Der Franziskus Faktor: 20 Fragen und Antworten zum Kirchen-Oberhaupt

Gefeiert wie ein Popstar, gehandelt wie ein Messias: Wird Papst Franziskus die Kirche tatsächlich verändern? Oder ist alles nur ein geschickter PR-Schachzug, um von Finanzskandalen und Missbrauchs­vor­würfen abzulenken?

Papst Franziskus
Papst Franziskus bei einem Besuch in Brasilien Foto: Getty

Weekend Magazin stellt 20 Fragen – und liefert ­gemeinsam mit Kirchen-Kennern die Antworten dazu.

1. Ist Papst Franziskus’ Bescheidenheit nur ein PR-Gag?
Keineswegs. Die Lebensweise von Jorge Mario Bergoglio ist jesuitisch geprägt und verzichtet bewusst auf Luxus und Statussymbole. Mit der Absetzung des Limburger „Protzbischofs“ Tebartz-van Elst setzte Franziskus zudem ein wichtiges Zeichen, das zeigt, dass die Verschwendung in der Kirche aufhören muss.

2. Ist der Papst nicht auch Staatsoberhaupt?
Ja. „Ein Monarch wie der Papst kann einen Kleinststaat wie den Vatikan nur regieren, wenn er den Apparat unter Kontrolle hat. Der Apparat ist aber äußerst eigensinnig, Grüppchen und Gruppierungen schmieden Allianzen oder planen Intrigen, bekämpfen sich und helfen sich“, erzählt Journalist und Vatikan-Kenner Fidelius Schmid. „Die Macht hat der Papst, so lange er die Kurie (die gesamten Leitungs- und Verwaltungsorgane) hinter sich weiß und seinen Willen durchsetzen kann.“

Papst Franziskus I
Foto: Getty Images

3. Wie ist Franziskus’ bisherige Leistung zu sehen?
„Franziskus tut, was er kann. Er ist unbequem. Er überrascht, er würfelt die Kurien-Mitarbeiter und die Diplomaten des Heiligen Stuhls aufgrund eigenständiger Ernennungen durcheinander“, sagt Crista Kramer von Reisswitz, langjährige Kor­respondentin in Rom und Buchautorin von „Macht und Ohnmacht im Vatikan“.

4. Wie räumt der Papst mit alten Strukturen auf?
Der Franziskus-Faktor zeigt sich in verschiedenen Punkten, etwa in dem neuen Berater-Gremium, bestehend aus acht Kardinälen aus aller Welt. „Dieser Rat schränkt die Macht der Kurien-Behörden als Berater des Papstes ein. Franziskus lässt sich direkt und ungefiltert über die Si­tuation der Kirche auf den fünf Kontinenten berichten“, so Kramer von Reisswitz. Auch in puncto Audienzen gäbe es Änderungen, da Franziskus im Gästehaus Santa Maria empfängt, wen er will. „Die Macht des Kardinalstaatssekretärs und seiner Mitarbeiter ist neu strukturiert und damit ebenfalls eingeschränkt worden.“

5. Sind die Problme in der Vatikanbank nun gelöst?
Fidelius Schmid, Autor des Buches „Gottes schwarze Kasse“, hat schon verschiedene Aufräumversuche in der Va­tikanbank erlebt: „Der aktuell laufende ist der ernsthafteste und auch der beherzteste. Er lebt vom politischen Willen, der Fachkompetenz und der Durchsetzungskraft der Menschen. So lange Franziskus den Reformprozess bei der Bank als Priorität empfindet und er den vatikanischen Machtapparat im Griff hat, stehen die Chancen nicht ganz schlecht.“

6. Warum braucht der Vatikan überhaupt eine Bank?
„Den Vatikanbank-Vorläufer „Kommission für fromme Zwecke“ gründete der Papst, um Vermögen der Kirche vor dem italienischen Staat zu verstecken. Die heutige Vatikanbank wurde im Zweiten Weltkrieg gegründet – um weltweit Geld investieren, transferieren und verleihen zu können“, erklärt Schmid.

