Der Traum vom Familienglück: So klappt das Zusammenleben

Die Familie ist ein ­Eingriff in das Privatleben, befand der ­Satiriker Karl Kraus. Und doch fühlen wir uns nirgendwo so aufgehoben und verstanden wie im Kreise unserer Liebsten. Ein Leitfaden zum Familieglück von der Weekend-Redaktion.

Kopie von Familie
Wenn der Traum vom Familienglück ein Traum bleibt Foto: thinkstockphotos.com

Jeden Morgen um 7.30 Uhr möchte Christian seine Familie auf den Mond schießen. Denn dann rotiert seine Frau zwischen Wohn- und Vorzimmer, weil sie – wie jeden Morgen – ihre Autoschlüssel nicht finden kann. Die Dreijährige protestiert "Selber! Selber!", als er ihr den Mantel zuknöpfen will, und wirft sich wehklagend auf den Boden. Statt zu helfen, glotzt der 12-jährige Tim stumm auf sein Handy und setzt sich erst einmal wieder. Dann fällt ihm ein: "Brauch' 10 Euro, für so'n Buch." Jetzt einfach gehen und nur mehr für sich selbst verantwortlich sein! Schluss mit dem Erziehen, Verbieten, Antreiben, Verständnis zeigen! "Nie wieder," knurrt Christian, nimmt die zappelnde Tochter auf den Arm, fischt den Autoschlüssel aus der Manteltasche seiner Frau, zieht Tim am Jackenkragen hoch und reißt die Tür auf. "Nie wieder Familie!"

Wir sind Familie

In solchen Augenblicken wäre Chris­tian gern Teil jener 16 Prozent der österreichischen Bevölkerung, die einen Haushalt ganz für sich ­alleine haben. Meist sind dies ­allerdings ältere Menschen, die einst auch Teil einer Familie waren und "übrig" geblieben sind. Und die jungen Singles? Eine Mehrheit (drei Viertel aller 14- bis 24-Jährigen*) will Kinder haben, später einmal. Es gibt also kaum ein Entrinnen: We are family!

Die liebe Verwandtschaft

Der Begriff Familie wird heute von der "Statistik Austria" so definiert: "Verheiratet oder unverheiratet zusammenlebende Paare mit und ohne Kinder sowie Ein-­Eltern-Familien mit ihren Kindern." In Österreich gibt es  2,3 Millionen Haushalte, auf die diese Merk­male zutreffen, davon 1,4 Millionen mit Kindern. Auffällig: Von Oma und Opa oder gar Urgroßeltern ist nirgends die Rede. Das war im Mittelalter noch ganz anders. Kulturhistoriker bezeichnen das bis zur Industrialisierung vorherrschende Modell des Zusammenlebens als "Ganzes Haus“": Neben mehreren Generationen der Kernfamilie lebten darin auch das Ge­sinde und unverheiratete Verwandte. Das Ideal des Liebespaares und der von ihm gegründeten Kleinfamilie entstand erst Mitte des 19. Jahrhunderts. Seither halten wir mehr oder weniger an diesem Lebensstil fest. Selbst komplizierte Patchwork-Konstellationen streben letztendlich eine harmonische Einheit an. Die Familie hat sich bewährt. Oder?

Du gehörst zu uns

Dass wir heute bei Lebenskrisen anklagend auf unsere Eltern zeigen, haben wir Sigmund Freud (1856 – 1939) zu verdanken. Der Wiener Arzt nahm die Eltern-Kind-Beziehung, erfand das Strukturmodell der Psyche (Es, Ich, Über-Ich) und bastelte daraus die Psychoanalyse. Zu einer Zeit, in der die Autorität der Eltern, besonders des Vaters, alles und die Autonomie des Kindes nichts galten, war Freuds Ansatz ungeheuerlich. Heute ist – auch dank Freud – eine gute, liebevolle und kooperative Beziehung  zum Kind erklärtes Eltern-Ziel. Und die soll möglichst ein ganzes Leben lang halten. Die ideale "glückliche Familie" gibt jedem Mitglied das Gefühl, dazuzugehören, und lässt ihm andererseits die Freiheit, seinen eigenen Weg zu gehen. Wie kann das in der Praxis funktionieren?

Lasst Taten folgen!

