Rollenbild im Wandel: So ticken Väter heute

Daddy Cool: Er hat ein Bäuchlein, nimmt sich nicht allzu ernst, erteilt Ratschläge statt Befehle – und seine Kinder dürfen ihn auch mal auslachen. Die
Forschung beweist nun: Die moderne Vaterrolle ist für die Kids ein Segen.

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Rollenbild im Wandel Foto: Christopher Robbins/DigitalVision/Thinkstock

Junger Mann, sagt der Vater zu seinem einjährigen Junior, junger Mann, wir gehen jetzt wickeln. Die zwei älteren Damen, welche die Szene beobachten, schauen sich erstaunt an: „Zu unserer Zeit wäre es Vätern nicht ­einmal im Traum eingefallen, auch nur den Kinderwagen anzufassen!“

Heute aber, so sagt es der deutsche Autor Till Raether etwas überspitzt, ist aus der staatstragenden Vaterrolle von einst eine bestenfalls mülltragende geworden. Statt der Rolle des herrischen ­Befehlsgebers sehen sich viele Männer nun eher in der des sanftmütigen Spielgefährten.

Teilhaben

Sehr erstaunlich ist so gesehen das Ergebnis einer IMAS-Umfrage. Laut dieser sind 30 Prozent der Österreicher der Meinung, die Rolle des Mannes in einer Familie habe sich seit den 1970er-Jahren und den Tagen eines Mundl Sackbauer nicht bzw. kaum geändert. Psychologen, Forscher und Familientherapeuten sind sich einig: Diese Einschätzung ist völliger Blödsinn.

„Die klare Mehrheit der Väter zeigt heute ein großes Interesse daran, an der Kindheit des Nachwuchses teilzuhaben“, bestätigt die Linzer Familienpsychologin Isabella Baumgartner. Und eine ­entsprechende Studie des deutschen Familien-Ministeriums befindet: „Es ist den meisten Männern klar, dass das hierarchische Geschlechterverhältnis nicht ihren Werten, Bedürfnissen und Zielen entspricht – und ­daher kein Modell für die Zukunft darstellt.“

Nachhaltiger Nutzen

Das liegt auch daran, dass die Kinderzahl seit Jahrzehnten sinkt und die Heranwachsenden – in Ermangelung einer großen Geschwisterschar – dadurch mehr auf die Eltern fixiert sind. Damit steigt die Be­deutung, die den Vätern zukommt. Das hat nun auch die Forschung erkannt.

Die Erkenntnisse zum Thema Vater-Kind-Beziehung sind ein­deutig: Jugendliche, deren ­Väter eine aktive, positive und liebevolle Rolle in der Erziehung übernehmen, sind emotional stabiler und selbstständiger, dafür viel weniger verhaltensauffällig.Auch auf die schulischen Leistungen wirkt sich ein engagierter Vater in der Regel positiv aus.

Anderer Typ

Herausgefunden wurde auch, dass es sich kaum auf Kinder auswirkt, wie viel die Mütter arbeiten – aber es wurde ein klarer Zusammenhang entdeckt: Je mehr und je länger die Väter im Job eingespannt sind, desto aggressiver und antisozial entwickeln sich die Söhne. Das bestätigt, wie wichtig eine zweite elterliche Bezugsperson ist. So nämlich erleben die Kleinen von Beginn an, dass sich verschie­dene Menschen auch verschieden verhalten und lernen, damit umzugehen. Folge: Die Kinder erlernen eine ­höhere Sozialkompetenz.

Bei Töchtern kommt noch eine weitere Komponente hinzu: Als erste und größte männ­liche Bezugsperson sind die Väter entscheidend, wenn es darum geht, den Mädchen ihr Bild von der Männerwelt zu vermitteln. Also, liebe Väter: Benehmt euch so, wie ihr es euch von euren künftigen Schwiegersöhnen wünscht!

Richtung vorgeben

„Man sollte seinen Kindern quasi wie auf einer Straße erziehungsmäßige Leitschienen aufstellen, innerhalb derer sich der Nachwuchs bewegen kann“, erklärt Familienpsychologin Isabella Baumgartner. Als Erziehungsberechtigter eine rigide Diktatur zu ­etablieren ist genauso kontraproduktiv, wie den kleinen Rackern alles durchgehen zu lassen. Das heißt: Dass man als Vater kein Haustyrann mehr ist, bedeutet nicht, dass man im Bestreben, der beste Freund der Kleinen zu sein, alle Schranken bedingungslos öffnet. Klar ist: Wer den ­Kindern das Gefühl von Geborgenheit vermittelt, ist auf dem richtigen Weg.

Moderne Spießigkeit

Um das zu erreichen, erleichtern bei aller moderner Interpretation der Geschlechterrollen Alltags-Rituale Eltern und Kindern einiges. Papa geht mit dem Junior baden und bringt den Nachwuchs ins Bett, dafür ist morgens und beim Füttern bzw. Essen machen die Mama zuständig? Wunderbar – Einteilungen dieser Art, wie immer sie aussehen mögen, vermitteln den Kindern Berechenbarkeit und damit eben auch Geborgenheit.

Unterschiede

Der Siegeszug des Vaters, mit dem und vor allem über den die Kids auch mal lachen können, ohne strenge Blicke zu ernten, ist in vollem Gange. Das heißt aber nicht, dass es bald keine Väter mehr gibt, die sich selbst als unumstößlicher Chef der Familie verstehen. „Zum einen gibt es einen Unterschied zwischen Stadt und Land: In der Stadt ist das Rollenbild spürbar aufgelockerter als in ländlichen Regionen“, berichtet Familien-Psychologin Isabella Baumgartner. Wie groß der Anteil an den altmodischen „Chef-Vätern“ ist? „Zehn bis fünfzehn Prozent“, schätzt Baumgartner.

Im Sinne der Kinder

Da drängt sich die Frage auf, ob die steigende Zahl der Familien mit einem vermenschlichten statt überhöhten Vater mit der sinkenden Zahl der Scheidungen in Österreich zusammenhängt – schließlich ist die Scheidungsquote in den ­letzten zehn Jahren von 49,5 Prozent auf 41,6 Prozent gefallen. „Nein, da sehe ich keinen Zusammenhang“, sagt Familien-Psychologin Baumgartner. Aber: „Es kommt in diesen Familien, wenn wirklich eine Scheidung ansteht, zu vergleichsweise gesünderen Trennungen.“ Simpler Grund: Beide Eltern kennen die Bedürf­nisse ihrer Kinder sehr gut und sie handeln auch eher in deren Sinne, selbst im Trennungsfall. Vorbild. Die Bedeutung eines Vaters auf die Entwicklung der Kinder kann also kaum überschätzt werden. Umso wich­tiger also, dass die Väter von heute ihren Kindern ein ­vernünftiges Vorbild sind.