#MeToo-Debatte: Männer, Macht und Missbrauch

Macht braucht Kontrolle. Doch zahlreiche Männer fragen sich derzeit völlig zu Recht: Wo liegen eigentlich die Grenzen zwischen Schmäh und Belästigung?

Anzüge Männer
Die #MeToo-Debatte nahm mit der Affäre um Filmproduzent Harvey Weinstein ihren Lauf Foto: ChamilleWhite/iStock/Thinkstock

Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht neue (vermeintliche) Opfer im Zuge der #MeToo-Debatte aufschreien und (mutmaßliche) Täter in der Öffentlichkeit anprangern. Die erhobenen Vorwürfe reichen von sexueller Belästigung bis hin zu sexueller Gewalt. Und viele Männer sind sich plötzlich unsicher: Habe ich auch etwas falsch gemacht? Was darf ich überhaupt noch tun und sagen?

Grundsätzlich gilt: Alle unerwünschten Annäherungsversuche und Konversa­tionen sexueller Natur sind nicht erlaubt. Der Psycho­loge Kurt Kurnig betont: "Gewaltprävention beginnt bei der Wortverwendung. Begriffe und Worte sind die Basis unseres Denkens – und das Denken ist die Basis unseres Handelns. Eine gendergerechte Sprache ist ein gutes Korrektiv gegen Mobbing und sexuellen Missbrauch." Hier würden auch keine Ausreden wie etwa die aufreizende Kleidung der Dame oder Ähnliches helfen. "Zynische, süffisante Witze sind der Nährboden für Mobbing", so der Experte und appelliert weiter: "Verbale Ausrutscher sind der Anfang. Wird den Verfehlungen kein Riegel vor­geschoben, werden sie zur Selbstverständlichkeit. Er appelliert: "Ein blöder Schmäh oder ein Bussi sind natürlich auch weiterhin erlaubt – aber man muss auf die Reaktion des Gegenübers achten oder auch aktiv werden und nachfragen, ob das o. k. war."

Non-Verbal

Ein absolutes No-Go sind nicht nur ­unerwünschte Berührungen, schmachtende Blicke und schlüpfrige Witze, sondern auch Bilder und Kalender mit (halb-)nackten Frauen. Diese dürften an einem ­Arbeitsplatz, an dem nur Männer beschäftigt sind, kaum für Unmut sorgen. Sehr wohl aber wird es als unangebracht angesehen, wenn der Kalender so hängt, dass die Mitarbeiterin während ihrer Arbeit unwillkürlich drauf blicken muss.

Macht ausüben

Sexuelle Belästigungen und sexuelle Übergriffe passieren meist in Beziehungen mit ungleichen Machtverhältnissen. Dabei stehe oft gar nicht die Sexualität im Vordergrund, sondern "die Macht, Potenz und das Gefühl, groß zu sein", sagt die forensische Psychologin Heidi Kastner. Und auch ihr Kollege Kurt Kurnig weiß: "Andere unterwerfen, Macht ausüben, ausbeuten – das sind alles ­Zeichen der eigenen Schwäche, der eigenen Hilflosigkeit!" In einer ­Beziehung mit ungleichen Machtverhältnissen müsse der Mächtigere einen kühlen Kopf bewahren. "Mehr Macht heißt auch mehr Verantwortung. Macht braucht Kontrolle!"

Belästigungsformen

  • Körperlich: alle unerwünschten Berührungen, wie sie beispielsweise beim Kneifen, Streicheln, Tätscheln, Küssen und Umarmen ­entstehen. Auch wiederholte Nichtwahrung der ­gewöhnlichen körperlichen Distanz und von Gewalt geprägte Übergriffe gehören zu dieser Kategorie.
  • Verbal: Zu den aufdringlichen Ausdrücken zählen unter anderem zweideutige Kommentare, anzügliche Witze sowie Bemerkungen, Aufforderungen zu sexuellen oder auch ­intimen Handlungen und Fragen zur Privatsphäre.
  • Nonverbal: Ungewollte Konfrontation mit sexuellen oder intimen Inhalten, anzügliche Blicke, Hinterherpfeifen und ­unerwünschte Annäherungsversuche via Mail oder Handy.