Narzissmus: Zwischen Größe und Wahn

Wie fies muss man sein, um es so weit wie Donald Trump oder Elon Musk zu bringen?

Selfie Narzissmus - Cover
Die große Liebe ihres Lebens: Für mehr Menschen sind es sie selbst Foto: Digital Vision/Thinkstock

Omarosa Manigault (44) arbeitete ein Jahr lang als Pressesprecherin im Weißen Haus und war dort die Vorzeige-Afroamerikanerin von Trumps Team. Bis sie "gefeuert" wurde, wie viele andere auch. Oder vielleicht kündigte sie auch aus freien Stücken, das ist nicht so sicher. Manigault versuchte jedenfalls, ihre noch frischen Trump-Erfahrungen zu versilbern.

"Keine Empathie"

"Entgleisung. Eine ehemalige Mitarbeiterin von Donald Trump packt aus", heißt ihr Buch, das demnächst auch auf Deutsch erscheinen wird. Der größte Fehler des Präsidenten sei sein "absoluter Mangel an Mitgefühl", resümiert die Autorin darin. Dieses Defizit wiederum sei Ausdruck seines "extremen Narzissmus". Trump funktioniere nur dann, wenn er im Mittelpunkt stehen könne und habe jeglichen Kontakt zur Wirklichkeit verloren. In Manigaults Enthüllungsstory erfährt man nichts, was nicht sowieso offen zutage tritt. Dass der Mann ein Prahlhans ist, lügt wie es ihm passt, auch enge Mitarbeiter vor anderen schrecklich demütigt, ein Ignorant und Ekelpaket ist – man weiß es auch so. Trump macht sich ja nicht die geringste Mühe, es zu verbergen. Wozu auch? Er ist ja der Größte.

Generation Selfie

Man nennt das "Narzissmus". Der Begriff ist in aller Munde, spätestens seit es unübersehbar ist, dass sich die halbe Menschheit selbstverliebt in Selfies spiegelt und in den sozialen Medien eine ungeahnte Orgie der Selbstanpreisung abgeht. Und auf Twitter ein Gewitter der Rechthaberei und des Beifallheischens. Gerade der Kurznachrichtendienst, hat der deutsche Medienforscher Sascha Hölig vor Kurzem festgestellt, ist eine wunderbare Spielwiese für Egomanen und Narzissten. Wie Donald Trump "zwitschert" auch Selfmade-Milliardär Elon Musk fleißig in die Welt hinaus.

Fataler Tweet

Musk, der rund 22 Millionen "Follower" hat, machte "Management by Twitter", als er Anfang August per Tweet ankündigte, den von ihm gegründeten Elektroauto-Pionier Tesla von der Börse zu nehmen. Kapitalgeber habe er bereits gefunden, schoss er nach. Eine klassische Kursmanipulation, die ihm ein Verfahren der Börsenaufsicht SEC einbrachte. Das Berufsverbot als Chef eines börsennotierten US-Unternehmens stand im Raum, bis man sich auf einen Vergleich einigte: Musk und Tesla zahlen je 20 Millionen Dollar Strafe und außerdem müssen hinkünftig alle Tweets des Tesla-Chefs vor ihrer Sendung den Börsen-Wächtern vorgelegt werden.

Regelbruch

Was hat ihn da geritten? Als typischer Narzisst hat Musk Schwierigkeiten mit Regeln – außer mit denen, die er selbst aufgestellt hat. Wie Trump hat er eine Allergie gegen Journalisten, die ihm gegenüber kritisch eingestellt sind. Wie Trump geht auch Musk über Leichen. Als Chef macht er seine Untergebenen nieder und zwingt sie, bis zum Umfallen zu arbeiten. Um die Produktion des "Model 3" auf die gewünschte Stückzahl anzuheben, wurde binnen zwei Wochen eine Fertigungsstraße in einem Zelt aus dem Boden gestampft, für die Arbeiter galt der 12-Stunden-Tag bei sechs Arbeits­tagen die Woche. Wer da nicht mitkann oder mag, wird fristlos entlassen.

Eiskalt abserviert

Musks Verhalten gegenüber Freunden und Frauen ist, gelinde gesagt, egozentrisch. Der Journalist Ashlee Vance, der eine Biografie des Entrepreneurs verfasst hat, schildert darin, wie Musk mit seiner lang­jährigen Assistentin Mary B. Brown umsprang. Die Frau, die gemeinsam mit ihm Nächte durchgearbeitet und dem Job ihr Privatleben geopfert hatte, bat eines Tages um eine Gehaltserhöhung. Musk schlug ihr daraufhin vor, eine Auszeit zu nehmen. Als sie nach einigen Wochen wieder erschien, wurde ihr kühl ausgerichtet, sie werde nicht mehr gebraucht.

