So klingt Heimat: Das hört Österreich

Noch vor einigen Jahren verpönt und heute die Stars am Musikhimmel: Volksmusik und Schlager boomen wie nie. Auch der neue Austropop profitiert von diesem Phänomen.

Andreas Gabalier
Einer der erfolgreichsten heimischen Künstler aller Zeiten: Andreas Gabalier Foto: Felix Hörhager/dpa/picturedesk.com

Helene Fischer führt seit 2013 jedes Jahr die Album-Jahrescharts an. Das hat es zuvor noch nie gegeben - zudem hat sie schon mehr als zehn Millionen Tonträger verkauft. Das "Best of"-Album von Andrea Berg war über 600 Wochen in den "Austria Top 40". Und Andreas Gabalier füllte erst im vergangenen Sommer das restlos ausverkaufte Münchner Olympiastadion mit 70.000 Fans - das größte Konzert, das je ein Österreicher im Ausland gespielt hat. Schlager & Co. sind längst salonfähig. Das Genre belebt den heimischen Musikmarkt. Und gewinnt immer mehr Fans. 

Alleskönner

Das bestätigt Michael Huber, Professor für Musiksoziologie an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien: "Eine repräsentative Umfrage bestätigt, dass 42 Prozent sehr oft Schlager hören, Volksmusik wird von 24 Prozent der Befragten gehört." Zum Vergleich: 2010 waren Volksmusik und Schlager gemeinsam nur von 19 Prozent als Lieblingsmusik genannt worden. Den Grund für diesen Boom sieht Huber im neuen Selbstverständnis der Branche: "Die Musik ist jünger, urbaner und vielschichtiger geworden, immer stärker kommt es zu einer Kombination von Schlager- und Pop-Elementen, die auch andere Hörer anspricht. Das macht die Grenzüberschreiter der Volksmusik so erfolgreich." 

Grenzgänger

Dieses "Grenzenüberschreiten" ist wohl auch dafür verantwortlich, dass nun Andreas Gabalier ein MTV unplugged-Konzert aufnehmen durfte - als erster Österreicher, aber auch als erster Vertreter des Genres. Doch das Geschäft ist hart. Viele versuchen es, die meisten scheitern. Wer es aber schafft, wird reich belohnt - das Vermögen der Helene Fischer wird etwa auf rund 35 Millionen Euro geschätzt. Den Charts-Thron hält allerdings eine andere: Andrea Berg lieferte mit ihrem "Best of"-Album das erfolgreichste Album überhaupt in Österreich ab - vor Helene Fischer und Andreas Gabalier. ABBA landet auf Platz vier. Die Beatles gar erst auf Platz elf. 

Millionenbusiness

Mit dem Verkauf von Tonträgern lässt sich also im Schlagerbusiness in Österreich noch durchaus Geld verdienen - 2015 waren es immerhin rund 20 Millionen Euro. Das ist allerdings nur ein Fünftel des gesamten Umsatzes. Live-Auftritte, TV-Shows, Merchandising und Tantiemen summieren sich auf nicht weniger als 100 Millionen. Im gesamten deutschsprachigen Raum wird der Umsatz sogar auf mehr als eine halbe Milliarde Euro geschätzt. 

Heimatgefühl

Über Geld wird in der Branche allerdings nicht gerne geredet. Immerhin geht es um die großen Gefühle, um Liebe, Sehnsucht und Glück. Das muss simpel sein, zum Schunkeln und Mittanzen einladen. Eben heile Welt. Denn in Zeiten von Globalisierung und Co. suchen immer mehr Menschen nach einem Zufluchtsort, einem Stück Heimat. Und das bietet vor allem die Volksmusik, deren Fangemeinde stetig wächst. Hinzukommt die hohe Fan-Bindung. Ob die Kastelruther Spatzen oder Hansi Hinterseer - viele Fans sind ihren Stars seit Jahrzehnten treu. Zudem ist es gerade die Generation 50 Plus, die noch gerne Geld für CDs und Co. ausgibt. Zudem entdecken auch viele Junge das Genre für sich. Es ist einfach nicht mehr peinlich, zu Volksmusikkonzerten zu gehen. 

Musik made in Austria

Aber auch österreichische Musiker von anderen Musikgenres machen von sich reden. Denn unter den Top 100 der österreichischen Jahrescharts fanden sich 2016 zahlreiche österreichische Alben. Profitiert also die gesamte Musikszene von diesem Boom? Michael Huber sieht das nur bedingt so: "Die Genres snd kaum zu vergleichen. Allerdings ist es so, dass das Internet unsere Art, Musik zu konsumieren, stark verändert hat. Künstler, die heute erfolgreich sein wollen, müssen vor allem bei Live-Auftritten und Konzerten eine tolle Show bieten - und das tun z.B. auch Andreas Gabalier oder Wanda." Ein bisschen Nationalstolz schwingt aber sicher auch mit - spätestens seit heimische Bands auch in Deutschland gehypt werden, gehören sie zur ersten Riege am Musikmarkt.