Gipfelfieber! Faszination Mount Everest

Der Mount Everest zieht seit Urgedenken Menschen in seinen Bann. Denn am Dach der Welt verläuft ein schmaler Grat zwischen Triumph und Tra­gödie – den immer mehr Touristen erklimmen.

Mount Everest 690224884 Getty Images - Cover
807 Kletterer erklommen 2018 die Spitze des Mount Everest Foto: DanielPrudek/iStock/Getty Images Plus/Getty Images

Die Luft ist dünn am Dach der Welt. Bereits im Basislager auf 5.000 Meter Höhe gibt es nur noch halb so viel Sauerstoff wie auf Meereshöhe, am höchsten Punkt nur noch ein Drittel. Temperaturen von unter -30 Grad sind hier keine Seltenheit. "Ich bin von Natur aus kein Mensch, der sein Leben gerne aufs Spiel setzt", erzählt Reinhard Grubhofer (44). Nichtsdestotrotz wird der Wiener Mitte April zu seiner zweiten Expedition auf den Mount Everest aufbrechen. "Nur darauf zu achten, zu leben und zu überleben – das ist ein wahnsinnig intensives Erlebnis", schildert Grubhofer. "Man spürt sich nie mehr, als wenn man auf solchen Touren unterwegs ist." Ohne akribische Vorbereitung, zusätzlichen Sauerstoff und eine ausreichende Akklimatisierungszeit wird der Lebenstraum aber schnell zum tödlichen Albtraum.

Schaurige Wegweiser

"Die Leichen am Everest sind für uns wie Wegweiser zum Gipfel", sagte der Schweizer Bergführer Kari Kobler gegenüber "Blick". Manche liegen seit Jahrzehnten im ewigen Eis. Mehr als 200 Tote vermutet man unter der Schneedecke. Ihre Bergung wäre zu kostspielig oder gefährlich für die Helfer. Der Tod, am häufigsten aufgrund der Höhenkrankheit, lauert vor allem beim Abstieg auf über 8.000 Meter. Nicht umsonst heißt dieser Abschnitt Todeszone. Einer von 75 verlässt den Berg nicht lebend. Tendenz steigend.

Es wird eng am Everest

Mittlerweile erklimmen Tausende Touristen jährlich den höchsten Berg der Welt. Was einigen Everest-Aspiranten an Erfahrung und körperlichen Voraussetzungen fehlt, versuchen sie durch Geld wettzumachen. Dubiose Touranbieter verkaufen "VIP-Packages" um bis zu 115.000 Euro. Versprochen wird eine Besteigung in nur acht Tagen. Die nötige Akklimatisierungsphase soll zu Hause im Sauerstoffzelt stattfinden.

Seriöse Touren

Unmöglich, meinen seriöse Anbieter. Sie fordern von ihren Kunden ausreichende Erfahrung und lassen sich bei der Besteigung Zeit. Begleitet werden sie häufig von in Europa zu Bergführern ausgebildeten Sherpas. "Mit den beiden Expeditionsleitern, Sherpas und Küchenmannschaft sind wir ein Tross von über zwanzig Leuten", sagt Grubhofer, der sich für eine Tour mit Kari Kobler entschieden hat. "Die Bergbesteigung ist vor allem ein enormes logistisches Unternehmen." Eine Tour auf den Everest, das muss man wirklich wollen: Neben monatelangem Intensivtraining und den harten Bedingungen sollte man auch die Teilnahmegebühr von knapp 60.000 Euro verschmerzen können.

