Fluch oder Segen? Hier urlauben die Massen

Touristen bringen Geld und Wohlstand? Nicht immer, denn manche Orte sind so überlaufen, dass die Natur und die Einheimischen massiv unter den Touristenmassen leiden.

venedig-2.jpg
Venedig quillt über vor Touristen Foto: hsimages / Westend61 / picturedesk.com

Man sitzt am Abend zusammen und hört sich die Geschichten seiner Freunde über den letzten Urlaub in Mallorca an. Die Fotos sehen auch wirklich beeindruckend aus – da könnte man der Insel doch auch selbst einmal einen Besuch abstatten. Und überhaupt: Venedig sollte schon jeder wenigstens einmal in seinem Leben gesehen haben! Wer die Lagunenstadt besichtigen möchte, muss sich aber beeilen, da ihr der Untergang droht – und die Touristenmassen sind dabei nicht ganz unschuldig!

1. Venedig

Venedig – eine Stadt, wie es sie nicht noch einmal gibt auf dieser Welt. Hunderte kleine Brücken verbinden die unzähligen Kanäle miteinander und schon Casanova wandelte durch die engen Gassen. Auch heute noch herrscht in dieser Stadt Leben, nur drängen sich jetzt eben tagtäglich bis zu 130.000 Touristen durch die Stadt – dreimal so viele wie Einwohner. Zehn Millionen Touristen nächtigen jedes Jahr in der Stadt, den Großteil, nämlich 14 Millionen, machen aber Tagesgäste aus, die nur einmal über den Markusplatz flanieren wollen. Die meisten werden von überdimensionalen Kreuzfahrtschiffen gebracht, die die Umwelt massiv belasten und einen starken Wellengang provozieren, der die Bausubstanz der empfindlichen Häuser gefährdet.

Mag es den Touristen einerlei sein, ob sie eingezwängt durch die Gassen geschoben werden (Hauptsache, sie schaffen es, ein Foto vom Dogenpalast zu machen), leiden die Einheimischen unter den verstopften Straßen. Der einfache Weg zum Supermarkt oder zur Arbeit wird so jeden Tag zum Spießrutenlauf. Aus diesem Grund verlassen immer mehr Venezianer ihre Heimatstadt, auch weil durch das hohe Tourismusaufkommen die Preise in die Höhe schnellen – wer kann sich schon täglich einen Espresso um sechs Euro leisten? Ebenso werden die Wohnräume rar, die meisten leer stehenden Appartements werden nicht an Einheimische, sondern an besser zahlende Touristen vermietet. Kein Wunder, dass die Stimmung kippt und die Einheimischen die Touristen zunehmend ablehnen. Ein Numerus Clausus System sowie Eintrittskarten für den Markusplatz könnten dabei helfen, das Problem zu reduzieren.

venediggassen.jpg
Foto: standret/iStock/Thinkstock

2. Mallorca

Mit Plakaten und Protesten versuchen die Einheimischen, auf ihre verzwickte Situation aufmerksam zu machen. Einerseits lebt hier beinahe der Großteil der Menschen vom Tourismus, andererseits zerstören die Menschenmassen unaufhaltsam die Natur. Die Landschaft ist von riesigen Hotelbauten geprägt, der Wasserverbrauch auf der Insel ist enorm und Villen und Golfplätze drängen die Natur zurück. Auch die Müllentsorgung bricht unter den schieren Massen zusammen und wer jeden Tag betrunkene Ballermann-Touristen ertragen muss, hat irgendwann verständlicherweise einfach genug. Ebenso wie in Venedig steigen auch hier die Wohnungspreise oder werden von vornherein einfach nicht mehr an Einheimische vermietet.

Natürlich sind sich nicht alle Einheimischen einig: Leiden die anderen an Wohnungsnot und überfüllten Straßen leiden, werden die Kassen der Hoteliere prall gefüllt. Das ständig größer werdende Problem des Wassermangels kann allerdings niemand leugnen.

palma.jpg
Palma de Mallorca: Hier dominieren Betonbauten Foto: MadrugadaVerde/iStock/Thinkstock

3. Thailand

Thailand lebt zum großen Teil vom Tourismus. Auch auf der Insel Ko Phangan ist seit den 80er Jahren ein steter Anstieg des Tourismus zu verzeichnen. Und der hat die Insel nachhaltig verändert. Wo man einst unberührte Natur genießen konnte, stößt man jetzt auf wild feierndes Partyvolk, das sich zu den legendären Full Moon Partys trifft. Einst wurden diese Partys von wenigen Aussteigern ins Leben gerufen, mittlerweile ist die Veranstaltung aber im Mainstream angekommen und hat ein völlig anderes Publikum. Die Regisseurin Pegi Vail besuchte die Insel vor und nach dem Tourismusboom und hielt die Veränderungen im Dokumentarfilm "Gringo Trails" fest.

4. Prag

Nicht nur in südlichen Regionen hat der Tourismus massive Auswirkungen, auch Städte wie beispielsweise Prag leiden unter den Touristen. Dabei sind es vielleicht weniger die Massen, sondern die Art der Urlauber. Denn Prag ist nicht nur für seine beeindruckende Architektur, sondern auch für sein gutes Bier bekannt. Und so strömen durstige Besucher in die Stadt und machen in organisierten Pub-Touren die nächtlichen Straßen unsicher, randalieren und grölen – an erholsamen Schlaf ist nicht zu denken.

PRag.jpg
Prag leidet unter dem Bier-Tourismus Foto: Lara_Uhryn/iStock/Thinkstock

5. Österreich

Auch hierzulande sind die Auswirkungen des Tourismus spürbar. Durch die steigende Zahl Menschen zieht sich das Wild immer mehr zurück. Im Winter werden Skipisten künstlich beschneit, was einen massiven Wasserverbrauch bedeutet und da die meisten Touristen mit dem Auto anreisen,  sind die Straßen verstopft und Parkplätze rar. Je kürzer die Aufenthaltsdauer der Urlauber, desto höher ist auch die Belastung für die Umwelt. Österreich ist aber auch ein Land, das auf den Tourismus angewiesen ist. Bei den Übernachtungen ausländischer Gäste liegt Österreich im EU-Vergleich an 6. Stelle und die Tendenz ist steigend – kein Wunder, bei so einer Landschaft.

hochgurgl.jpg
Wintertourismus setzt der Natur zu Foto: TPopova/iStock/Thinkstock

Auf das Reisen muss jetzt niemand verzichten, denn dies erweitert unseren Horizont und verbindet die Völker. Reisen ist also essenziell! Wichtig ist aber, wie man reist. Der sanfte Tourismus wird immer populärer und man sollte immer verantwortungsbewusst mit Mensch und Umwelt umgehen, damit sich Hans Magnus Enzensbergers Ausspruch "Der Tourist zerstört, was er sucht, indem er es findet" nicht bewahrheitet.

Mehr zum Thema: