Song-Contest-Gewinnerin Conchita Wurst: Ein Mann geht ihren Weg

Conchita Wurst ist die Königin von Europa. Ihr Song-Contest-Sieg stellt einen Triumph dar, der weit über dem musikalischen Wert anzusiedeln ist. Weekend Magazin analysiert die vielfältigen Auswirkungen dieser Song-Contest-Sternstunde.

Conchita Wurst
Conchita Wurst Foto: ORF / Thomas Ramstorfer

Den Siegeszug von Conchita verfolgten 180 Millionen Menschen. Doch der Gewinn des Song Contests soll nur der erste Schritt in Richtung Weltkarriere sein: Frau Wurst möchte jetzt die internationale Musikbranche erobern und einen Grammy erobern. Der Song-Contest- Sieg könnte durchaus einen Karriere-Turbo bedeuten. In den großen Musikmärkten von Deutschland bis Großbritannien stehen ihr jetzt alle Türen offen. Auch Anrufe von TV-Produzenten aus Los Angeles seien bereits eingetrudelt, wurde von ihrem Manager mitgeteilt. Nicht nur für österreichische Verhältnisse eine steile Karriere.

Metamorphose

Geboren am 6. November 1988 in Gmunden, verbringt Tom Neuwirth seine Jugend als Gastwirt-Sohn in Bad Mitterndorf, einem 3.000- Seelen-Dorf im steirischen Salzkammergut. Tom zieht es bereits als Teenager in die Glamour- und Glitzerwelt. „Auf 80 Prozent meiner Kinderfotos habe ich Frauenkleider an.“ Nach dem Besuch einer Modeschule tritt er erstmalig 2006 bei „Starmania“ ins Rampenlicht. Nach einem Kurzauftritt bei der Boyband „jetzt anders!“, folgt 2011 die Verwandlung in die Kunstfigur Conchita Wurst mit Echthaarperücke, High Heels und Vollbart in der ORF-Talentshow „Die große Chance. Für ihren Auftritt als Conchita beim Eurovision Song Contest 2014 muss die Diva erstmals keine Casting-Show absolvieren. Eine Fachjury entschied, dass Conchita Österreich in Kopenhagen mit dem Song „Rise Like A Phoenix“ vertreten wird – der Rest ist nur noch Geschichte.

Tom Neuwirth
Tom Neuwirth  aka Conchita Wurst Foto: Schafler / picturedesk.com

Heimspiel

Nun ist Österreich an der Reihe. Die Austragung des Bewerbs im Mai 2015 stellt ein unbezahlbares Werbefenster dar. Was Kopfzerbrechen bereitet, sind die Kosten. Zum einen werden Millionen in die Adaptierung der Veranstaltungslocation fließen. Immerhin muss sie nicht nur eine aufwendige Bühne, sondern auch etwa 12.000 Zuseher beherbergen und für drei Wochen geblockt sein. Für den ORF fallen Kosten in der Höhe von ca. 35 Millionen Euro an – 15 Millionen davon schießt die European Broadcasting Company zu. Da der ESC 2015 in einem ungeraden Jahr stattfindet, hat der ORF keine besonderen Aufwendungen für sportliche Großereignisse zu tragen – Budget sollte sich also frei machen lassen. Die Übertragungsrechte in etwa 40 Länder der Welt spielen einiges der Kosten wieder herein. Dazu kommen Gelder von Sponsoren Tickets und die Quoten. Den Kosten steht ein enormer Werbewert von mindestens 100 Millionen für Österreich und den Veranstaltungsort gegenüber. Jene Stadt, in der der Song Contest stattfindet, wird zu den ORF-Kosten beitragen müssen. Aber auch diese Kosten kommen zurück: In Malmö ließen 2012 die 50.000 Grand Prix- Touristen und 1.700 Journalisten rund 22 Millionen Euro in der Stadt. Rekordhalter in puncto Location-Kosten ist übrigens Aserbaidschan, das sich seine eigens für den ESC errichtete Halle 100 Millionen Euro kosten ließ.

Conchita Wurst
Conchita Wurst gewann den Eurovision Song Contest 2014. Foto: ORF/MILENKO BADZIC

Frischzellenkur

Mit Conchita hat sich der Song Contest wieder einmal neu erfunden. Gegründet 1956 als „Grand Prix Eurovision de la Chanson“ gingen in den ersten Jahren „brave“ Schlager-Künstler wie France Gall oder Udo Jürgens als Sieger hervor, 1974 brachten ABBA Pop und Moderne in die leicht angestaubte Veranstaltung. Der Contest war später geprägt von Eifersüchteleien zwischen Nachbarländern, die Musik geriet zur Nebensache.
Bis 1998 Israel - trotz Proteste – die transsexuelle Dana International ins Rennen schickte. Das Wagnis wurde belohnt, der Song „Diva“ trug den Sieg davon und läutete eine neue Ära ein. Neben Pop und Schlager waren plötzlich auch Rap und Heavy Metal zu hören. Androgyne Künstler, wie David Bowie, in der Musikwelt schon lange etabliert, haben sich im Universum des Song Contests mit Conchita Wurst jetzt ebenfalls einzementiert. Dass ihr kontroverser Beitrag gerade aus Israel mit 12 Punkten belohnt wurde, ist kein Zufall – er ist ein Statement.

