Sex in Serie: Warum Untreue im TV so beliebt ist

Spätestens, wenn Caro, Waltraud, Nicoletta, Maria und Sabine am Montagabend wieder die TV-Schirme der Nation bevölkern, ist klar: Treue war gestern!

Vorstadtweiber - Cover
Großer Erfolg: Die Vorstadtweiber Foto: Thomas Ramstorfer/First Look/picturedesk.com

Jede mit jedem. Alt mit jung, verheiratet mit geschieden und überhaupt: Beziehungen, die eine langandauernde, ungetrübte Lebenspartnerschaft abbilden, scheinen derzeit nicht so gefragt zu sein. Auf den TV-Schirmen der Nation scheint Beziehungstreue, sagen wir, wenn überhaupt, dann nur eine untergeordnete Rolle zu spielen. 

Straßenfeger

Ganze Serien sind - wie die Vorstadtweiber, die gerade für Quotenhochs sorgen - um das Phänomen der Untreue herumgeschrieben. Dass das so ist, ist kein Zufall: Untreue, das liegt auf der Hand, bildet die Lebenswirklichkeit besser ab als die Theorie der Treue. Serien, in denen Seitensprünge die Handlung beherrschen, lassen die Klassen klingeln: Ob das House of Cards ist, Game of Thrones, Spartacus, Sex and the City, die Vorstadtweiber oder Altes Geld, ja, selbst Braunschlag - eine erfolgreiche Serie braucht den Kick der Untreue anscheinend ebenso wie ein vom Johannistrieb geplagter Mittvierziger am Höhepunkt der Midlife-Crisis. 

Ausbruch

Klar, dass der Ausbruch aus der Norm in einer prinzipiell monogamen Gesellschaft zieht: Zum Start der zweiten Staffel der Vorstadtweiber versammelten sich fast eine Million Menschen vor den Fernsehgeräten. Das ist um einiges mehr als die Samstagabend-Show "Wetten, dass ...?" gegen Ende hatte: Markus Lanz' Abschiedsshow konnte nur 760.000 Zuseher binden - eine Quote, über die man schon heilfroh war. Wer eine Million Menschen begeistern will, muss schon tief in die TV-Trickkiste greifen; ein Tatort mit Moritz Eisner hat so viele Zuseher (Deckname Kidon erreichte 949.000), oder Filme wie Django Unchained von Quentin Tarantino (876.000 Personen). Das an die Desperate Housewives angelehnte Konzept der Vorstadtweiber ist übrigens auch in Deutschland ein Hit: Die erste Staffel hatte durchschnittlich 4,03 Millionen Zuseher, was für die ARD einen "überzeugenden Marktanteil" darstellt. 

Realität

Im wahren Leben ist die im Fernsehen als lässliche Sünde dargestellte Untreue freilich oft eine Katastrophe. Vor allem dann, wenn sie Beziehungen zerreißt, in denen die Partner wirtschaftlich und/oder durch Kinder aneinander gebunden sind. Die Psychologin Birgit Maurer versucht im Rahmen ihrer "Liebeskummerpraxis" in Wien und Graz zu helfen, wenn Beziehungen an einem Seitensprung zu zerbrechen drohen. Zwei Drittel ihrer Klienten kommen wegen einer oder mehreren Affären - und zwar nicht nur Klienten die selbst betrogen wurden. "Wer untreu ist, leidet oft ebenso", weiß Maurer. "Der/die Betrogene, der nicht weiß, dass er oder sie betrogen ist, leidet ja nicht. Irgendwann wird aber oft auch aus einer ungezwungenen sexuellen Affäre eine Verbindlichkeit." Warum aber wird man überhaupt untreu? "Emotionale, körperliche, finanzielle und familiäre Treue - das ist eine unglaublich romantische Idee. Die Kehrseite ist natürlich, dass das Selbstkontrolle verlangt, während Sexualität heißt, Kontrolle loszulassen. Wer treu ist, hat manchmal das Gefühl, eingesperrt zu sein." Wobei man unterscheiden müsse, ob die Neigung zur Untreue ein Fetisch ist oder nur der Versuch, Spannung wieder zu finden oder sich selbst seine Attraktivität unter Beweis zu stellen. 

Kassenschlager

Im Film und Fernsehen bietet das Thema an sich breiten Raum für erotische Szenen und jede Menge Konfliktpotenzial. Als Drehbuchautor muss man nicht besonders helle sein, um hier seine Möglichkeiten zu erkennen. Wobei man es auch vermasseln kann: "Betrayal" (zu Deutsch: Untreue) ist der Titel einer US-Serie, die wegen zu schwacher Quoten bereits nach 13 Folgen der ersten Staffel eingestellt wurde. 

Unzählige Erfolge

Demgegenüber stehen jedoch eine Reihe von Erfolgsserien, die weniger offen, aber um nichts leidenschaftlicher mit dem Thema Untreue spielen. Es ist der Dreh- und Angelpunkt von Serien wie "Revenge", "Olivia Jones", "Mad Men", "The Good Wife" und Dutzenden anderen Produktionen. Österreichische Produktionen wie "Braunschlag" oder "Altes Geld" bilden da keine Ausnahme - sie sind ohne Seitensprünge nicht vorstellbar. 

Unterschiedliche Gründe

Untreu zu sein ist in einer monogamen Gesellschaft ein soziales Tabu, das Religion, Gesellschaft und Gesetzgeber streng sanktionieren. Biologisch gesehen ist es freilich Unsinn, sich lebenslang an nur einen Partner zu binden. Der Vorteil, dass die Gene gesunder, überlebensfähiger Männer so breit wie möglich gestreut werden, steht allerdings dem Schutzbedürfnis von Frauen und Kindern entgegen. 

Biologie

Vor allem der Mann sei also nicht zur Monogamie geboren, sagen die einen, während die anderen mit Beispielen aus der Tierwelt kontern. Untreue ist nämlich bei bestimmten Spezies - zum Beispiel bei Störchen, Dikdik-Antilopen oder Höckerschwänen - ein No Go. Andere Arten binden sich zumindest in sozialer Hinsicht an eine Partnerin. Heißt: Aufzucht und Obsorge des Nachwuchses wird gemeinsam erledigt, wenn man aber in sexueller Hinsicht Abwechslung braucht, wird daraus bei beiden Geschlechtern keine große Sache gemacht. Beim Menschen ist die Monogamie keine biologische sondern eine gesellschaftliche Notwendigkeit. Bei vielen Völkern ist das Konzept völlig unbekannt. Und auch Psychologin Birgit Maurer sagt: "Treue ist kein genetisches Programm, sondern eine Entscheidung."