Krise unterm Christbaum: Rosenkrieg zu Weihnachten

Das Fest der Liebe wird immer mehr zur Zerreißprobe für latent unglückliche Beziehungen und die Scheidung zum einzigen Ausweg. Dabei spielt die Ehedauer keine entscheidende Rolle mehr.

Ehe Streit Krise Weihnachten 873232156 Getty Images
Weihnachten und Silvester - häufig die Zeit der Trennung für zerstrittene Paare Foto: Visivasnc/iStock/Getty Images Plus/Getty Images

Der Christbaum und die weihnachtliche Dekoration erinnern noch an den Heiligen Abend. Leuchtende Kinderaugen, lachende Erwachsene und ein köstliches Festmahl – ein vermeintlich perfekter Abend. Doch nur zwei Tage später ist große Trauer, Unsicherheit und Wut in die Wohnung von Sabine M. gezogen: "Am zweiten Weihnachtsfeiertag ist meine Welt zusammengebrochen. Nach dem schönen Fest und dem Besuch bei meinen Eltern am nächsten Tag eröffnete mir mein Mann plötzlich, dass er die Scheidung will. Einfach so, nach sieben Jahren." Wie Sabine geht es vielen ÖsterreicherInnen. Auch die heimischen Scheidungsanwälte verzeichnen vor und nach den Weihnachtsfeiertagen deutlich mehr Beratungsanfragen.

Hoher Druck

Weihnachts- und Urlaubszeit sind seelische Ausnahmezustände und wahre Zerreißproben für Beziehungen, weil in diese gemeinsam verbrachten Tage so viele Erwartungen gesetzt werden. Zudem kommen erhöhter Arbeitsstress, eine nervenaufreibende Geschenkejagd und der Besuch "der lieben Familie" – all diese Begleiterscheinungen können sehr oft im Streit münden. Weiters gelten gerade die Weihnachtsfeiertage als die ideale Zeit für Besinnung. Vielfach sollen mit dem alten Jahr auch (oft unter der Oberfläche schlummernde) Beziehungskrisen oder unglückliche Ehen ein Ende finden und der "Trennungswillige" frei ins neue Jahr starten. Auch Sabine M. war sich ihrer Eheprobleme bewusst, wollte im neuen Jahr gemeinsam mit ihrem Mann an der Beziehung arbeiten. Die Liebe sollte neu aufflammen – auch wegen der beiden gemeinsamen Kinder. Doch sie wusste nicht, dass ihr Ehemann längst Feuer und Flamme für eine andere Frau war.

Ergraut

"Bis dass der Tod euch scheidet" – diese märchenhafte Vorstellung der ewigen Liebe endete im Jahr 2018 für 16.304 österreichische Paare mit einer Scheidung. Die Gesamtscheidungsrate war auch im Vorjahr mit 41 Prozent gleich wie 2017. Knapp 90 Prozent der Ehen wurden letztlich einvernehmlich aufgelöst. Was allerdings auffällt: Das Phänomen "grey divorce revolution" ist in der Alpenrepublik angekommen. Etwa jede siebte Ehescheidung erfolgte nach der Silberhochzeit (25 Jahre), 38 Paare gingen sogar nach der Goldenen Hochzeit (plötzlich) getrennte Wege. Insgesamt ist die Scheidungsrate bei langjährigen Paaren in Österreich in den vergangenen Jahren markant von 10,8 auf 14 Prozent gestiegen.

Trend

Forscherin Susan Brown von der Bowling Green State University in Ohio untersucht dieses Phänomen im Scheidungs-Spitzenreiterland USA (Scheidungsrate: 45 Prozent). Die Gründe für die späten Scheidungen sind vielfältig. "Viele warten mit der Scheidung, bis die Kinder das Haus verlassen haben", weiß die Wissenschaftlerin aus den Ergebnissen ihrer Studie zu berichten. Eine solche Scheidung könne vor allem für die Frauen "befreiend" sein, wenn sie aus einer unglücklichen Beziehung herausbrechen. Die möglichen Konsequenzen sind jedoch für die Frauen dieser Generation alles andere als befreiend. Laut Brown sinkt der Lebensstandard von Frauen um 40, der von Männern um 20 Prozent. Frauen sind nach der Trennung auch eher von depressiven Erkrankungen und gesellschaftlicher Ausgrenzung betroffen. Die Begründung: Mehr als die Hälfte der Männer über 50 geht eine neue Ehe ein, bei den Frauen ist es nur ein Viertel.