7. Welche krummen Geschäfte gab es denn?
Diese Liste ist lang, weiß Schmid: „Es wurden beispielsweise Gelder aus dem internationalen Drogenhandel gewaschen, einer der größten Bankenskandale ­Europas angezettelt oder ­zumindest mitverschuldet, Einnahmen aus mutmaßlich illegalen Ölgeschäften mit dem Irak gut­geschrieben, Schmiergelder an Politiker verschleiert und verschoben, Devisengesetze umgangen – und sehr lange wurde vor allem weltlichen Strafverfolgern überhaupt nicht oder kaum bei der Aufklärung von Verbrechen geholfen.“

8. Wer hat denn wirklich die Macht im Vatikan?
„Es gibt im Vatikan Mächte aller Art, dazu gehören auch böse. Franziskus muss sich jedenfalls vor der sogenannten „Gay-Connection“ in Acht nehmen. Diese wird ­offiziell nie mit Namen genannt und ist nicht greifbar, obwohl jeder weiß, dass sie existiert und gut vernetzt ist. Dabei handelt es sich um ein Homosexuellen-Netzwerk, das von Bischöfen über einfache Monsignori bis hin zu Laien-Mitarbeitern reicht. Sie sponsern einander mit Posten und Empfehlungen“, gibt Crista Kramer von Reisswitz zu bedenken.

9. Hat Papst Franziskus eigentlich Feinde?
Jeder mächtige Mensch hat Gegner. Laut Crista Kramer von Reisswitz sind das innerhalb des Vatikans vor allem jene ehemaligen Führungspersonen, die noch aus der Zeit von Johannes Paul II. stammen. Außerhalb der vatikanischen Mauern habe Franziskus viele Verehrer, aber auch Feinde – wie die Mafia.

10. Muss sich der Papst vor der Mafia fürchten?
Zumindest hat sich noch kein Papst zuvor so deutlich gegen die Gier der Mafia gewandt. Allerdings muss hier die gesamte Kirche mitspielen und sich dem Lockruf des kriminellen Mafia-Geldes erwehren, wie Autor Roberto Saviano einmahnte. Schließlich machten Kirche und Mafia jahrzehntelang gemeinsame Sache. Dass die Mafia keinen Spaß versteht, belegt eine Bombe, die an der Basilika San Giovanni im Jahr 1993 gezündet wurde – als Reaktion auf eine Mahnung vonseiten Papst ­Johannes Paul II.

11. Ist das Thema Missbrauch erledigt?
Nein. Hier wartet noch viel Arbeit auf Franziskus. Die UNO kritisierte erst im Februar den Umgang der Kirche mit Kinderrechten und prangerte eine gelebte Doppelmoral an. Man nehme die Rechte der Kinder zu wenig ernst und schütze weder vor sexuellen Missbrauch noch vor Züchtigung oder Diskriminierung.

Papst Franziskus I
Foto: AFP/Getty Images

12. Ist die Meinung der Gläubigen gefragt?
Offenbar, denn erstmals führte der Vatikan eine Umfrage unter den Gläubigen durch, im Fokus standen Familienthemen und Sexualmoral. Welche Lehren aus den Ergebnissen gezogen werden, wird wohl erst die im Oktober stattfindende Bischofssynode in Rom zeigen. Gerade für den Umgang mit Geschiedenen sollte bald die oft zitierte Barmherzigkeit gelten.

13. Ist die Natur für Franziskus ein Thema?
Es sieht so aus. In der geplanten Enzyklika will Franziskus zum Thema Ökologie Stellung nehmen, dabei soll es um Schöpfung, Umwelt und Verschwendung gehen.

