Helikopter-Eltern: Das Geschäft mit der Angst

Babyphones, mit Sensoren bestückte Söckchen, Überwachungs-Apps: Die Geschäftswelt hat erkannt, dass Kinder die Schätze der Industrie sind. Eltern scheuen nicht davor zurück, für deren ­Sicherheit ein Vermögen auszugeben. Das wird knallhart ausgenutzt.

Mutter Kind
Mutterliebe - was gibt es Schöneres! Das denkt sich auch die Industrie Foto: Martinan/iStock/Thinkstock

Die Welt hat sich verändert. Es sei draußen nicht mehr so sicher wie früher, begründen Eltern die zunehmende Angst um ihre Kinder. Etwa, wenn sie sie nicht mehr alleine zur Schule gehen oder unbeaufsichtigt im Zimmer spielen lassen. Der Gewinner dieser Entwicklung ist allerdings nicht der Nachwuchs, der sicher aufwächst. Es ist die Industrie, die mit der Angst Geld macht.

Skurrilitäten

„Wir leben in einer Zeit, in der Kinder bewusst gewünscht, geplant und oft auch lange ersehnt sind. Da ist automatisch die Angst größer und die Bereitschaft da, mehr Geld auszugeben“, weiß auch Psychologin Andrea Ertl. So gibt es am Markt bereits einen Audioplayer, der vaginal eingeführt wird, um dem Ungeborenen Musik vorzuspielen. Das soll „die neuronale Entwicklung von Ungeborenen während der Schwangerschaft“ stimulieren, heißt es auf der Webseite, wo das Gadget für 150 Euro erhältlich ist. Um die Wohnung auf den neuen Mitbewohner vorzubereiten, wird empfohlen, neben einem Kanten- und Steckdosenschutz auch Schrank-, Schubladen- sowie Fenstersicherungen anzubringen und Moskitonetze für den Kinderwagen zu erwerben. Auch Wasserhahn-, Backofentür- und Fingerklemmschutz für die Zimmertüren sind erhältlich. Ganz zu schweigen von Bettdeckenhaltern, die verhindern, dass in der Nacht etwas verrutscht. Nach einem Blick auf all die Produkte fragt man sich: Wie hat man nur seine Kindheit ohne dem Herdschutzgitter sowie der TV-Kippsicherung überlebt?

Babytechnik

Die fortgeschrittene Technik kann allerdings noch mehr. So gibt es bereits Baby-Overalls für 150 Euro mit Temperaturregulierung. Das darin eingebaute Spezialvlies stammt aus der Weltraumforschung und sorgt für eine konstante Körpertemperatur. Beim neuesten Babyphone kann man das Kind im Schlaf nicht nur hören, sondern per Videokamera beobachten. Dabei schlägt die mit Sensoren ausgestattete Matratze Alarm, sobald die Atmung aussetzt. Oder aber man setzt auf die per App gesteuerte Spezialsocke, die die Herz- und Sauerstoffrate am kindlichen Fuß überwacht. Kostenpunkt: etwa 270 Euro.

Wenig Zeit, mehr Produkte

Die große Produktpalette führt allerdings nicht nur dazu, dass der Markt von Gadets überschüttet wird. Fehl-alarme der Geräte und die große Auswahl ziehen auch eine Verunsicherung der Eltern mit sich.

Gekauft wird trotzdem

Neben der Hormonumstellung der Mütter, die Beschützerinstinkte weckt, versuchen heutzutage auch immer mehr Eltern die fehlende Zeit, die sie für ihre Kinder haben, durch angeregten Konsum zu kompensieren. „Viele Produkte machen Sinn, wie Treppengitter, Kantenschutz und Babyphone“, so Ertl. Dass es notwendig ist, dass Letzteres eine Videofunktion hat, bezweifelt sie allerdings. „Da geht es um ein Gefühl der ständigen Kontrolle, und das ist weder für die Eltern noch das Kind gut“, ist Ertl überzeugt. Deshalb rät sie auch von GPS-Uhren ab, mit denen Eltern per App kontrollieren können, wo sich die Kids gerade befinden. Trotz der vielen Möglichkeiten der Überwachung muss man den Kleinen auch die Freiheit geben, das Risiko in manchen Situationen selbst einzuschätzen. „Letztlich sind Kinder, die diese kalkulierbaren Risiken nie ein­gehen durften, gefährdeter, sich später ernsthaft zu verletzen.“ Immerhin müssen sie auf ein selbstständiges Leben vorbereitet werden. Dafür sollten Eltern sorgen.