6 kuriose Scheidungsgründe

  1. Zwei Jahre ließ sich eine Münchnerin von ihrem Angetrauten benoten. Täglich bewertete er alle Tätigkeiten wie Haushalt und das Aussehen der Frau. Am Ende der Woche entschied die Gesamtnote darüber, wie viel Haushaltsgeld die Deutsche bekam.
  2. Eine Amerikanerin musste ihren Ehemann, einen Offizier, stets mit "Herr Major" begrüßen und dabei salutieren. Nach zehn Jahren musterte sie ihn aus.
  3. Schluss nach über 50 Jahren Ehe war es für ein US-Paar. Der Mann hatte sich geweigert, der Frau ein neues Gebiss zu bezahlen. Sie solle doch seine Dritten verwenden.
  4. Weil der Mann immer das ganze Fleisch aß und für sie nur die Beilagen übrig blieben, ließ sich die Frau nach vier Jahren Ehe scheiden.
  5. Als ein Algerier das erste Mal seine Frau ungeschminkt sah, trennte er sich von ihr und verklagte sie wegen Betrugs und der erlittenen psychischen Leiden auf 20.000 Dollar.
  6. Weil eine Marokkanerin von ihrem Ehemann keine einzige Rose zum Valentinstag bekam, reichte sie die Scheidung ein.

Zahlen & Fakten

  • In Österreich gab es 2018 46.468 Eheschließungen
  • Der 18.8.2018 war das beliebteste Hochzeitsdatum 2018 mit 2.148 Trauungen
  • Mittleres Erstheiratsalter: 30,6 Jahre Mittleres Scheidungsalter: 42,3 Jahre
  • Mittleres Erstheiratsalter: 32,8 Jahre Mittleres Scheidungsalter: 45,5 Jahre
  • Ehen halten im Schnitt 10,6 Jahre
  • Der älteste scheidungswillige Mann war 92 Jahre alt
  • Die älteste Frau war 89 Jahre bei ihrer Scheidung
  • Die längste Ehe dauerte 63 Jahre, ehe sie mit einer Scheidung endete

Short Talk

Susanne Perl, Familienrechtsexpertin, Kanzlei Gärner-Perl Rechtsanwälte

Weekend: Immer mehr Ehepaare lassen sich nach 20, 30 oder sogar mehr Ehejahren scheiden. Was sind die Hauptgründe für das Scheitern nach so langer Zeit?

Susanne Perl: Aus Sicht der Frauen geht es meist darum, dass sie ihr Leben in einem Patriachat verbracht haben und die letzten Lebensjahre ohne Unterdrückung verbringen möchten. Neben einem selbstbestimmten Leben ist manchmal auch der Wunsch nach einem späten Glück nach einer unglücklichen Ehe sehr groß.

Weekend: Von welchem Ehepartner geht eine späte Scheidung eher aus?

Susanne Perl: Männer können sich die Scheidung zwar finanziell eher leisten, gehen aber meist erst, wenn sie einen guten Ersatz, also eine neue Frau, gefunden haben, die sie umsorgt. Es sind doch vermehrt Frauen, die den Mut fassen, einen Schlussstrich zu ziehen.

Weekend: In Österreich gilt bei Scheidungen die Verschuldensfrage. Die Schuld nachzuweisen wird aber schwieriger?

Susanne Perl: Die Verschuldensfrage entscheidet über die finanziellen Rahmenbedingungen, wie etwa Unterhalt, nach der Scheidung. Viele (ältere) Frauen bleiben dann doch lieber in einer unglücklichen Ehe, weil sie es schlichtweg finanziell nicht alleine schaffen würden. Ich persönlich appelliere für den Ansatz der Unterhaltsregelung nach wirtschaftlichen Aspekten, denn oft ist es ja so, dass man sich in der Ehe einfach auseinanderlebt. Keiner der Partner muss schuld daran sein.