Meine Gefühle gehören dir

Liebe bis zur Selbstaufgabe: Derzeit zeigen Christian Grey und Anastasia Steele in "Fifty Shades of Grey 2 – Gefährliche Liebe", wie weit sie für ihre Beziehung gehen würden. Doch eine solche emotionale Abhängigkeit kommt auch in Romanzen abseits von Hollywood vor – und hat selten ein Happy End.

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Foto: iStock/Thinkstock/ChristinLola; iStock/Thinkstock/panic_attack (Montage)

Unterwürfigkeit und Dominanz: Spuren dieser Machtverhältnisse gibt es in jeder Beziehung. Eine Beziehung ohne irgendeine Form der Abhängigkeit existiert in unserer Gesellschaft nicht. Denn jede Beziehung – ob nun eine Liebes-, eine Freundschafts- oder eine berufliche Beziehung – erfordert ein gewisses Maß an gegenseitigem Entgegenkommen und Kontrollabgabe. Wer dazu nicht bereit ist, kann auch keine tieferen Bindungen zu Mitmenschen eingehen. Für gewöhnlich pendelt sich das Machtverhältnis zwischen zwei Personen so ein, dass beide recht zufrieden sind, wobei es fast immer einen gibt, der „die Hosen anhat“, und einen, der froh ist, wenn  er die Verantwortung abgeben kann. An dieser Form der Abhängigkeit ist nichts auszusetzen, erklärt Heinz-Peter Röhr, Autor des Buches „Wege aus der Abhängigkeit: Belastende Beziehungen überwinden“, fügt aber hinzu: „Nur jemand, der sein Leben auch allein meistern kann, ist in der Lage, sich auf konstruktive Weise abhängig zu machen.“ Problematisch wird es in zwei Fällen: wenn einer der beiden mit seiner Rolle nicht mehr zufrieden ist oder wenn einer der beiden beginnt, seine Position auszunutzen, bzw. der andere in eine negative Form der Abhängigkeit schlittert, sprich sein eigenes Wohlergehen ausschließlich durch den anderen gelenkt wird.

Absolut abhängig

Gefährlich wird es, wenn das Machtgefälle zu einer regelrechten Abhängigkeit vom Partner wird. „Häufig wird Abhängigkeit mit Liebe verwechselt. Sich zu einem anderen Menschen hingezogen fühlen, ihn nicht loslassen können, bedeutet jedoch nicht unweigerlich, dass man ihn liebt“, so Heinz-Peter Röhr. Gefährdet sind jene Personen, die als Kind wenig Stabilität und Fürsorge im elterlichen Haushalt erfahren haben. Sie suchen oft verzweifelt Liebe und Anerkennung und sind bereit, ihre eigene Persönlichkeit dafür aufzugeben, um den anderen zu gefallen. Julia Kathan, Autorin des Buches „Alles für ein bisschen Liebe?“, weiß: „Hat man als Kind zu wenig Liebe und Geborgenheit erfahren oder wurde man zu oft kritisiert, hat man gelernt, an sich selbst zu zweifeln. Das führt dazu, dass man glaubt, sich anstrengen zu müssen, um geliebt zu werden.“

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Foto: iStock/Thinkstock/stevanovicigor; iStock/Thinkstock/OSTILL (Montage)

Suche nach dem Happy End

Genau diese Frauen sind es dann, die sich in unnahbare Männer verlieben und diese erobern möchten – um endlich das langersehnte Happy End zu erfahren, das sie seit ihrer Kindheit vermissen. Dabei gehen manche Frauen so weit, dass sie ihr gesamtes Leben nach den Wünschen und Bedürfnissen des Mannes ausrichten, um eine (vermeintlich) erfüllte Liebesbeziehung führen zu können. Sie projizieren ihre Vorstellung von der perfekten Partnerschaft auf den Mann. Das Problem: Frauen, die in einem solchen Verhaltensmuster gefangen sind, suchen sich unbewusst genau jene Männer aus, die besonders emotional distanziert sind. „Mit einem netten Mann, der mit einem Blumenstrauß und einem Heiratsantrag vor der Tür steht, wären sie komplett überfordert – denn dann hätten sie ja keine Möglichkeit zur Projektion mehr“, so Julia Kathan. Das Happy End bleibt somit eine Utopie – völlig egal, wie sehr sich die Frau aufopfert.

