Das Familien-Puzzle: Drahtseilakt Patchwork

Immer weniger Menschen sind bereit, die Hochs und Tiefs einer Ehe auszuhalten und versuchen ihr Glück mit neuen Partnern. Gibt es bereits Kinder oder kommen neue hinzu, scheint das Patchwork-Glück perfekt.

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Der Traum vieler: Patchwork-Familien, die funktionieren Foto: vadimguzhva/iStock/Thinkstock

Michaela ist 40, als sie auf der Party ihres Bruders dem attraktiven Alexander begegnet. Sie lachen, flirten, verabreden sich. Noch vor dem ersten Date mit dem geschiedenen Vater zweier Kinder beendet Michaela ohne großes Drama ihre Beziehung (man lebte in getrennten Wohnungen). Michaela und Alexander werden ein Paar, er ist ihre große Liebe. Die Kinder des Küchendesigners, ein Bub (4) und ein Mädchen (9), sind Michaela keineswegs ein Dorn im Auge. Im Gegenteil, sie sieht die neue Konstellation als raffinierten Schachzug des Schicksals, ihr - der Kinderlosen - nicht nur einen tollen Mann, sondern auch noch Kinder zu schenken. Fünf Jahre später ist Michaela mit den Nerven fertig. Aufgerieben zwischen Mann, Stiefkindern, der Exfrau, Geldknappheit und Zeitnot. Typisch? So wie Michaela und Alexander stürzen sich unzählige Männer und Frauen (und mit ihnen ihre Kinder) in das Abenteuer Patchwork-Familie. 2012 endeten in Österreich 17.000 Ehen vor dem Scheidungsrichter. 

Singles mit Anhang 

Rund 19.300 Kinder waren von der Scheidung ihrer Eltern betroffen, davon 13.300 minderjährig und gut die Hälfte unter 14 Jahre alt. Der typische männliche Neo-Single ist zum Zeitpunkt der Eheauflösung 44 Jahre alt, die Frau 41, sie haben durchschnittlich je 1,14 Kinder. Dazu noch ein Heer von nie verheirateten (daher nie geschiedenen) Alleinerzieherinnen - die Wahrscheinlichkeit, dass ein neuer Lover ein oder mehrere Kind(er) mit in die Beziehung bringt, ist hoch. 

Noch mal mit Gefühl 

Auf Zweitfamilien wartet ein Neustart ins Glück. Das wollen uns zumindest die Medien weiß machen, sagt die deutsche Autorin Melanie Mühl in ihrer Abrechnung "Die Patchworklüge" (Hanser Verlag). "Patchwork klingt so unbekümmert", klagt Mühl an. "Patchwork ist modern, lässig, cool und unkonventionell." Mit ihrer 2011 erschienenen Streitschrift legte die 36-Jährige ihren Finger auf eine gesellschaftliche Wunde: "Für Kinder ist eine Scheidung eine Tragödie." Die angeklagten Mamis und Papis jaulten prompt auf: "Realitätsfern", "ein Rundumschlag", "grausam". Melanie Mühl ist selbst in einer Patchworkfamilie aufgewachsen. Sie spricht also aus Erfahrung, wenn sie sagt: "Etwas Ganzes zerbricht in Teile, die zwar rasch neu zusammengesetzt werden, aber so lose, dass die Verbindungen gefährlich leicht reißen." In der Tat werden Zweitehen häufiger geschieden als erste Ehen.

Gestresste Kinder 

Ist die Behauptung der Autorin, dass Kinder eine Scheidung stets "als Alptraum" erlebten, eine grobe Verallgemeinerung? Das "Familienhandbuch" des Münchner Staatsinstituts für Frühpädagogik steuert ernüchternde Erkenntnisse bei: "Mädchen mit Stiefeltern weisen etwas häufiger und Jungen viel häufiger Verhaltensauffälligkeiten auf als Gleichaltrige in intakten Familien." Manche Kinder reagieren feindselig auf den neuen Elternteil, andere ziehen sich komplett zurück. Während Alexanders Sohn die neue Frau an Papas Seite lange Zeit aus Befangenheit ignorierte, entwickelte sich die Tochter zu einer echten Kratzbürste. "Sie verglich alles in unserem Haushalt mit dem ihrer Mutter und deren neuen Partner, und in allem schnitten wir schlechter ab: Die Wohnung war zu klein, die von mir gekauften Schuhe hatten nicht das richtige Label, mein Essen schmeckte nicht." Für Dauerstress sorgte Alexanders Ex-Partnerin, die wie ein Hubschrauber über Michaela und ihren aufrichtigen Bemühungen kreiste. 

Misch dich nicht ein! 

"Kein  ungewöhnlicher Fall", meint dazu Dr. Corina Ahlers. Die Psychotherapeutin begleitet im Wiener Kompetenzzentrum "FamilieNeu" zahlreiche Patchworkfamilien. "Ist die Trennung vom Ex-Partner noch nicht wirklich bewältigt, wirkt sich das ganz massiv auf die neue Familie aus." Auch bei der Ablehnung Michaelas durch die Stieftochter spielte die leibliche Mutter eine entscheidende Rolle. Ein weiterer (unausgesprochener) Konflikt: Alexanders schlechtes Gewissen. Schließlich hatte er es ja nicht geschafft, den Kindern eine "heile Familie" zu bieten. Die Folge: Er ergreift meist Partei für die Tochter, selten für Michaela. Christoph, 44, hat sich von seiner neuen Liebe Juliana schließlich aus diesem Grund getrennt. "Ich konnte auf Dauer nicht ertragen, wie sie ihren Sohn nicht erzog." Der Tafelklassler grüßte Christoph nicht einmal, wenn er Juliana besuchte, saß beim Essen mit dem Gameboy am Tisch oder okkupierte die Aufmerksamkeit seiner Mutter, indem er auf ihr herumkletterte. Schließlich vermied Christoph gemeinsame Treffen. Die Alleinerzieherin warf Christoph Egoismus vor, erteilte ihm aber keinerlei Mitspracherecht beim Umgang mit ihrem "kleinen Prinzen." 

Du bist nicht mein Papa 

"Neue Partner sollte nicht gleicht Elternfunktionen übernehmen", warnt Psychotherapeutin Ahlers. "Ein erster Schritt wäre, ein freundschaftliches Verhältnis aufzubauen." Christoph konnte oder wollte nicht der Kamerad von Julianas Sohn sein und entschloss sich zur Trennung. "Warum soll ich mir das antun?" Autorin Mühl nennt diese Haltung ein "Leben auf dem Prüfstand." Wir richten alles auf eine Optimierung aus, suchen nach dem noch besseren Angebot, tolleren Job oder aufregenderen Partner." Eine Umfrage von FriendScout24 zeigt: Fast 40 Prozent der kinderlosen Männer und an die 50 Prozent der kinderlosen Frauen schließen für sich einen Partner aus, der bereits ein Kind hat. Angesichts der Herausforderungen, die so ein familiärer Fleckerlteppich für alle Beteiligten bereithält, sind diese Zahlen nachvollziehbar. Doch passen sie eben auch zum grassierenden Optimierungs-Wahn. Ein Mann, eine Frau mit Kind? Lieber nicht.