Stars auf YouTube: Durchgeknallt und reich!

Das unbekannte Land. Kennen Sie YouTube? "Natürlich" werden Sie jetzt sagen. Wir sagen – "Jein". Denn abseits von Musikvideos hat sich eine Kultur der Superstars gebildet, die vielen Menschen unbekannt ist.

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Justin Bieber wurde durch YouTube bekannt Foto: LUCAS GALVEZ / EFE / picturedesk.com

Sie springen von Sprungtürmen im Freibad, ­geben Schminktipps, singen, spielen Computerspiele oder unterhalten ihre meist jugendlichen Zuseher mit Comedy. Die Rede ist von YouTube-Stars. Zum Gesamtbild passend sind lustige und hippe Namen wie KsFreak, PewDiePie, Dagi Bee oder Y-Titty. Nie gehört? Kein Wunder, denn die Zielgruppe hört bei diesen Stars meist mit 25 Jahren auf – nach unten gibt es keine Grenze. Wer ein Smartphone oder Tablet sein Eigen nennen darf, hat Kontakt mit dieser Welt, die den Erwachsenen meist verborgen bleibt und die sie nur aus Erzäh­lungen kennen. Dabei wäre es aber wichtig, gerade diese Entwicklung im Auge zu behalten, meint Medienpsychologe Peter Vitouch. Denn nicht jeder Inhalt ist für jeden Jugendlichen passend – es liegt an den ­Eltern, hier Grenzen aufzuzeigen und im Extremfall auch zu setzen. Ungleich schwieriger wird das natürlich durch den einfachen Zugang zu YouTube, es kann praktisch überall konsumiert werden. Eine Sperre oder ein Verbot ist praktisch unmöglich durchzusetzen.

Inhalte

Sinnvoll ist ein Totalverbot sowieso nicht, denn gerade dann wird etwas noch interessanter, meint Vitouch. Besonders wichtig wäre es bereits in der Schule den Umgang mit sozialen Medien zu lehren und unsere junge Generation zu sensibilisieren. Die Inhalte sind so breit gefächert wie das Leben. Junge hippe Burschen, die in derber Sprache über Mädels herziehen, gibt es genauso wie die fragile Außenseiterin, die mit ihrem Faible für Einhörner über die Video-Plattform nicht ausgelacht, sondern bewundert wird. Auch die junge Dame mit den Schminktipps ist natürlich gerade in der ­Pubertät besonders gefragt. „Junge Menschen auf der Suche nach ihrer Identität orientieren sich an Vorbildern und Role-Models“, sagt Psychologe Peter Vitouch und ergänzt: „Für den jungen Mann ist das der klasse Bursche, der mit seinen Kumpels abhängt, und für junge Frauen ist es meist das Ziel, diese klassen ­Burschen mit körperlicher Schönheit und Perfektion ­anzulocken.“ Das ewige Spiel zwischen Mann und Frau also, vorgelebt von meist selbst noch sehr jungen Stars auf einer der modernsten und angesagtesten Plattformen unserer Zeit.

Geld

Natürlich geht es bei dem ganzen Hype nicht nur um Selbstdarstellung, sondern auch um Geld. Wenn die Klicks und Abonnenten passen, können die YouTuber sogar davon leben und ihre Leidenschaft zum Beruf machen.  Der erfolgreichste YouTube-Star – PewDiePie – verdient mittlerweile jährlich Millionen durch Werbung vor und nach seinen Videos, aber auch durch Product-Placement von Firmen und Verkauf von Merchandise. YouTube selbst belohnt vor allem Regelmäßigkeit und Reichweite. Wer dies vorweisen kann, kommt ins YouTube-Partnerprogramm. Dort wird vor und meist nach jedem Video Werbung ein­geblendet. Jeder Klick bringt dem YouTuber also bares Geld. Auch wenn es nur wenige Cent sind, bei Millionen von Klicks macht das sprichwörtliche Kleinvieh auch Mist. Firmen haben dieses Potenzial längst erkannt und schicken die YouTuber zum Shoppen in ihre Läden oder versenden Produkte an die Stars, um ein breites und der Zielgruppe angepasstes Publikum ohne viel Marketing-Aufwand zu er­reichen. Das Ganze nennt  sich „Target Haul“ und wird zum Beispiel von Primark, H&M, Zara, Lush und DM praktiziert. Mit dem kommerziellen Erfolg kommen dann oft Verträge mit klassischen Medienfirmen, die die Popularität der Stars mit lukrativen Verträgen goutieren. So dreht sich die Monetarisierungs-Spirale, und aus dem hippen jungen Menschen, der aus Spaß seine ­Videos rauflädt, wird ein Star mit vielen Fans und einem ­guten Einkommen.

Hysterie

Diese Popularität wird aber nicht nur mit den Klicks der Videos gemessen, sondern auch „Offline“. Auftritte von YouTubern gleichen Rockkonzerten. Vornehmlich Teenies stehen stundenlang an, um einen Blick auf ihren Favoriten zu erhaschen. Im besten Fall sogar ein Autogramm oder Selfie. Jeder Auftritt des Stars wird mit einem Kreischkonzert begleitet. Das Ganze geht sogar so weit, dass manchmal Auftritte der YouTuber wegen des zu großen Andrangs komplett abgesagt werden mussten. Für Medienpsychologen Peter Vitouch ist das nicht neu: „Hypes hat es immer gegeben. Bei den ­Beatles sind die Mädchen ­reihenweise kollabiert. Die Gesellschaft konnte damals damit nicht viel anfangen. Heute sind es eben YouTube-Stars. Auch daran wird sich die Gesellschaft gewöhnen und anpassen“, er ergänzt aber: „Die Oberhoheit über die Inhalte darf nicht nur dem Ersteller überlassen werden. Die Betreiber solcher Plattformen, aber auch Regierungen sollten hier mitreden.“ Anlass zur Kritik gab es in letzter Zeit öfter. Als der Spaß auf You­Tube in einigen Videos in Richtung Nationalsozialismus und Antisemitismus tendierte, kündigte Disney den Vertrag mit YouTube-Megastar PewDiePie. Auch YouTube warf ihn aus einem lukrativen Programm. Ihm und seinen Fans war das egal – PewDiePie schrie „Fake News“ – seine Fans stimmten ein – auch das ist YouTube. Die Mechanismen klassischer Medien sind dort weitgehend ungültig.

 

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