Vermeidender Partner

Die Buchautorin erklärt die Entstehung einer solchen Partnerschaft: „Eine emotional abhängige Beziehung beginnt harmlos mit der üblichen Phase der Verliebtheit. Bald wird der Partner aber regelrecht zur Droge – ist er anwesend, so ist man euphorisch, ist er aber nicht da, kämpft man gegen innere Leere und Verlustängste.“ In den meisten Fällen empfindet der angeschmachtete Partner eine derartige emotionale Abhängigkeit früher oder später als anstrengend und einengend – er geht auf Distanz, was dazu führt, dass der andere noch stärker darauf bedacht ist, den Partner für sich zu gewinnen. Ein Teufelskreis beginnt, der oftmals mit dem Zerbrechen der Beziehung endet, wodurch die Verlustängste des schwächeren Partners noch mehr geschürt werden und er in der nächsten Beziehung noch stärker darauf bedacht ist, keinen Fehler zu machen. Dadurch wird er jedoch immer der unterlegene Partner sein, wie Paartherapeut Wolfgang Krüger weiß: "Es hat immer der die Macht, der sich leichter trennen kann. Denn bei allen Konflikten lenkt derjenige ein, der schneller die Nerven verliert, weil er Angst davor hat, notfalls allein leben zu müssen."

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Foto: iStock/Thinkstock/Marjan_Apostolovic

Suche Mäuschen

Mitunter gibt es Männer (seltener auch Frauen), die sich genau solch aufopfernde Partner wünschen – beispielsweise, um das eigene Selbstbewusstsein zu pushen und Machtgelüste zu stillen. Sie haben unbewusst Angst vor Zurückweisung und suchen sich daher Partnerinnen, die sie zwar als lästig empfinden, von denen sie jedoch keine Abfuhr zu befürchten haben. Männer, die auf der Suche nach Ego-Bestätigung und viel Macht sind, sind beispielsweise dadurch zu erkennen, dass sie schlecht mit Kritik umgehen können, keine anderen Meinungen tolerieren und die Vorschläge und Wünsche des Partners ignorieren. Wird ein destruktiver Machtprozess in der Beziehung erkannt, so gilt es, diesen bewusst wahrzunehmen und sich dem Partner entgegenzusetzen – etwa, indem man sich auf Dinge ohne Partner konzentriert, vermehrt Freunde trifft etc. Es gilt, selbst die Initiative zu ergreifen und sich auf keinen Fall dem Partner zu sehr unterzuordnen – um beispielsweise zu vermeiden, alle Freundschaften zu verlieren und sich letztendlich mit dem Partner als einzige Bezugsperson wiederzufinden.

Neue Wege

Dass es aber noch nicht damit getan ist, sich einfach neue Beschäftigungen zu suchen und Dinge allein zu unternehmen, weiß Julia Kathan: „Hobbys sind ein guter Anfang. Eine wirkliche Lösung bietet aber nur die Selbstliebe. Schritt eins ist, sich zu outen und die eigene Abhängigkeit einzugestehen. Schritt zwei ist dann, nicht mehr den Partner, sondern sein eigenes Verhalten zu analysieren.“ Ist das geschafft, kann man sich (beispielsweise mithilfe einer Psychotherapie, Ratgeber-Büchern oder einer intensiven Auseinandersetzung mit sich selbst) den erlittenen Verletzungen aus der Kindheit annehmen und lernen, sich selbst so zu lieben, wie man ist. Und dann klappt es vielleicht auch mit einer Beziehung auf Augenhöhe.