Überforderte Kinder: Drillen statt spielen

Das Schuljahr neigt sich seinem Ende zu. Für Tausende Schüler eine traumatische Zeit, weil sie sich überfordert fühlen. Der Druck auf Kinder nimmt jedoch generell zu - immer mehr Eltern "quälen" ihre Kinder mit ehrgeizigen Lebensentwürfen.

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Alles muss perfekt sein - immer mehr Kinder leiden unter Stress Foto: KatarzynaBialasiewicz/iStock/Thinkstock

Vormittags sechs Stunden Schule, selbstverständlich Gymnasium. Danach gesundes Bio-Essen aber doch möglichst rasch, denn bereits um 14.30 Uhr geht es weiter mit der Klavierstunde, danach steht noch Ballett auf dem Programm, alternierend mit anstrengenden Tennisstunden. Zu Hause schließlich Abendessen und Hausaufgaben. Als Betthupferl liegt zur Lektüre noch ein von Muttern ausgesuchtes Werk der Weltliteratur am Nachtkästchen - der Geist will schließlich genährt werden. So sieht ein ganz normaler Tag von Christine H., 13 Jahre jung aus. Aber ist das auch wirklich "normal" oder gar kindgerecht? Ist es ein Wunder, wenn Christine H. plötzlich jeden Tag Kopfschmerzen hat, depressiv wird oder gar zur Flasche greift? Dies sind nämlich mögliche Konsequenzen, wird ein Kind überfordert. Und das passiert öfter, als man denkt. "Es ist ganz sicher, dass Eltern heute noch ehrgeiziger sind, als noch vor zehn, 20 Jahren", sagt Professor Max Friedrich, Vorstand der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Wien. 

Die Gründe 

Max Friedrich sieht die Ursachen für diesen Übereifer vieler Eltern auch in der Wirtschaftskrise. "Oft verspüren Erziehungsberechtigte einen gewaltigen Leistungsdruck, angesichts wachsender Jugendarbeitslosigkeit." Die Eltern sind immer frühzeitiger gestresst, ob der Sorge, dass der Fortpflanz nur ja einen adäquaten Arbeitsplatz ergattert, wenn es einmal so weit ist. Der Grundgedanke hinter dem Riesen-Engagement der Eltern, das oft in der totalen Überforderung der Kinder gipfelt, ist eigentlich ein Guter: "Die meisten denken, es soll meinen Kindern im Leben einmal besser gehen als mir", weiß der Psychologe. Also heißt es für die Kinder Vollgas geben in Sachen Schule, Sport  und Kultur - den perfekten Start ins Erwachsenenleben sollte der Nachwuchs möglichst umfassend gebildet hinlegen. Das ist den Österreichern auch weit mehr als 120 Millionen Euro pro Jahr wert, die allein in private Nachhilfestunden investiert werden. Auch extrem rigide Erziehungsratgeber, wie etwa "Die Mutter des Erfolgs - Wie ich meinen Kindern das Siegen beibrachte" der Yale-Professorin Amy Chua, finden ihre Anhängerschaft. 

Das Dilemma 

Doch immer mehr Kinder halten diesem Druck nicht stand. "Insgesamt 16 Prozent aller Kinder in Österreich haben Teilleistungsstörungen. 3,5 Prozent davon brauchen auf jeden Fall psychologische Hilfe", so Friedrich. Der ewige und ununterbrochene Vergleich mit anderen und der stetige Leistungsdruck, bescheren nicht wenigen Kindern in letzter Konsequenz eine Depression. Aus diesem Grund empfiehlt Friedrich auch, dass Eltern sich besinnen sollten: auf ihre eigene Kindheit, auf ihre eigene Schulzeit, auf ihre eigenen Noten. "Allein dadurch werden die Ansprüche an den Nachwuchs manchmal schon realistischer." Dass die Schulnoten immer mehr zum Gradmesser für den künftigen Erfolg werden, hält Friedrich auch nur für bedingt sinnvoll: "Ich selbst beispielsweise, hätte in Deutschland nie Arzt werden können. Mit meinen Noten hätte der Numerus clausus gegriffen", erzählt der Psychologe. 

Die Voraussetzungen 

"Ich habe ein großes Problem mit sogenannten Wunderkindern", erläutert Friedrich. Der Mensch komme nämlich - bildlich gesprochen - als vorinstallierte Hardware auf die Welt. Dann werden nach und nach Programme eingespielt. Von der Motorik bis hin zu diversen Fremdsprachen. "Wie viel an höchst spezialisierten Programmen schließlich eingespielt und verarbeitet werden kann, ist allerdings zum Teil genetisch vorgegeben. Kinder haben auch ihren eigenen Rhythmus. Werden sie zwanghaft hoch getrimmt, verweigern sie sich unbewusst", weiß Friedrich aus Erfahrung. Wunderkinder könne man also bei allem Ehrgeiz nicht "heranzüchten". Auch unrealisierte Träume der Eltern, wie beispielsweise eine Karriere als Schönheitskönigin oder Boxprofi, sollte ja nicht auf die eigenen Kinder projiziert werden. Jedes Kind hat schließlich ein Recht auf eigene Träume, sowie darauf, auch Kind und kindisch sein zu dürfen. 

Die Lösung: Spaß haben! 

Eltern, die ihr Kind fördern, aber nicht überfordern wollen, rät Friedrich zu einem Streben nach Optimum anstelle von Maximum. "Es geht darum, zu schauen, wo hat mein Kind seine Stärken, worin ist es gut und es genau in diesem Segment zu ermutigen. Das Leben und das Lernen sollen Spaß machen!" Anders als beispielsweise das österreichische Schulsystem, das laut Friedrich ununterbrochen die Schwächen des Einzelnen markiere. Doch woran merken Eltern, dass sie es richtig machen und ihren Fortpflanz zwar fördern aber dabei nicht überfordern? Die Antwort darauf ist simpel. "Solange ein Kind, ein Jugendlicher noch mit seinen Eltern spricht, ist die Achse in Ordnung", meint Friedrich und hat zu guter Letzt noch einen Tipp parat: "Sollte Ihr Kind die Kommunikation verweigern, so fassen Sie doch laut in Worte, was Ihr Kind gerade denken könnte. Sollten sie vollkommen falsch liegen, provozieren Sie damit zumindest laut artikulierten Widerspruch." Einen Versuch ist es allemal wert.