfalls ein Fluch entfleucht, ehe er drei Leute umnietet.“

Tiefer geht’s nicht

Im Krimi ist der Prolo mehrheitsfähig. In Talkrunden, Casting-Shows und Reality-Formaten wird er am Nasenring vorgeführt, entweder als rührend naiver Ehrgeizling, der in „DSDS“ oder „Das Supertalent“ in den Boden gestampft wird oder als mediengeiler C-Promi, den feixende Moderatoren durch „Dschungelcamp“-Ekelprüfungen treiben. Dort wird den Teilnehmern neben Maden-Menüs schon mal eine Bohnenkost verordnet, um eine gruppeninterne Diskussion über Verdauungsgeräusche einfangen zu können – Furzen als Quotenhit sozusagen. „Die Gesellschaft“, schreibt Mießgang lakonisch, spiegle sich im Leitmedium wider. Und die Glotze strahle dann die „neuen, tiefergelegten Verhaltensstandards“ in die Wohnzimmer zurück.

Erfrischend grob

Man müsse differenzieren, sagt Mießgang. Rabaukentum sei immer auch notwendig und angemessen gewesen, um frischen Wind in erstarrte Verhältnisse zu blasen. Wenn es zum Beispiel heute darum gehe, gegen Gelaber von Politikern einen Kontrapunkt zu setzen oder gegen öde Konventionen zu protestieren.

Schluss mit lustig

Das bunte Treiben am „Ballermann 6“ in Mallorca kann man nicht zu dieser Art von emanzipatorischem Regelverstoß rechnen. Es ist für die Ortsansässigen schlicht die Hölle auf Erden – ein europäisches Festival des schlechten Benehmens, tagtäglich neu inszeniert von Massen an Billig-Touristen. Seit Kurzem gelten am Strand von S’Arenal strengere Regeln: Komasaufen, Grölen und Urinieren sowie Geschlechtsverkehr in der Öffentlichkeit ist verboten und wird mit bis zu 400 Euro Geldstrafe belangt. Dass viele der Stammgäste schon angedroht haben, künftig anderswo einzufallen, nimmt die leidgeprüfte Stadtverwaltung gern in Kauf. Scheiß drauf !

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Weekend Magazin Ausgabe 12/2014 Foto: Weekend Magazin

 

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