Wie ticken Sie, Herr Ofczarek?

Nicholas Ofczarek, Publikumsmagnet an der Wiener Burg, im Weekend-Gespräch über die Freuden, Tücken und Gefahren der Schauspielerei.

Nicholas Ofczarek
Erfolgreich im Fernsehen wie auf der Bühne: Nicholas Ofczarek Foto: Starpix/picturedesk.com

Nicholas Ofczarek (46) gehört zu den bekanntesten Mimen der heimischen Theater- und Filmszene. Er war der Jedermann in Salzburg, erlangte mit "Die Staatskünstler" und "Braunschlag" TV-Kult-Status und ist mit "Die göttliche Ordnung" derzeit in un­seren Kinos zu sehen. Hauptberuflich steht Ofczarek als Ensemble-Mitglied auf der Burgtheater-Bühne. Seit 20 Jahren ist er mit Tamara Metelka, Leiterin des Max-Reinhardt-Seminars, verheiratet.

Weekend: Herr Ofczarek, Ihre Frau und Sie lieben beide das Theater und leben sowohl davon als auch dafür. Worüber spricht man zu Hause miteinander?

Nicholas Ofczarek: Sie werden es nicht glauben, aber wir führen kein einziges Gespräch, das sich ums Theater dreht, oder zumindest nur sehr wenige. Man muss es auch hinter sich lassen können.

Weekend: Muss man die ­Menschen lieben, wenn man Schauspieler ist?

Nicholas Ofczarek: Ich glaube schon. Und ich mag Menschen sehr, ich gehe nur nicht allzu gerne unter Menschen. Ich bin eher ein Beobachter. Wenn ich aber unter Menschen bin, bin ich gesellig, unterhalte mich viel. Privat bin ich eher zurückgezogen. Mein Beruf bringt viel Öffentlichkeit mit sich. Man wird mich selten in den Adabei-Spalten finden, das gibt mir nichts.

Weekend: Lampenfieber ist ein großes Thema. Wie geht es ­Ihnen damit?

Nicholas Ofczarek: Ich habe immer noch Lampenfieber! Mehr während der Proben, und am Premieren-Tag eine leichte Anspannung. Ich komme knapp vor der Vorstellung, gehe in die Maske und schon raus auf die Bühne, da komme ich gar nicht zum Nachdenken. Das ist mein Rhythmus. Nervosität ist an sich nicht schlecht, man muss sie halt benutzen, aber meistens ist sie ein Zeichen dafür, dass man zu schnell ist.

Weekend: Was heißt das, zu schnell sein?

Nicholas Ofczarek: Man kommt seinen eigenen Gedanken nicht hinterher. Wenn man nervös ist, am besten ­innehalten, sich den Moment vergegenwärtigen.

Weekend: Erinnern Sie sich an einen peinlichen Hänger?

Nicholas Ofczarek: Vor 15 Jahren habe ich am Akademietheater in "Die Jungfrau von Orleans" den König gespielt, bereits das 50. Mal, und ich hatte den Satz zu sagen "Hunderte hast du beglückt und bei einem wirst du enden". Mir fiel der Satz nicht ein, die Souffleuse schob mir für mich unverständliche Wortfetzen zu. Ich dachte mir aber: Nun, ich bin der König von Frankreich, und als solcher kann ich ja wohl zu meinem Hofstaat sagen: "Wartet hier" – und bin von der Bühne abgegangen, hab den Inspi­zienten gerufen: "Her mit dem Buch … wo ist die Seite?"

Weekend: Welche Erinnerungen haben Sie an Salzburg?

Nicholas Ofczarek: Es gab einige Sommer, wo ich in Salzburg war, und meine Frau in Reichenau gespielt hat, da ­haben wir uns leider nicht viel gesehen. Aber ich habe insgesamt sieben Sommer dort verbracht, und es war für mich auch immer ein guter Boden.

Weekend: Wie viele Rollen ­haben Sie gleichzeitig intus?

Nicholas Ofczarek: Momentan vier, es waren aber auch schon sieben oder acht, ­größtenteils Hauptrollen.

Weekend: Wie lange brauchen Sie, um wieder in so eine ­Rolle hineinzufinden?

Nicholas Ofczarek: Manchmal spielt man ein Stück zwischen drei Monate und einem Jahr, und es gibt Wiederaufnahme-Proben. Davor schaue ich mir das ein bis zweimal an. Es ist auch wie eine Körper-Erinnerung, die du immer wieder anzapfst.

Weekend: Ist es Routine?

Nicholas Ofczarek: Nein! Routine geht gar nicht. Unser Beruf, so wie ich ihn sehe, ist noch einer der letzten ana­logen Berufe. Wenn Theater wirklich lebendig sein soll, darfst du nicht bloß eine Leistungsschau abgeben. Es muss zwar eine Wiederholbarkeit geben, die sollte im Rahmen der Geschichte aber immer ein wenig variiert werden. So bleibt das Stück lebendig. Man muss dafür brennen!

Weekend: Wie kann man sich das vorstellen, dafür zu „brennen“?

Nicholas Ofczarek: Ich weiß es immer noch nicht genau. Die Gefahr des „Verbrennens“ ist natürlich wahnsinnig groß, aber ich entzünde mich nicht künstlich, mich interessiert nach wie vor dieses Rätsel, wie funktioniert das. Es ist bei ­jeder Rolle so, und ich akzeptiere es schweren Herzens, dass man immer wieder von vorne anfängt. Ich war früher strenger mit mir, unerbittlich, und jetzt denke ich, ich mache es so gut ich es unter den jeweiligen Umständen machen kann. Man hat mit enorm vielen Befindlichkeiten zu tun. Du verhandelst ja mit deinem Gegenüber in einem Stück wirklich intime Situationen, damit meine ich jetzt nicht Sex, sondern etwas sehr Privates wie zum Beispiel Frühstücken. Frühstücken mit einer mir unbekannten Frau, die jetzt meine Frau spielt, die ich aber erst vor fünf Minuten kennengelernt habe. Das kostet mich viel.

Weekend: Besteht die Gefahr, zu verglühen?

Nicholas Ofczarek: Natürlich. Das Mysterium dieser Kunstform, das nicht ganz ergründbar ist, fasziniert mich. Aber auch Schauspieler werden kaputt. Vielleicht mache ich mal eine Pause. Ich brenne, aber satt bin ich noch nicht.