Mobbing in der Schule: 7 Alarmzeichen für Eltern

Spott, Isolation, Prügel: Jedes fünfte Kind wird ­gemobbt. Der psychische und physische Schmerz ist groß, die Angst vor den ­Tätern größer. Was kann man tun, um der Hölle zu entkommen?

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Österreich liegt bei Mobbing an Schulen im internationalen Spitzenfeld Foto: Alexander Medvedev/iStock/Getty Images Plus/Getty Images

Es fing harmlos an. Ein versteckter Bleistift, eine verschwundene Jause. Stille, wenn er die Klasse betrat. "Missgeburt", "Seuche" und "Opfer" dröhnte es bald über den Gang. Der Schulalltag wurde immer unerträglicher. Vor den Eltern hielt Karl M. sein Leid geheim. "Wenn sie die blauen Flecken gesehen haben, habe ich gesagt, das ist beim Sport passiert", erzählt der 13-Jährige. Karl wird immer häufiger krank, seine Fehlstunden häufen sich, die Noten werden schlechter. In der Schule versucht er, einen Bogen um seine Peiniger zu machen. Die Täter werden immer brutaler.

Spott und Isolation

Karl ist kein Einzelfall. Jedes fünfte Kind in Österreich wird gemobbt. Die Opfer werden beschimpft, tyrannisiert und isoliert. Im schlimmsten Fall reicht der Terror von massiven Drohungen und Erpressung bis zu körperlicher Gewalt. Und längst endet der Schrecken nicht vor der Schultür. Durch WhatsApp, Facebook und Co. sind Kinder den Schikanen ihrer Mitschüler rund um die Uhr ausgesetzt. Das hat auch Karl erlebt: "Sie haben auf Facebook eine Anti-Karl-Gruppe gegründet und Bilder von mir hochgeladen. Die haben sie gemein kommentiert." Womit er den Hass seiner Mitschüler auf sich gezogen hat, war ihm lange unverständlich.

Willkürliches Ziel

Wie viele Gemobbte hat er die Schuld bei sich gesucht. "Wir, also die Opfer, können nichts dafür", weiß Karl heute. Zur Zielscheibe werden oft ruhigere, schüchterne Kinder. Wer sich ängstlich, überangepasst oder konfliktvermeidend verhält, rückt deutlich öfter ins Visier. Selbst Schüler mit zentralen Positionen in der Gemeinschaft können aus Eifersucht zur Zielscheibe werden. Mobbing hat viele Ursachen, die meistens bei den Tätern zu suchen sind. Sie haben selbst oft Ausgrenzung erlebt. Manchen geht es um die Demonstration von Macht und Einfluss, anderen um Neid und Geltungsdrang. Unzufriedenheit und mangelnde Konfliktfähigkeit finden ihr Ventil in psychischer und physischer Gewalt. Nicht zu vergessen: die elterliche Vorbildwirkung. Kinder kopieren ihr Konfliktverhalten, ihre Impulskontrolle und Kompromissbereitschaft.

Gezielte Prävention

"Mobbing kann durch präventive Maßnahmen nie ganz verhindert werden", sagt Georg Koenne, Geschäftsführer des Österreichischen Zentrums für psychologische Gesundheitsförderung im Schulbereich (ÖZPGS). Einzelne Schritte können aber die Wahrscheinlichkeit reduzieren und die Auswirkungen mildern. "Dazu gehört, dass es eine tatsächlich gelebte Null-Toleranz-Politik gegenüber Gewalt an der Schule gibt." Essenziell ist das aktive Ansprechen der Problematik durch den Lehrer. Empathie-Training und soziales Lernen sensibilisieren für den respektvollen Umgang.

Das Wichtigste: eingreifen!

Kommt es zum Ernstfall, entwickelt sich eine teuflische Dynamik. "Mobbing lebt von der Gruppendynamik. Wird diese unterbrochen, kann sich die Situation zum Positiven verändern", sagt Koenne. "Das Erste und Wichtigste ist deshalb: eingreifen, 'Stopp!' sagen oder im Fall von Cybermobbing einen positiven Kommentar verfassen." Ein Einschreiten, auf das Karl vergebens gewartet hat.

Letzte Mittel

"Sie haben mir den Arm gebrochen", sagt Karl. "Da habe ich mich nicht mehr verstecken können." Als er sich seiner Mutter anvertraut, wendet sich diese an die Schuldirektion. In vielen Fällen lässt sich der Konflikt nach aktiver Meldung in der Klasse gemeinsam lösen. "Wichtig ist, sich zuerst dem Opfer zuzuwenden und diesem den Rücken zu stärken", sagt Koenne. "Erst im zweiten Schritt geht es darum, mit den Tätern über ihre Rolle zu reden, Strafmaßnahmen zu setzen oder Wiedergutmachungen zu vereinbaren." In Karls Fall kam die Intervention zu spät. Er hat dieses Semester an einer neuen Schule begonnen.

7 Alarmsignale für Eltern

  1. Kind will nicht in die Schule gehen oder möchte am Schulweg begleitet werden.
  2. Eigentum wird häufig verloren oder beschädigt nach Hause gebracht.
  3. Kleinere Blessuren wie blaue Flecken treten gehäuft auf.
  4. Lebensfreude nimmt ab, und Niedergeschlagenheit setzt ein. Das Kind zieht sich zunehmend zurück.
  5. Das Selbstbewusstsein sinkt. Es kommt zu Minderheitsgefühlen.
  6. Die Konzentrationsfähigkeit nimmt ab, schulische Leistungen lassen nach.
  7. Körperliche Stresssymptome wie Bauch- oder Kopfschmerzen, Appetitlosigkeit oder Schlafstörungen machen sich bemerkbar.

5 Dinge, die man gegen Mobbing tun kann

  1. "Das Erste und Wichtigste ist: eingreifen!", sagt Schul­experte Koenne. Gemeint ist das konkrete Einschreiten, Stopp-Sagen oder im Fall von Cybermobbing positives Kommentieren.
  2. Hilft weder wehren, noch kommt Hilfe von außen, gilt es, sich aktiv Unterstützung zu holen: Das können die Eltern sein, Verbündete in der Klasse, aber auch der Klassenvorstand. Das heißt nicht, dass man eine Petze ist. Sicher, die Situation ist unangenehm, aber nur so lässt sie sich ändern.
  3. Letztlich liegt es oft an den Erwachsenen, einzugreifen. Auch für sie gilt: Wer zusieht, macht sich mitschuldig.
  4. Möchte man sich nicht an Eltern oder Klassenlehrer wenden, kann man sich dem Vertrauenslehrer, der Schülerberatung oder dem Schulpsychologen anvertrauen. Die meisten Schulen haben besondere Ansprechpersonen. In der Schuldirektion kann man nach ihnen fragen.
  5. Ein Mobbingtagebuch zur Dokumentation kann helfen, wenn man um Unterstützung bittet. Ein Dankbarkeitstagebuch hingegen hilft, positive Gefühle zu stärken.