Schlimmer Aussetzer

Wehe, jemand dreht den Spieß um. Als die Höhlen­rettung in Thailand im Gange war, rückte Musk mit einem selbstentworfenen Mini-U-Boot an. Die vor Ort arbeitenden Retter waren der Meinung, dass das Tauchgerät zu groß für die Höhle sei und witterten außerdem eine PR-Aktion. Musk schäumte vor Wut und schimpfte einen der britischen Höhlentaucher einen "pedo guy", einen Päderasten. Mitgefühl, Kritikfähigkeit oder gar Selbstironie darf man von Hardcore-Narzissten nicht erwarten. Nur Applaus, Applaus und nochmals Applaus darf es sein. Neben den üb­lichen Verdächtigen Donald Trump und Elon Musk ist die humorfreie Selbstanbetung auch das Markenzeichen so unterschiedlicher Persönlichkeiten wie Recep Tayyip Erdoğan, Silvio Berlusconi oder Julian Assange.

Tod durch Eigensinn

Bei Wirtschaftsgrößen wie dem Oracle-Gründer Larry Ellison sowie der ehemaligen Yahoo-Chefin und Google-Vizepräsidentin Marissa Mayer sind ebenfalls stark selbstverliebte Züge auszumachen. Dem 2011 verstorbenen Apple-CEO Steve Jobs hat sein Ich-bin-der-Größte-und-weiß-alles-besser-Syndrom sogar das Leben gekostet. Er erlag einem Krebsleiden, weil er sich einbildete, es alternativmedizinisch behandeln zu können. Selbstverständlich gedeihen auch im Showbusiness – ohnehin ein Jahrmarkt der Eitelkeiten – die Egomanen prächtig. Justin Bieber und Beyoncé sind keine Stars, die für übermäßige Bescheidenheit bekannt sind, und auch Paris Hilton, Kanye West und Kim Kardashian nicht.

Gott und Gockel

Auch der Spitzensport mit seinem Siegerkult ist mit narzisstischen Persönlichkeiten gepflastert. An niemandem ist das so gut ablesbar wie an Cristiano Ronaldo. Der 33-jährige Portugiese, der heuer von Real Madrid zu Juventus Turin für die höchste Transfersumme der Fußballgeschichte wechselte, ist ohne Zweifel einer der genialsten Fußballer aller Zeiten. Trotzdem ist er kein Sympathieträger wie Konkurrent Lionel Messi. Ronaldos gockelhaftes und testosterongesteuertes Auftreten polarisiert, und seine Instagram-Postings sind peinlich. Nichts überlässt der bestbezahlte Sportler der Welt dem ­Zufall, mindestens zwei ­seiner Kinder sind von einer Leihmutter ausgetragen worden.

An sich normal

Narzissmus ist keine psychische Krankheit. Es ist eine an sich normale Persönlichkeitseigenschaft, die Psychologen über einen Fragebogen erfassen, das "narzisstische Persönlichkeitsinventar". Gemessen wird damit, wie erfolgreich jemand sein will, wie sehr er andere ausnutzt und sich überlegen fühlt. Menschen wie Trump oder Berlusconi liegen auf dieser Skala sehr weit oben, mit hohen Werten an Kränkbarkeit, Impulsivität und Rücksichtslosigkeit. Der Übergang von normal zu krankhaft ist fließend. Umso mehr, als es eine anerkannte Tatsache ist, dass es ohne eine gewisse Por­tion Narzissmus nicht geht, wenn man nach oben will. Nur wer von sich überzeugt ist, kann ein Firmenimperium aufbauen, die US-Präsidentschaft anpeilen oder sich vornehmen, bester Fußballer aller Zeiten zu werden. Nur wer Charisma hat – und das haben Narzissten meistens – wird mächtig.

Karriereturbo

Mit Bescheidenheit bringt man es nicht weit. Vor allem nicht, wenn man etwas komplett Neues erschaffen will. Ausnahmeunternehmer Elon Musk hat sich diesbezüglich verdammt viel vorgenommen, er will der Elektromobilität zum Durchbruch verhelfen, eine Überschall-Röhrenbahn entwickeln und eine Kolonie auf dem Mars gründen. Außerdem will er eine Schnittstelle Gehirn-Computer entwickeln. Fernziel ist es, eines Tages eine Art virtuelle Unsterblichkeit zu ermöglichen. Musk erinnert immer öfter an den umtriebigen Öl-Magnaten Howard Hughes (1905 bis 1979). Der Pilot, Frauenheld und Filmproduzent setzte sich während des Zweiten Weltkriegs in den Kopf, das größte Transportflugzeug ­aller Zeiten zu entwickeln. Unglaublich viel Geld wurde in das Projekt gesteckt, ein achtmotoriger Prototyp rollte schließlich (viel zu spät) aus dem Hangar. Das Ungetüm erhob sich kurz in die Lüfte – und wurde dann ­eingemottet.