Zahlen & Fakten

  • 8,5 Tonnen Abfall bestehend aus Haushaltsmüll, Exkrementen und zurückgelassener Ausrüstung: So viel sammelte China allein 2018 auf über 5.200 Meter Höhe ein.
  • 5.000 US-Dollar. "Müllkautionen" sollen zu sauberem Verhalten bewegen. Jeder Bergsteiger muss nachweislich mehr Müll mit nach unten als nach oben nehmen.
  • 807 Kletterer erreichten allein 2018 die Spitze des Mount Everest. Mehr als 5.000 haben es bis heute geschafft.
  • 5 Todesopfer forderte der Berg 2018, darunter zwei Sherpas. Seit dem ersten Aufstieg 1953 sind 292 Menschen bei dem Versuch ums Leben gekommen.
  • 2 Monate: Saison: Nur von April bis Mai ist der Gipfel bezwingbar.
  • 40.000 bis rund 60.000 Euro kostet die Expedition pro Person.
  • 30 Prozent der Gesamtdevisen macht der Eve­rest-Tourismus in Nepal aus. Damit ist er der wichtigste Industriezweig.
  • -36 Grad Celsius beträgt die Durchschnittstemperatur am Gipfel. Bis zu -90 Grad kann die gefühlte Temperatur aufgrund des Windes betragen.
  • 8.848 Meter über dem Meeresspiegel liegt der höchste Punkt der Welt. Zum Vergleich: In dieser Höhe fliegen sonst ­Flugzeuge.

Interview mit Reinhard Grubhofer

Im April startet Reinhard Grubhofer (44) seinen zweiten Versuch, den Gipfel zu erreichen. Sich selbst bezeichnet der Familienvater und Geschäftsmann als "Normalo". Wir haben mit ihm darüber gesprochen, was ihn erwartet.

Weekend: Was zieht einen trotz aller Gefahren auf den Mount Everest?

Reinhard Grubhofer: Wenn man viele Jahre Expeditionen macht und sich höhenmetermäßig immer weiter nach oben schraubt, will man sich irgendwann auch am höchsten Berg versuchen. Auf mich strahlt der Mount Everest eine wahnsinnige Faszination und Anziehungskraft aus.

Weekend: Wie sieht Ihre Familie Ihr Vorhaben?

Reinhard Grubhofer: Ich habe riesigen Respekt vor der Unterstützung meiner Frau. So ein Projekt dauert inklusive Vorbereitungszeit mindestens ein Jahr. Ich trainiere ca. zwölf Stunden pro Woche. Die Betreuung unserer vierjährigen Tochter bleibt sehr oft an ihr hängen. Hut ab, dass sie da mitzieht. Ganz abgesehen davon ist es eine Unternehmung, die gewisse Risiken mit sich bringt.

Weekend: Und wie geht Ihre Frau mit diesem Risiko um?

Reinhard Grubhofer: Meine Frau nimmt es mit Fassung und unterstützt mich. Mir ist klar: Man muss sehr egoistisch sein, um so etwas auch durchzuziehen.

Weekend: Wie lange haben Sie überlegt, den Mount Everest tatsächlich zu besteigen?

Reinhard Grubhofer: Ich war 2015 schon dort und habe Glück, dass ich überlebt habe. Das Pech war, dass ich genau zur Zeit des schweren Erdbebens dort war. 9.000 Menschen sind in Tibet und Nepal gestorben, auch rund 20 Bergsteiger am Everest. Mein Glück: Ich war gerade auf knapp 7.000 Meter, wo ich von Steinschlag und Lawinen nicht getroffen wurde. Was ich jetzt tue, ist nur das Vervollständigen von dem, was ich vor vier Jahren schon einmal versucht habe.

Weekend: Hat Sie 2015 nicht abgeschreckt?

Reinhard Grubhofer: Unter dem Schock des Erlebten habe ich zuerst "Nie wieder!" gesagt. Aber dann zieht die Zeit ins Land und man verdrängt und vergisst. Everest ist etwas, das viele mehrmals machen, weil absolut alles zusammenspielen muss, um es auf den Gipfel zu schaffen. Da gehört auch Glück dazu.

Weekend: Worauf kommt es für einen erfolgreichen Aufstieg an?

Reinhard Grubhofer: Die drei wichtigsten Faktoren sind Körper, Geist und Bedingungen. Den Körper kann ich in der Vorbereitungsphase auf ein Höchstlevel an Leistungsfähigkeit bringen. Daran arbeite ich seit über einem Jahr mit einer Trainerin. Geistig braucht es Mut und Durchhaltevermögen. Wochenlang gibt es keine Komfortzone, die Kälte zermürbt einen. Der dritte Faktor sind die Bedingungen. Nach der vier- bis fünfwöchigen Akklimatisierungsphase braucht man ein Wetterfenster von fünf bis sieben Tagen, um überhaupt eine Chance zu haben.