50 Jahre Italo-Western: Es leben die Anti-Helden!

Nichts für Zartbesaitete war der Italo-Western. Aber dazu bestimmt, Filmgeschichte zu schreiben. Regisseur Sergio Leone verhalf dem Genre und seinen Helden zu unsterblichem Ruhm. Nicht zuletzt mit der Musik von Ennio Morricone.

"Für eine Handvoll Dollar" mit Clint Eastwood - Cover
"Für eine Handvoll Dollar" mit Clint Eastwood Foto: akg-images/picturedesk.com

Bis 1964 dachten bei "Western" die meisten noch an Hollywood. An die aufrechten Helden, die fest im Sattel saßen, die Zügel nie locker ließen und ihren Pistolengürtel nur freigaben, um die Waffe zu ziehen.

Außenseiter im Mittelpunkt

Bei Sergio Leone erinnerte bestenfalls die landschaftliche Kulisse an den Wilden Westen. Seine Helden - keine Helden, sondern chronische Außenseiter, die im Schatten der Gesellschaft (und des Gesetzes) standen. Dass sich der italienische Regisseur aus budgetären Gründen keine bekannten Darsteller leisten konnte, sondern weitestgehend unbekannte Schauspieler der Garde 30+ verpflichten musste, passte ins Programm.

Western-Ikone Lee van Cleef
Western-Ikone Lee van Cleef Foto: Getty

Die Einstellung - italienisch

Auch die Bildsprache brach mit den Regeln des herkömmlichen Western: Als "italienische Einstellung" etablierte sich die extreme Nahaufnahme, die nur noch die Augen des Protagonisten zeigt. Die Pistolen-Duelle wurden stilistisch bewusst ausgedehnt, bis ein plötzlicher rascher Wechsel von Hand, Gesicht und Schuss die Supertotale durchbrach.

Freche Töne statt Pauken und Trompeten

Für einen musikalischen Stilbruch der Extra-Klasse sorgte obendrein Leones Schulfreund Ennio Morricone. Bei seinen Arrangements griff er auf Pfeifen, Stimmen und E-Gitarren-Sound zurück und setzte dabei dem einschmeichelndem Prärie-Sound unkonventionelle, freche Töne entgegen. Der Italo-Western war geboren.

Samurais im Poncho

"Für eine Handvoll Dollar", der Auftakt der später genannten Dollar-Trilogie, wurde 1964 vom Publikum bejubelt, von der Kritik jedoch erst mit zeitlicher Verzögerung anerkannt. Einer hatte das enorme Potenzial des noch jungen Genres richtig eingeschätzt: Akira Kurasawa. Der japanische Regisseur erkannte in dem Film auffällige Parallelen zu seinem Samurai-Klassiker "Yojimbo - Der Leibwächter" und erwirkte eine Beteiligung an den weltweiten Einnahmen in der Höhe von 15 Prozent.

Gesucht: charismatische Bösewichte!

Bereits ein Jahr später ließ Leone "Für ein paar Dollar mehr" (1965) folgen. Neben Clint Eastwood, den das Publikum bereits aus dem ersten Film kannte, etablierte sich Lee van Cleef als charismatischer Bösewicht. Über ersteren soll der Regisseur übrigens trocken bemerkt haben: "Er hat zwei Gesichtsausdrücke: einen mit und einen ohne Hut."

"Italo" goes to Hollywood

Spätestens nach "Zwei glorreiche Halunken" (1966) kam auch der klassische Hollywood-Western, der neben der europäischen Konkurrenz mittlerweile verstaubt und unzeitgemäß wirkte, nicht mehr an Italien vorbei. Mit Genugtuung konnte Leone nun erleben, wie sich auch das US-Kino großzügig der Filmsprache des Italo-Western bediente. Dabei war es nur eine Frage der Zeit, bis eine persönliche Einladung aus Hollywood folgte. Mit "Spiel' mir das Lied vom Tod" inszenierte Leone 1968 einen Klassiker, der auch in den USA ins Schwarze traf.

Leones geistige Söhne

Die Nachahmer ließen nicht lange auf sich warten, und einigen gelang es durchaus, aus dem großen Schatten Sergio Leones herauszutreten. Mit "Leichen pflastern seinen Weg" und "Django" mit Franco Nero setzte Sergio Corbucci filmische Meilensteine.

Letzte große Italo-Party

Bis in die 1970er-Jahre hinein hielt der Kult um die Italo-Western-Produktionen an. Auch Terence Hill, der Jahre später an der Seite von Bud Spencer in schlagkräftigen Klamauk-Filmen Kassenerfolge feierte, verdankte einen seiner größten Leinwand-Momente Sergio Leone, der ihm in der Rolle des "Nobody" 1973 zu Kult-Status verhielf.

Der Italo-Western heute

Wenn auch der Western und in seinem Windschatten der Italo-Western seit den 1980er-Jahren zusehends aus den Kinos verschwanden, hatten Leone, Morricone und Co. nachhaltig die Film-Landschaft sowie -Schaffende geprägt und inspiriert. Mit seiner filmischen Neu-Adaption des Django-Themas verneigte sich Quentin Tarantino zuletzt noch einmal vor dem Kino, das Anti-Helden zu den wahren Helden erklärt.

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