Mann, bist du schön! Körperkult der Kerle

Alte Haut ist out, jugendliche Ausstrahlung absolut in. Wer als Mann heute was hermachen und die Karriereleiter emporklettern will, braucht neben Köpfchen auch den richtigen Körper. Chirurgen, Cremes & Co. sind gefragt wie nie!

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Anti Aging-Pflege - verstärkt für Männer auch ein Thema Foto: g-stockstudio/iStock/Getty Images Plus/Getty Images

Das Schönste an den meisten Männern ist die Frau an ihrer Seite, formulierte weiland Henry Kis­singer. Die pointierte Betrachtung des US-Politikers und Friedensnobelpreisträger, Jahrgang 1923, scheint heute zunehmend aus der Zeit gefallen. Anstatt regelmäßig ins gepflegte Glas Bier – Vorsicht Kalorien! – schaut "Mann" mehr auf sich. Zumindest vorm Spiegel macht man jetzt schon halbe-­halbe mit der Partnerin – dazu aber nicht immer ein fröhliches Gesicht. Duft und Inhaltsstoffe für SIE sind eben nicht für SEINE Haut gedacht.

Nachfrage nach Männerkosmetik steigt

Resultat: Eine breite Range an Männerkosmetik erobert die Badezimmer. Beliebt sind Produkte mit optischem Soforteffekt, wie Kosmetik transparent, die Info-Plattform der Markenhersteller, weiß. "Männer wollen frisch und gesund aussehen." Vitalität gilt dabei als neues maskulines Mantra und augenscheinlicher Erfolgsfaktor, legt das Marktforschungsinstitut Rheingold nach – und damit die Latte selbst für den Durchschnittstypen immer höher. Kein Wunder also, dass nicht nur die Crème de la Crème des starken Geschlechts bei Anti-Aging-Produkten schwach wird. Jüngste, gänzlich ungeschminkte Zahlen des Euromonitor zeigen: Im Jahr 2018 wurden in der Alpenrepublik bereits 153 Millionen Euro allein für Männerpflege ausgegeben – Tendenz steigend.

Selbstoptimiert ist der Mann

Das neue, schöne Selbstbewusstsein bildet sich auch im Wunsch nach permanenter Selbstoptimierung ab, die weit über Ernährungstabellen und das maßgeschneiderte Muskelprogramm im Fitnessstudio hinausreicht. Mittlerweile wird Mutter Natur mit Nervengift zu Leibe gerückt. Spritzenbehandlungen sind mittlerweile eine Option, mit der immer mehr Männer liebäugeln. Zwickt der Anzug, denkt nicht jeder gleich an Änderungsschneider und seine Schere. Heute wird der Operationstisch zur neuen Offenbarung, der man mit offenen Augen – und nach vollem Beauty-Doc-Programm – definitiv ohne Stirnrunzeln gegenübersteht.

Hauptsache & Hautsache

Den männlichen Anteil im Bereich der ästhetischen Medizin schätzt Dr. Barbara Zink, plastische Chirurgin in Klagenfurt, derzeit auf 20 Prozent. Bei Dr. Veith Moser in Wien ist bereits jeder dritte Klient ein Kerl (Interview auf der nächsten Seite). ­Populär sind Oberlidstraffungen. Falten werden auf vielfältige Weise ausgebügelt, aber auch Brust und Bauch korrigiert.

Karriere-Kick

Die eigene Haut "optimiert" zu Markte zu tragen bringt nicht nur anerkennende Blicke, sondern auch ökonomische Vorteile. „Schönere Menschen sind vergleichsweise erfolgreicher“, meint Volkswirtschaftsprofessor Thomas Bauer mit Blick auf verfügbare Studien. "Unterm Strich", so sein Befund gegenüber Medien, "bestätigen viele Unternehmen, dass es eine Schönheitsprämie im Berufsleben gibt." Ein Wiener Headhunter, der nicht genannt werden möchte, skizziert gegenüber Weekend Style ein differenzierteres Bild. "Für uns zählt im Auswahlverfahren, ob jemand jung im Kopf ist und weniger ein faltenloses Gesicht." Ausnahmen bestätigten natürlich die Regel. "Digital" gilt seiner Erfahrung nach als "jung", Führung als "älter" – noch! Denn auch in Wirtschaft und Politik greife der Jugendkult weiter um sich.

Sixpack als Signal

Es war nur eine Frage der Zeit, bis der Beauty-Kult, dem bislang nur die Frauen ausgesetzt waren, auch die Männerwelt erreicht, sagt Wirtschaftscoach und Psychotherapeutin Christine Bauer-Jelinek. "Heute wird auch ein Mann nach dem Aussehen beurteilt. Richtig eingesetzt hilft ihm die 'Macht der Schönheit' bei der Durchsetzung seiner eigenen Ziele." Der Begriff der Jugendlichkeit spielt bei der Bestsellerautorin aber nur eine Nebenrolle. Wichtige Signale nach außen senden Bizeps und Sixpack auch in späteren Jahren. "Alle, die ihre Muskeln definieren, zeigen, dass sie leistungsbereit und diszipliniert sind", so die Expertin. Der Weg dorthin läuft über sehr viel Schweiß und verlangt nach Schotter. Bauer Jelinek: "Wenn die Ziele nicht mit Sport zu erreichen sind, greift Mann zu kleinen Helfern aus der Online-Apotheke oder legt sich unters Messer." Was ­Henry Kissinger wohl dazu sagen ­würde? Wir spekulieren einfach mal: "Alter vor Schönheit"!