Toleranz-Contest?

Vom schwulen Underdog zu gefeierten Heldin – ist Conchitas fulminanter Sieg auch ein Zeichen gegen Intoleranz und Homophobie? „Ja, Europa hat Toleranz gezeigt“, meint Wurst-Vorgänger Udo Jürgens, der den Contest 1966 für sich entschieden hat. Die Höchstpunktezahl aus katholischen Ländern wie Spanien und Irland
scheinen ihm recht zu geben, selbst vom homophoben Russland gab es immerhin fünf Punkte. Wenngleich die russische Politik den Sieg der Drag Queen nicht ganz so gelassen nimmt. Vom „Ende Europas“ spricht der Rechts- Populist Wladimir Schirinowski und bewertet den Abzug der sowjetischen Besatzung 1955 aus Österreich gar als Fehler. Vize-Premier Dmitri Rogosin twitterte, jetzt wüssten „Anhänger einer europäischen Integration, was sie erwartet – ein Mädchen mit Bart.“ Ein Blick auf das Voting der Russen zeigt aber, dass die politisch verordnete Homophobie und die Realität der Bevölkerung auseinanderklaffen. Im Gegensatz zur Profi- Jury, die keinen Punkt für Österreich übrig hatte, gab es Punkte (Platz 3) vom Publikum per Televoting. „Ich weiß nicht, ob Putin das liest, aber falls ja, sage ich ganz klar: Wir lassen uns nicht stoppen!“, lässt die Siegerin ausrichten.

Conchita Wurst
Conchita trug eine goldenen Robe aus 20 Meter Glitzertüll, verziert mit Swarovski-Steinen. Foto: Getty Images

Europa-Botschafterin

Dass es bei der Wertung letztendlich um Musik geht, bekräftigt der „Pop-Papst“ Filipp Kirkorow, der am russischen Song-Contest-Beitrag mitgewirkt hat: „Ob er einen Bart hat oder keinen Bart, ob er Mann ist oder Frau – das ist unwichtig, es ist ein Wettbewerb. Toleranz, Respekt, Achtung und Würde – Werte, die sich die EU auf die Fahnen geschrieben hat, sind beim Eurovisions-Song- Contest real spürbar geworden. Für einen Abend ist alles gut, Europa einig, und ein schwuler bärtiger Mann in Frauenkleidern zur bejubelten Integrationsfigur geworden. Eine mutige Leistung, von der so mancher EU-Politiker nur träumen kann. Mut hat aber nicht nur Frau Wurst, sondern auch Österreich bewiesen, denn im konservativen Wettbewerb um Nationen-Klischees ist die weltoffene Conchita die Anti-These zur Lederhosen- Kultur.

Conchita Wurst Anno Dazumal:

Sind wir Conchita?

Conchita Wurst polarisiert. Nicht wenige Menschen zeigten sich irritiert, als sie als Song-Contest- Kandidatin präsentiert wurde. Manche Reaktionen waren beschämend überzogen, sogar ein Imageschaden für das Land wurde in Aussicht gestellt. Eine Einschätzung, die jeglicher Realität entbehrt. Die Botschaft von Conchita Wurst ist simpel, aber eindeutig: Allein der Mensch zählt. Mit diesem Anliegen im Herzen und einem großartigen Song in der Tasche zog Conchita als auffällige österreichische Song-Contest-Kandidatin aus, zurückgekommen ist sie als „Queen of Europe“. Bleibt noch die Frage, was der Triumpf für uns bedeutet – als Individuen, als Österreicher, als Europäer. Die Euphorie, die Wurst erzeugt, erfasste die Menschen auf dem gesamten Kontinent. Und dass auch sie nicht alle Skeptiker auf ihre Seite ziehen konnte, so hat sie doch eines bewiesen: Dass es für jeden möglich ist, sich von vorgefassten, verbohrten Einstellungen und Weltbildern zu lösen. So ist Conchitas Triumph beim Song Contest gleichsam eine mächtige gemeinsame Stimme, die sich für Individualität, Vielfalt und Freiheit in unserer Gesellschaft ausgesprochen hat. Welch schöner europäischer Gedanke.

Info
www.conchitawurst.com

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