14. Treten jetzt weniger Österreicher aus?
Nein. 54.854 Menschen ­haben 2013 der Kirche den Rücken gekehrt, 4.769 sind wieder eingetreten. Bei den Rückkehrern scheint es aber einen Franziskus-Effekt zu geben, wie Dr. Paul Wuthe von der katholischen Presseagentur Kathpress erklärt: „Im letzten halben Jahr gab es immer wieder Anfragen nach einem möglichen Kircheneintritt, motiviert durch das Wirken von Papst Franziskus“. Die Gesamtzahl der Katholiken in Österreich belief sich mit Ende 2013 auf 5,31 Millionen Menschen. Weltweit gibt es aktuell 1,2 Milliarden Katholiken (eine Steigerung von 1,5 % seit 2011). Der Anteil der Katholiken an der Weltbevölkerung liegt damit bei 17,5 Prozent.

15. Wie viel zahlt Österreich Kirchenbeitrag?
Die aktuellsten Zahlen stammen aus dem Jahr 2012. Die Gesamteinnahmen der neun österreichischen Diözesen lagen dabei bei 538 Mil­lionen Euro. 418 Millionen stammten aus dem Kirchenbeitrag. 74,4 Millionen wurden etwa aus Vermietung und Verpachtung erzielt, 45 Millionen zahlte der Staat. 61 Prozent des Budgets wird für Personalkosten aufgewendet.

16. Warum zahlt der Staat der Kirche Geld?
Der Staat zahlt jährlich eine Wiedergutmachung für jene Vermögenswerte, die der Kirche vom NS-Regime entzogen und nach dem Krieg nicht mehr zurückgegeben wurden. Ähnliche jährliche Entschädigungszahlungen erhält auch die Evangelische Kirche und die Israelitische Reli­gionsgesellschaft.

Papst Franziskus
Papst Franziskus mit Barack Obama Foto: Getty
17. Spüren die Pfarren einen Franziskus-Effekt?
Derzeit noch nicht. Auch wenn die österreichische Pfarrer-Initiative den neuen Stil des Papstes lobt, fürchtet man aufgrund des Pfarrer-mangels irreversible Schäden an der Basis. „Statt weiterhin Pfarrgemeinden zu anonymen Großgebilden zusammenzulegen, muss die Kirche endlich das Priesteramt für verheiratete Männer und für Frauen öffnen“, fordert dazu Helmut Schüller.

18. Kommen jetzt die Frauen zum Zug?
Zwar sprach Papst Franziskus bereits von einer „wirksameren weiblichen Gegenwart in der Kirche“, doch ein Frauen-Diakonat scheint nach wie vor ausgeschlossen. „Mir ist keine Äußerung von Papst Franziskus bekannt, dass er in dieser Hinsicht Änderungen vornehmen will“, sagte Erzbischof Georg Gänswein im Interview mit der Zeitschrift „Cicero“. Generell sieht er die Reformfreude verfrüht: „Es kann sein, dass den Jublern schnell der Jubel in der Kehle stecken bleibt.“ Diakon Franz Landerl, Pfarr­assistent im oberösterreichischen St. Marien glaubt, dass sich beim Zugang zu den Weiheämtern nicht allzu viel bewegen wird. „Sehr wohl aber bei den Leitungsaufgaben, wo die Weihe ­keine Voraussetzung ist.“

19. Steht der Zölibat schon vor dem Aus?
Die Papst-Vertraute Clelia Luro deutete 2013 an, dass Franziskus den Zölibat abschaffen möchte. Aktuell deutet aber nichts darauf hin. Es erscheint aber nur logisch, dass sich die Kirche hier öffnen muss, wenn sie menschennah handeln will.

20. Kann man auch ohne Kirche glauben?
Natürlich. Forschungen belegen, dass der Mensch von Natur aus an etwas glauben will. Selbst, wer Atheist ist, glaubt an etwas, nämlich, dass es Gott nicht gibt. Studien haben zudem ergeben, dass sich Glaube positiv auswirkt: Das Vertrauen in die Alltagsbewältigung sowie das eigene Wohlbefinden ist höher, und man lebt gesünder.

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