Zum ­Beispiel, in dem man für den anderen da ist: Ein in Studien besonders häufig genanntes Qualitätsmerkmal von Beziehungen ist die "wahr­genommene Unterstützung". Die größte Liebe läuft ins Leere, wenn der Bruder seiner Schwester nicht bei den Matheaufgaben helfen mag, die Enkel den Opa nie besuchen kommen. Unrealistisch wäre es allerdings auch, den Erwartungen aller Verwandten ein Leben lang entsprechen zu wollen. Gehen funktionierende Familien mit Konflikten vielleicht einfach nur anders um? Katharina Weiner, Leiterin des familientherapeutischen Zentrums "familylab" in Wien: "Es braucht auch in glücklichen Familien die Wertschätzung des 'Unglücklichsein dürfen'.“ Soll heißen: bloß nicht immer alles herunterspielen! Wer auf Krisen wie Jobverlust, Trennung vom Partner oder Krankheit von seiner Familie immer nur Reaktionen wie "Kopf hoch!" und "halb so schlimm" bekommt, wird sich irgendwann enttäuscht abwenden.

Jetzt reicht's

Benimmt sich ein Familienmitglied immer wieder daneben, stellt sich die Frage: schweigen um des lieben Friedens willen, oder die "Bombe" platzen lassen? Im Normalfall sollte man Konflikte ansprechen, bevor sie eskalieren, rät die Wiener Psychotherapeutin Dorothea Zillich. "Wichtig: keine Anklagen! Besser, man sagt: Ich ­fühle mich wertlos und klein, wenn Du meinen Lebensstil kritisierst, als: Immer mäkelst Du an mir herum!" Alles, so Zillich, lässt sich allerdings beim besten Willen nicht durch Reden aus der Welt schaffen. Die deutsche Familientherapeutin und Autorin Melanie Gräßer ("Familien-Chaos im Griff"): "Wenn dem Klienten ein Familienmitglied  gar nicht gut tut, kann auch ein Abbruch der Beziehung hilfreich sein." Das trifft etwa nach traumatischen Erfahrungen (Gewalt, Missbrauch) zu.

Welche Probleme?

Derartig destruktive Familien kommen zum Glück deutlich seltener vor als "Ablenker-Familien". Dorothea Zillich: "Sie kehren alle Konflikte unter den Teppich." Ob man diesen Teppich lüften sollte oder glücklicher wird, wenn er schön liegen bleibt? Diese wichtige Entscheidung muss letztendlich jeder selbst treffen. 

Familienaufstellung 

Immer wieder geht Helmut S. Beziehungen mit gescheiten, attraktiven Frauen ein, immer wieder scheitern sie. Warum nur? Akute Probleme haben ihren Ursprung in der Herkunftsfamilie, so die Anhänger der Familienaufstellung. Diese Therapieform will verborgene oder verdrängte Konflikte ans Licht bringen.

So läuft eine Aufstellung ab: Helmut wählt aus einer Gruppe einen Stellvertreter für sich selbst sowie für Mitglieder seiner Familie, also Vater, Mutter, Geschwister. Er stellt sie im Raum auf: Einander zu- oder abgewandt, sehr nah oder weit voneinander entfernt. Die Stellvertreter schildern jetzt, wie sie sich fühlen. In Helmuts Fall wird bald klar, dass die Eltern eine unglückliche Ehe führten, der Vater zahlreiche heimliche Affären hatte und sich die Mutter schon als junge Frau verbittert zurückzog. Eine gelingende Liebesbeziehung hat Helmut also nie erlebt. Einen wissenschaftlichen Beweis für die Wirksamkeit dieser Methode gibt es nicht. Erklärungsversuch: Die Gruppe der auf­gestellten Personen bilden ein geistiges Feld mit einem gemeinsamen Gedächtnis.

So geht Familienglück

1) Zeit nehmen
Job, Schule, Hobbys – der Alltag hat uns im Griff. Aber an fixen Terminen, zum Beispiel jeden 2. und 4. Sonntag im Monat, kommen wir zusammen.
 

2) WIR-Gefühl stärken
Ratgeber-Autor Stephen R. Covey: "Einigen Sie sich darauf, was Ihnen wichtig ist, z. B.: Wir wollen immer ehrlich ­zueinander sein. Schreiben Sie's auf."
 

3) Zuhören lernen
Vertrauen entsteht, wenn man über alles reden kann. Wichtig: Wir antworten nicht vorschnell, sondern versetzen uns erst in den anderen hinein.
 

4) Richtig streiten
Konkret ansprechen, worum es geht. Beim Thema bleiben. Keine alten Wunden aufreißen. Sich nicht im Ton vergreifen. Streit nicht eskalieren lassen.
 

5) Gegensätze aushalten
Unterschiedliche Vorstellungen und Ansichten müssen in unserer Familie Platz haben. Jede/r ist einzigartig.
 

6) Optimistisch sein
Selbstvertrauen und Gelassenheit sind die Grundpfeiler unserer Familie. Gemeinsam schaffen wir alles.

Weitere Informationen finden Sie unter:
www.familylab.at